05:13 30 September 2016
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Arabische Aufstände: Auftakt für Neuordnung

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Die Libyen-Krise dauert bereits seit drei Wochen. Seine Meinung über die Perspektive der arabischen Revolutionen äußerte der Präsident des Nahost-Instituts in Moskau, Jewgeni Satanowski, in einem Interview für RIA Novosti.

Die Libyen-Krise dauert bereits seit drei Wochen. Seine Meinung über die Perspektive der arabischen Revolutionen äußerte der Präsident des Nahost-Instituts in Moskau, Jewgeni Satanowski, in einem Interview für RIA Novosti.

RIA Novosti: Herr Satanowski, wie lange werden die arabischen Revolutionen noch die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen?

Jewgeni Satanowski: Wenn wir die europäischen Erfahrungen berücksichtigen, dann würde ich sagen, höchstens 70 bis 75 Jahre. In Europa hatten die Unruhen 1914 begonnen und gingen bis 1945. Ebenso wie in Europa nimmt die Hochphase in der arabischen Welt 30 Jahre in Anspruch. Das ist mein voller Ernst.

RIA Novosti: Die Ereignisse in Libyen, wo die Luftwaffe die Städte bombardiert, werden also noch 30 Jahre dauern?

Jewgeni Satanowski: Nicht unbedingt nur in Libyen, nicht unbedingt mit dem Einsatz der Luftwaffe und nicht unbedingt werden dabei Städte zerbombt. Aber all diese Kriege, Rebellionen, Aufstände und Bürgerkriege - in Libyen handelt es sich um einen Bürgerkrieg – werden sich noch lange hinziehen.

Die ganze Region von Marokko bis Pakistan, von der Türkei, die wahrscheinlich bald von diesen Stimmungen erfasst wird, bis zum eigentlichen Afrika. Die Revolutionswelle wird sich nicht auf den Nahen und Mittleren Osten beschränken. Dabei wird dort das passieren, was Europa zwischen 1914 und 1917 durchleben musste. Solche Prozesse gehen nicht schnell vorüber.

RIA Novosti: Vielleicht irre ich mich, aber nur in Libyen sind die Ereignisse ernsthaft. Selbst bei der Revolution in Ägypten kam es nicht zu so vielen Opfern.

Jewgeni Satanowski: Auf Ägypten wartet noch ein Kollaps, wenn es weniger Wasser vom Nil erhält. Das hat kaum jemand bemerkt, aber am 1. März lief ein internationaler Vertrag aus, auf dessen Grundlage Ägypten und Sudan 90 Prozent des ganzen Wasserabflusses des Nil bekamen.

Aber sechs Länder, die am Oberlauf des Nils liegen, haben einen neuen Vertrag geschlossen und wollen Wasserkraftwerke errichten, weshalb der Abfluss nach Sudan dramatisch und nach Ägypten katastrophal zurückgehen wird. Ohne Erdöl kann man überleben, ohne Wasser aber nicht. Dadurch verschlimmert sich die Situation, so dass die bisherigen Unruhen wie eine Lappalie wirken.

RIA Novosti: Wie sieht die Situation in den anderen Nahost-Ländern aus? Im Irak ist ein Tag des Zorns geplant. In Bahrain ist die Lage weiter  angespannt, obwohl die Behörden behaupten, sie würden alles unter Kontrolle haben.

Jewgeni Satanowski: In Bahrain kontrollieren die Behörden die Situation in Wirklichkeit überhaupt nicht. Dort konnte die erste Protestwelle bloß dank einer Intervention seitens Saudi-Arabiens und Kuwaits gestoppt werden. In Bahrain wollen die Schiiten, die die Mehrheit der Bevölkerung bilden, die sunnitische Dynastie, die bereits seit 200 Jahren regiert, stürzen. Dabei erhält sie Unterstützung aus dem Iran.

Dadurch steht die Zukunft des Stützpunktes der 5. US-Flotte auf dem Spiel. Dass sich die Lage in Bahrain verschlechtern wird, ist nicht zu vermeiden. Noch mehr als das: Die Spannungen werden sich auch auf die östliche Provinz Saudi-Arabiens ausweiten, deren Bevölkerung von den Sunniten massiv unterdrückt wird.

In Bahrain geht es mehr oder weniger liberal zu, weil die Einwohner die Spannungen nur teilweise spüren, denn sie leben in ihrem Königreich und nicht auf saudischem Territorium. Aber die Schiiten in Saudi-Arabien tun mir schon jetzt Leid - dort ist die Situation besonders explosiv.

Was Jemen angeht, so ist auch dort eine Explosion zu erwarten. Das Land wird sich wahrscheinlich spalten. Ich denke nicht, dass Saudi-Arabien diesen Kollaps überleben wird. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts blutig und mit zahlreichen Todesopfern vereint, aber jetzt sind verschiedene Provinzen durch nichts außer vielleicht der Gewalt mieinander verbunden.

Sollte sich Saudi-Arabien spalten, dann wissen wir nicht, was mit den anderen Monarchien in der Golf-Region passiert. Auch in den Maghreb-Ländern haben wir wohl noch nicht alles gesehen, denn die Situation in Libyen könnte leicht auch zum Beispiel für Algerien werden. Dann würde es keine Hindernisse für eine Wiederholung dieser Situation in Marokko gebe

Im Januar konnte wir bereits sehen, wie Sudan friedlich zerfallen ist. Aber auch dort gab es viele separatistische Kräfte. Im Grunde waren die früher verbundenen Kolonien von den Briten und Franzosen unfähig, als ganze Staaten zu bestehen. Wer könnte garantieren, dass auch Nigeria, Kenia und viele andere Länder sich nicht spalten?

Das Gespräch führte Samir Schachbas.

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