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    50 Jahre Gagarin-Raumflug: Ausverkauf der russischen Raumfahrt

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    Juri Gagarin - der erste Mensch im Weltall (33)
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    Welch ein Zufall: Moskau feiert heute den 50-jährigen Jahrestag des ersten bemannten Raumflugs und in New York versteigert das Auktionshaus Sotheby’s die „Wostok-3KA-2“-Kapsel.

    Welch ein Zufall: Moskau feiert heute den 50-jährigen Jahrestag des ersten bemannten Raumflugs und in New York versteigert das Auktionshaus Sotheby’s die „Wostok-3KA-2“-Kapsel.

    Mit der Landkapsel wurde am 25. März 1961 der letzte Testflug unternommen. Damals waren neben dem Hund Swjosdotschka (Sternchen) auch „Iwan Iwanowitsch“ ins All geflogen - eine mit Sensoren ausgestattete Kosmonautenpuppe in Lebensgröße. Der Raumflug war die Generalprobe für Juri Gagarins Start.

    „Iwan Iwanowitsch“ wurde bereits vor langer Zeit für 189.500 US-Dollar versteigert. Mit der „Wostok“-Kapsel verlässt eine weitere Reliqie der Gagarin-Ära die Heimat. Sie hätte zwar von einem reichen Russen gekauft werden können, doch das wird kaum geschehen. Es handelt sich nicht um einen hohen Preis. Der jetzige Besitzer will für eine angekohlte 2,1 Meter dicke Aluminium-Kugel acht bis zehn Millionen US-Dollar bekommen. Vor einigen Jahren war er bereit gewesen, sie für 800.000 US-Dollar zu verkaufen. Doch das ist nicht viel im Vergleich zum Preis einer Jacht oder mehreren Fabergé-Eier.

    Im heutigen Russland werden viele Raumapparate ins Ausland verkauft und kehren nicht mehr zurück. Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos bedauert, dass viele Apparate verkauft wurden und hofft, dass russische Wirtschaftsbosse sich auch einige Raumapparate zulegen.

    Auf dem Ausstellungsgelände WWZ in Moskau steht vor dem „Kosmos“-Pavillon die Wostok-Rakete wie ein stummer Vorwurf. Im Pavillon gibt es jedoch eine Dauermesse für Gärtnereibedarf.

    In einem kürzlich eröffneten Weltraum-Museum gibt es zwar interessante Dokumente, Gegenstände und Modelle, es wirkt jedoch provinziell und ärmlich im Vergleich zu Russlands enormen Beitrag zur Raumfahrtgeschichte. Die Ausstellungen hätten mehr Interesse geweckt, wenn das Versteigerte zurückgebracht worden wäre.

    Der bekannte Journalist Witali Golowatschow, der vor 50 Jahren über den Gagarin-Flug berichtete, hat eine Liste mit den verlorenen Schätzen der Raumfahrt erstellt. Die Liste ist lang: von Uhren und Unterhosen der Kosmonauten bis zum Mondmobil, Bodenproben vom Mond und die „Buran“-Raumfähre, mit der 24 Testflüge in der Luft unternommen wurden.

    In der Liste gibt es auch eine handgeschriebene Rede Gagarins vor der staatlichen Kommission am 10. April 1961, ein von ihm unterzeichnetes Exemplar des Flugberichts, die vom Marschall Konstantin Werschinin geschenkte Uhr, das Glückwunsch-Telegramm Nr.1 von Nikita Chruschtschow, Gagarins Militäruniform, ein Raumanzug, in dem er sich auf den Flug vorbereitete...

    Zudem gingen Dokumenten des Raketenbauers Sergej Koroljow und etwa 30 Notizblöcke von Wassili Mischin, der nach dem Tod Koroljows die Leitung des Konstruktionsbüros übernahm, unter den Hammer. Anfang der 1990er Jahre verkaufte er seine einmaligen Tagebücher für 5000 US-Dollar, die später für 211.000 US-Dollar versteigert wurden. In Russland zeigte kaum jemand Interesse an diesen Gegenständen aus der Raumfahrt.

    Dieser Ausverkauf ist eine Schande für eine Weltraummacht wie Russland - wie ein Trunkbold, der sein letztes Hemd verkauft. Ist Russland reicher geworden, als es eine Landekapsel versteigerte, mit der die Kosmonauten Viktor Gorbatko und Juri Glaskow 1977 eine dramatische Landung machten? Für diese Kabine wurden weniger als 50.000 US-Dollar eingenommen - ein gutes Auto kostet mehr in Moskau. Verkauft wurde ebenfalls ein Teil der Bodenproben vom Mond, die in den 1970er Jahren zur Erde gebracht wurden. Jedes Gramm der insgesamt 330 Gramm hat sowohl für die Wissenschaft als auch für die Geschichte eine große Bedeutung. Der tatsächliche Wert in nicht vergleichbar mit den 442.000 US-Dollar, die für die Proben bezahlt wurden. Der Raumanzug, mit dem Alexej Leonow 1975 zur historischen Kopplung mit der Appollo-Raumfähre flog, ging für 156.000 US-Dollar weg. Das Technik Museum in Speyer erwarb mit Unterstützung der deutschen Regierung den sowjetischen Raumapparat „Buran“ nach einem langen Rechtsstreit. Der eigens dafür erbaute Pavillon erfreut sich eines enormen Besucherandrangs. Der russische Raumapparat ging vor neun Jahren auf dem kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur beim Einsturz eines Hallendaches kaputt. Russland besitzt kein Relikt dieser Art.

    Weder Raumfähren, noch Raumanzüge, noch Landekapsel und offizielle Dokumente können ohne Billigung der Behörden ins Ausland verkauft werden. Auf Anfragen erhält man Erklärungen wie: „Für die Kontrolle der Legitimität bei der Ausfuhr der Dokumente aus Russland ist nicht Roskosmos zuständig“. Zahlreiche Aufsichts- und Kontrollbehörden interessieren sich nicht dafür, wer diese Dokummente unterschrieben hat. Der sowjetische Mondrover wurde vom US-Amerikaner Richard Garriott für 68.500 US-Dollar bei einer Auktion gekauft. Die Eigentums- und Kaufrechte unterliegen zwar Vorschriften, dennoch war es unmöglich, die Identität des russischen Verkäufers herauszufinden. Die Raumfahrtfirma NPO S. A. Lawotschkin, die den Mondrover hergestellt hatte, betonte, in diesem Deal nicht eingebunden gewesen zu sein. Andere Spuren wurden nicht gefunden.

    In den finanziell klammen 1990er Jahren ging es der russischen Raumfahrt vor allem darum, zu überleben. Doch auch bereits Anfang der 1960er Jahre war die Raumfahrt nicht auf Rosen gebettet. Der Gagarin-Flug fand 16 Jahre nach dem Kriegsende statt. Es gab nicht nur Jubelfeiern am 12. April 1961, sondern auch lange Schlangen vor den Geschäften. Als Gagarin vor 50 Jahren ins All flog, herrschte kein Überfluss im Alltagsleben. Heute ist der Gagarin-Flug ein Grund stolz zu sein.

    Was soll man machen? Es wäre gut gewesen, an der Sotheby’s-Auktion nicht nur als Verkäufer, sondern auch als Käufer teilzunehmen und zu versuchen, zumindest einen Teil der Gagarin-Epoche zurückzubekommen. Einige Sammler erklärten sich sogar bereit, die Raritäten zum damaligen Preis zu verkaufen. Offen ist bislang, ob Russland daran interessiert ist...

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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