01:38 13 November 2018
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    Katastrophe in Japan: Versagende Atomkonzerne

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    Verheerendes Erdbeben in Japan (279)
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    Bereits seit zwei Wochen bewegen die Horrormeldungen über die sich dramatisch zuspitzende Lage im schwer beschädigten Atomkraftwerk Fukushima die ganze Welt.

    Bereits seit zwei Wochen bewegen die Horrormeldungen über die sich dramatisch zuspitzende Lage im schwer beschädigten Atomkraftwerk Fukushima die ganze Welt.

    Zwar ist es noch zu früh, um über technische Aspekte der Katastrophe zu sprechen, man kann jedoch bereits einige Schlussfolgerungen ziehen.
    Es scheint so, als wurden schlimmere Folgen für Japan verhindert. Die Kernschmelze in den aktiven Zonen und Wärmeexplosionen unterhalb der Reaktorhülle sind vermieden worden. Dennoch zeigten sich die japanischen Atomspezialisten unflexibel und zögerlich.
     
    Woche der Wende

    Die Situation in den Reaktoren hat sich offenbar gebessert. Die Wasserstoffexplosionen in den Blöcken konnten offenbar gestoppt werden. Die Reaktorbehälter sind weiter intakt. Man kann zwar noch nicht sagen, was in den aktiven Zonen geschieht, die restliche Freisetzung der Wärme soll jedoch deutlich gesunken sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Brennstäbe nach der Freilegung der aktiven Zonen bei schwankenden Wasserpegeln in den Reaktoren stark beschädigt wurden.

    Einige Tatsachen lösen Beunruhigung aus. Im AKW wurden Kobalt-Isotopen gefunden, was in vielen Fällen bedeutet, dass der Reaktorbehälter beschädigt ist. Zudem wurden Neutronenströme festgestellt, was auch darauf hinweist, dass etwas undicht ist. Die Temperatur des Reaktorbehälters im dritten Block ist extrem hoch. Dennoch gibt es keine anderen Informationen über die Beschädigung der Reaktorbehälter. Das ist wohl eine gute Nachicht.

    Am 17. und 19. März wurde die Errichtung zweier 1,5 Kilometer langer Ersatzrohre beendet. Erst am 21. März wurden die Rohre zu allen sechs Blöcken verlegt. Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle. In Sowjetzeiten waren bei der Verlegung der Ersatzleitungen bei radioaktiver oder chemischer Verseuchung einige Stunden pro Kilometer vorgesehen. Warum wurde das nicht gleich gemacht, als die aktiven Zonen gekühlt werden mussten und das Gebiet um das Kraftwerk noch nicht so stark radioaktiv verseucht war. Diese Frage muss von den japanischen Katastrophenhelfern beantwortet werden.

    Am 23.März wurden die Transformatoren in allen vier Energieblöcken eingespeist. Die Schaltanlage des Reaktor 3 wurde gestartet. Dennoch haben diese Versuche die Kühlsysteme kaum in Gang gebracht. Am 23. März war Rauch zu sehen, offenbar in Folge eines Brands oder Kurzschlüsse im Energienetz.

    Der Start des Kühlsystems ist die wichtigste Aufgabe. Die Japaner sind dabei anscheinend auf Schwierigkeiten gestoßen. Die telemetrischen Sensoren, die Informationen über die Reaktoren enthalten, sind von größerer Bedeutung. Bei einem fast zwei Wochen dauernden „unsichtbaren“ Kampf können diese Daten wertlos sein.
     
    Mülleimer brennt

    Unklar ist die Lage weiter im Lagerbecken für die Brennstäbe. In Fukushima-1 gibt es wohl viel Abschlämmung. Zudem befinden sich im Becken des Reaktor 4 zu viele Brennstäbe, die Ende 2010 aus einem  stillgelegten Reaktor gebracht worden waren. Der Verlust des Kühlwassers führte bereits zu Bränden, Austritt von Wasserstoff mit Explosionen oder Verdampfen des verbliebenden Wassers.

