20:32 17 Dezember 2017
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    Experte: Arabische Monarchen müssen sich Untertanen fügen

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    Unruhen in arabischen Ländern (280)
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    Die arabische Welt durchlebt eine Phase radikaler Umwälzungen. Egal ob Präsident, Anführer oder König - alle Staatschefs müssen einen politischen Kurswechsel vornehmen.

    Die arabische Welt durchlebt eine Phase radikaler Umwälzungen. Egal ob Präsident, Anführer oder König - alle Staatschefs müssen einen politischen Kurswechsel vornehmen.

    Sie alle suchen nach der Antwort auf die Fragen: Wie an der Macht bleiben und gleichzeitig die Forderungen des Volkes erfüllen? Laut dem syrischen Politologen Mohammed Heir el-Wadi werden sie es kaum schaffen.

    Als erster scheint der libysche Anführer Muammar Gaddafi an der Reihe. Seine Militärmaschinerie wurde bereits während der Angriffe der Alliierten gestoppt.

    „Derzeit gibt es um Gaddafi bereits Menschen, die Angst davor haben, dass er an der Macht bleibt. Wenn sie sich jedoch vergewissern, dass der Tiger keine Krallen hat (das wird sehr bald geschehen), werden sie ihn entweder verlassen, oder stürzen und als Geschenk den Regime-Gegnern überreichen“, sagte Heir el-Wadi im Interview mit RIA Novosti.

    Dem syrischen Politologen zufolge ist die libysche Opposition eine ernstzunehmende Kraft. Falls Gaddafi gestürzt wird, bringt der Westen ihre Führungsriege an die Macht, die dem Westen dafür dankbar sein wird. Sie würden reibungslose Öllieferungen gewährleisten.

    Nach Gaddafi könnte Jemens Präsident Ali Abdullah Salih das gleiche Schicksal ereilen. Sein Regime bröckelt zunehmend. Sogar die Stämme haben sich von ihm abgewandt.

    „Heute brauchen ihn weder die Armee, noch die Stämme oder die Partei. Er manövrierte das Land in eine Sackgasse, verkaufte seine Unabhängigkeit an die USA und Saudi-Arabien. Das wird ihm die Macht kosten. Die militärische Unterstützung seitens Saudi-Arabiens wird ihm nicht helfen“, so der Politologe.

    Monarchien bröckeln

    Die Ereignisse in der arabischen Welt sind das Ergebnis der negativen Zustände, die ihren Ursprung in den 1940er Jahren haben. Im Laufe von mehr als 50 Jahren sind neue Generationen herangewachsen. Die Welt und die Machthaber werden heutzutage anders wahrgenommen und eingeschätzt. Nur die Herrscher selbst in den arabischen Ländern änderten sich nicht.

    „Die ganze Welt entwickelt sich. Die bürgerliche Gesellschaft wird reifer. In den arabischen Ländern ist die Geschichte stehen geblieben. Sehen Sie mal die arabischen Könige an. Sie sehen aus wie aus Mittelalter - absolute Herrscher über die Menschen; zwischen Privatem und Staatlichen wird kein Trennstrich gezogen. So kann es nicht mehr weiter gehen“, so Heir el-Wadi.

    Gewalt und Geld könnten zwar ein Beruhigungs-, aber kein Heilmittel sein. In Bahrain werde der Truppeneinmarsch aus benachbarten Ländern die bisherige Ordnung nur vorübergehend stabilsieren.

    „Eine gewaltsame Unterdrückung der friedlichen Proteste löste beim Volk eine große Welle der Empörung aus, dass Bahrains König seinen Status-Quo selbst bei einem friedlichen Dialog mit den Oppositionellen nicht aufrechterhalten kann und Zugeständnisse machen muss“, so der Experte.

    Saudi-Arabien ist von vielen Spannungsherden umgeben - Bahrain, Jemen, Oman, der Irak. Im Königsreich herrscht angespannte Stimmung. Wandlungen seien dort nicht zu vermeiden, betonte Heir el-Wadi.

    „Saudi-Arabiens Regime und der Islam im Land sind ein Anachronismus. Falls man ihn nicht bricht, wird es keinen Fortschritt geben“, so der Politologe. Als Beispiel wird der benachbarte Iran angeführt, der trotz des Islams und internationaler Sanktionen sich in Wirstchaft und Industrie weiterentwickelt.

