01:30 13 November 2018
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    Folgen der Erdbeben-Katastrophe in Japan für die Welt (136)
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    Im Interview mit RIA Novosti spricht Sergej Baranowski, Präsident der russischen Umweltschutzorganisation Grünes Kreuz, über die Zukunft der Atomenergie.

    Im Interview mit RIA Novosti spricht Sergej Baranowski, Präsident der russischen Umweltschutzorganisation Grünes Kreuz,  über die Zukunft der Atomenergie.

    RIA Novosti: Um die Lage im japanischen Kernkraftwerk Fukushima wird viel spekuliert. Inwieweit ist das Geschehene eine Umweltkatastrophe?

    Sergej Baranowski:
    Die Naturkatastrophe verwandelte sich wegen der Fehler von Ingenieuren in eine Umweltkatastrophe. Das löst große Ängste nicht nur in Japan, sondern in allen Nachbarregionen aus. Nachdem weltweit radioaktive Strahlungen (obwohl auch sehr niedrige) festgestellt worden waren, wurde Alarm geschlagen.

    RIA Novosti:
    Zwar wird von den Ökologen Alarm geschlagen, doch Atomexperten behaupten, dass trotz der Gefahr alles nicht so schlimm sei.

    Sergej Baranowski: Da kann ich nicht zustimmen - die Lage ist schlimm. Man muss jedoch  Lehren daraus ziehen. Was geschehen ist, ist geschehen. Die Japaner hatten nicht die schrecklichen Erfahrungen gehabt wie Russland nach der Kyschtym-Havarie 1957 und dem Tchernobyl-Unfall 1986 oder die USA nach Three-Mile-Island 1979. Nach meiner Ansicht haben die Japaner viele Fehler gemacht. Gleich zu Beginn hätten sie sich an die russischen Experten wenden sollen. Die schlimme Erfahrung, das Erbe von Tschernobyl und Kyschtym hat uns einiges gelehrt.

    RIA Novosti: Die Atomkatastrophen in Russland waren doch schlimmer als in Fukushima.

    Sergej Baranowski: Sie sind nicht vergleichbar. Doch diese Erfahrung wäre für die Japaner nützlich gewesen.

    RIA Novosti: Zurzeit wird erneut darüber diskutiert, dass die Atomenergie unsicher sei und alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden müssten. Die Grünen sind im Aufwind - zynischerweise dank des AKW-Unfalls. Stellt die Atomenergie eine echte Gefahr dar?

    Sergej Baranowski: Als ein Vertreter der Grünen möchte ich sagen, dasss die Grünen unterschiedlich sind. In den 1990er Jahren entstand eine Klassifikation. Mit der Entstehung des Grünen Kreuzes und des Internationalen Grünen Kreuzes war es möglich, mit den Grünen konstruktiv zusammenzuarbeiten. Vorher hatte es nur zwei Gruppen gegeben: regierungsfreundliche Umweltschützer und radikale Umweltschützer, die sich gegen jegliche Entwicklung und Innovationen wandten, weil dies Folgen für die Umwelt hat. Die radikalen Ökologen ärgerten die Regierung (manchmal hatten sie tatsächlich Recht), so dass es keinen Dialog zwischen der Regierung und den Ökologen mit den Bürgern gab. Insbesondere weil es regierungsfreundliche Grünen gab. Im Statut des Grünen Kreuzes steht der Punkt „cooperation not confrontation“ und das Motto „Es ist besser, ein Teil der Lösung als ein Teil des Problems zu sein“. Nach diesen Prinzipien handeln in Russland viele Umweltorganisationen. Der russische Umweltkongress besteht aus über 70 Organisationen, die zwar für den Umweltschutz sind, jedoch konkrete Lösungen und die Vorbeugung möglicher Umweltsünden bevorzugen. Wir sind vor allem für einen offeneren Dialog zwischen den Personen, die Entscheidungen über die Entwicklung der Atomenergie, Kernkraftwerke, den Bau von Atombomben u.s.w. treffen. Man muss nach Lösungen suchen, die auch den Behörden und den Einwohnern ins Konzept passen.

    RIA Novosti: Hätte es diesen Dialog gegeben, würden Sie nicht gegen die Entwicklung der Atomenergie sein?

    Sergej Baranowski:  Man sollte sich vorsichtig gegenüber die Entwicklung der Atomenergie verhalten. Man muss unbedingt das machen, wovon sowohl radikale als auch nicht-radikale Grüne sprechen, und bereits im 21. Jahrhundert die Probleme versuchen zu lösen, worüber Ökologen beunruhigt sind. Das ist vor allem das Problem mit den Atomabfällen, das weiter ungelöst ist und zu großen technologischen Problemen und Kosten führt. Diese Probleme müssen gelöst werden.

    RIA Novosti: Was geschieht heute mit dem Atommüll?

    Sergej Baranowski: Die Atomabfälle häufen sich an. Sie gelten als Rohstoff. Es besteht die flüchtige Hoffnung, dass die künftigen Gnerationen nützliches Atommaterial aus diesen Abfällen gewinnen können (Kernbrennstoff u.s.w.).

    RIA Novosti:  Sie werden also irgendwo angesammelt und nicht im Boden vergraben?

    Sergej Baranowski: Sie werden entweder begraben oder in Sonderlagern wie Majak entsorgt. Dort wird zwar ein großer Teil verarbeitet, es bleiben jedoch sehr viele Kernbrennstoffe und verseuchte Abfälle zurück. Bis heute wartet dieses Problem auf eine Lösung. Dies verursacht Befürchtungen bei allen Grünen und jedem vernünftigen Mensch.

    Falls es sich um das Treffen von grundlegenden Entscheidungen handelt (beispielsweise die Atomenergie zu schließen), ist es unmöglich. Falls jemandem die Idee in den Kopf kommt, die Atomenergie gesetzlich zu verbieten, wie einige Ökologen bereits fordern, wird die Menschheit mindestens weitere 50 Jahre mit der Atomenergie zu tun haben. Um ein Ende der Atomkraft herbeizuführen, sind viel Zeit und Geld vonnöten. Zudem werden diejenigen Länder, die über Atomwaffen verfügen, und einige, die sie bekommen wollen, niemals die Entwicklung der Atomenergie stoppen. Das hängt mit der nationalen Sicherheit zusammen. Gerade dagegen muss gekämpft werden. Solange die Gefahr eines Atomkriegs besteht (und sie besteht tatsächlich), wird es die Atomkraft geben. In dieser Situation macht sich niemand Gedanken über die Umwelt. Andererseits bringt die sogenannte friedliche Atomenergie viel Nutzen. Viele Medikamente sind ohne Nuklearstoffe kaum herstellbar. Man muss nach einer Lösung suchen und vor allem die Atomwaffen verbieten. Danach können vielleicht technologische Lösungen zur Struktur der Reaktoren entstehen, die sicherer sein werden. Es wird Technologien zur Verarbeitung der Atomabfälle geben. Danach kann man theoretisch auf die Atomenergie verzichten.

    RIA Novosti: Vielen Dank für Ihre Zeit und die Antworten.

    Das Gespräch führte Samir Schachbas.

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