    Experten diskutieren weiter darüber, ob eine Kettenreaktion im überhitzen und ohne Kühlwasser verformten Kernbrennstoff beginnen kann. 
    In Japan hat es bereits eine unkontrollierte Kettenreaktion in einer Atomanlage gegeben. Am 30. September 1999 ereignete sich in der Uran-Fabrik  wegen technischer Störungen und Verstößen gegen die Sicherheitsvorschrifen eine unkontrollierte Kettenreaktion. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben. Dutzende Menschen wurden verstrahlt.

    Die radioaktive Strahlung im Brennstäbe-Lagerbecken aller vier Unglücksreaktoren wird den Einsatzkräften noch viele Schwierigkeiten bereiten. Wahrscheinlich werden sie in einen Sarkophag eingefasst. Zuerst muss man jedoch den stark radioaktiven Inhalt der Becken in Ordnung bringen.

    Wie die Atombrache ihr Gesicht verlor

    Die Kaltblütigkeit der japanischen Atomspezialisten ist erschreckend, die kurz nach der Havarie bereits zu erkennen war – wie ein Strauss, der seinen Kopf bei Gefahr in den Sand steckt oder wie ein Kind, das sich unter der Decke versteckt. Sie wollten nicht „ihr Gesicht verlieren“. Zudem führte die mangelhafte Professionalität zu Verzögerungen beim Treffen einfachster Entscheidungen.
    Die  Ersatzleitungen verlegte man im Laufe von zehn Tagen. Die durch das Erdbeben beschädigten Straßen wurden innerhalb von fünf Tagen in Ordnung gebracht. An die Abschlämmung in den Becken erinnerte man sich erst nach einigen Tagen, als das Wasser dort verdampfte und die Atombrennstäbe zu überhitzen begannen. Das System zur Wasserkühlung der havarierten Reaktoren wurde nicht installiert: In den ersten Tagen nach dem AKW-Unfall war es noch möglich gewesen, als die Strahlenwerte noch nicht so hoch waren. Auf gut Glück wurde der Betonmantel des Reaktors mit Meereswasser gekühlt.

    Als die Situation ihren Höhepunkt erreichte, wurde das Wasser mit Hubschraubern zu den Reaktoren gebracht. Darauf sind die Japaner jedoch nicht selbst gekommen - die US-Luftwaffe half dabei. Die Feuerwehr griff auf Wasserwerfer der Polizei zurück – unterstützt von russischen Spezialisten, die vorher jedoch in Chabarowsk den ganzen Tag festsaßen, weil man sie nicht zum AKW vorlassen wollte.

    Es entsteht der Eindruck, dass es den japanischen Einsatzkräften an grundlegenden Kenntnissen über Reaktoren und Havarien mangelt. Zudem ist das Personal anscheinend nicht imstande, Entscheidungen in Ausnahmesituationen zu treffen.

    Japanische Ingenieure sind ausgezeichnet, wenn es Vorschriften und Regeln gibt. Sobald sich die Lage jedoch radikal ändert, wissen sie nicht mehr weiter.

    Die wichtigste Schlussfolgerung des AKW-Unfalls: Die Atomtechnik muss in der Lage sein, auf das Worst-Case-Szenario reagieren zu können. Die Sicherheitsvorschriften in den Kraftwerken müssen verschärft werden – und zwar unter internationaler Kontrolle. Die Atomenergiebehörde IAEO hat sich bereits bei den Japanern beschwert: Sie hat die Japaner bereits vor möglichen Problemen im AKW Fukushima-1 gewarnt. Japan betonte jedoch, es habe kein Geld. Die IAEO besitzt jedoch keine Druckmittel gegen die Japaner.

    Doch man muss sich vor allem nicht mit der Technik, sondern mit den Menschen befassen. Techniker, Ingenieure, Experten und Top-Manager des AKW-Betreibers Tepco waren nicht in der Lage, auf die  Notsituation entsprechend zu reagieren. Falls sich die Lage so rasant wie in Tschernobyl entwickelt hätte (eine starke Explosion, Brand), hätten sie vielleicht anders gehandelt.

    Bei den Versuchen, das Ausmaß der Havarie zu verheimlichen, die Karriere zu retten und unangenehme Informationen zu ignorieren, offenbarten die Japaner ihre professionelle Unfähigkeit. Technik kann umgebaut werden. Was geschieht jedoch mit dem Mensch?

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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