    “Was sollen darauf die Menschen in Saudi-Arabien sagen, das viel reicher als der Iran ist? Dasselbe fragten sich die Ägypter. Das Land war wegen des Mubarak-Regime zur Stagnation verurteilt. Das war einer der Gründe seines Sturzes“, so Heir el-Wadi.

    Ägypten

    Unabhängig davon, wie sich die Situation in Libyen oder Jemen entwickelt, die Ereignisse in Ägypten werden die Zukunft der Region bestimmen. Sie seien kaum mehr umkehrbar, betonte der syrische Politologe.

    „Ägypten wird sich allmählich vom Erbe des früheren Regimes befreien und erneut nach der verloren gegangenen Führungsrolle in der arabischen Welt streben. Das sei nur durch durch die Verteidigung der Interessen der arabischen Völker erreichbar, vor allem in Bezug auf den arabisch-israelischen Friedensprozess“, so Heir el-Wadi.

    Die neue ägyptische Regierung werde eine Politik ausüben, die unabhängig vom Westen und Israel sei, so der Experte.

    „Diejenigen, die die Menschen auf den Tahrir-Platz in Kairo geschickt haben, kämpften nicht nur wegen eines Stücks Brot gegen das Regime. Nationaler Stolz und Würde spielen für sie nicht die letzte Rolle. Sie waren nur darüber erbittert, dass ein kleiner Staat wie Katar einen größeren Einfluss als Ägypten in der arabischen Welt hat“, so der syrische Experte.

    Der Regierungswechsel in Ägypten habe Voraussetzungen für einen Wandel in den Palästinensergebieten geschafft; vor allem in Bezug auf die Palästinenserversöhnung. Kairo erpesst nicht mehr die Hamas-Anführer. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas erhalte auch keine Unterstützung mehr.

    „Die Palästinenser müssen ihre Meinungsverschiedenheiten überwinden. Die Spaltung zwischen der Hamas und Fatah sowie zwischen dem Gaza-Streifen und Westjordanland ging zu weit und könnte nicht mehr rückgängig gemacht werden“, sagte Heir el-Wadi. Die Palästinenser müssen demnächst mit dem Dialog beginnen. Die Grundlage der Versöhnung bilden die palästinensischen Interessen.

    Syrien

    Auch Syrien wurde von den Unruhen in der arabischen Welt erfasst. Laut Beobachtern sind die Proteste in Deraa ein Alarmsignal an Präsident Baschar Assad.

    „Die Menschen sind nicht gegen den Präsidenten. Er hat das Vertrauen des Volkes nicht verloren und wird weiter respektiert. Die Proteste sind nicht gegen den Sturz des amtierenden Staatschefs gerichtet. Die Protestierer fordern demokratische Freiheiten und Zügelung der Korruption“, so Heir el-Wadi.

    Für die Behörden spreche ebenfalls die Tatsache, dass niemand in Syrien  Unruhen oder Krieg wolle. Das Volk unterstütze zwar die Außenpolitik des Präsidenten, erwarte jedoch „innere Reforme“, darunter die Abschaffung des Notstandgesetzes vom 1963.

    „Heute kann man kaum jemanden davon überzeugen, dass die innenpolitischen Fragen wegen des Konflikts mit Israel beiseite gelegt werden sollen“, so der Experte. Demokratische Reformen seien der einzig richtige Weg, Gewalt würden kaum helfen. Noch gege es genügend Zeit, um Reformen vorzunehmen. Falls dabei noch mehr Zeit vergeht und sich die Lage massiv zuspitzt, wird sich der Westen schneller einmischen, so der Politologe.

    Zudem seien die USA nicht gut auf Damaskus wegen seiner antiamerikanischen und antiisraelischen Politik zu sprechen. Der Westen habe anderthalb Monate gebraucht, um in Libyen einzugreifen. Hier würden zwei Wochen ausreichen, um eine entsprechende Resolution zu verabschieden. Die Behörden müssten das verstehen, so Heir el-Wadi.

    Falls sich die Unruhen auf Syrien ausdehnen, werden die Ereignisse in diesem arabischen Land auch das Schicksal der Region mitbestimmen wie Ägypten. Seit 30 Jahren sei Damaskus der wichtigste arabische Verbündete Irans. Es unterstützt die libysche Widerstandsbewegung Hisbollah und die gegen Israel kämpfenden Palästinensergruppen.

    Die Änderung dieses Kurses werde das Kräftegleichgewicht im Nahen Osten unmittelbar beeinflussen, so der Politologe.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.
      






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