16:38 08 Dezember 2019
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    Wachsende Ozonbelastung: Gefährliche Ballungszentren

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    Im Interview mit RIA Novosti spricht der russische Klimaforscher Nikolai Jelanski über die Ausdehnung des Ozonlochs über der Arktis und die Klimaveränderungen.

    Im Interview mit RIA Novosti spricht der russische Klimaforscher Nikolai Jelanski über die Ausdehnung des Ozonlochs über der Arktis und die Klimaveränderungen.

    RIA Novosti: Das Ozonloch über der Arktis nimmt immer größere Ausmaße an. Was bedeutet das für uns?

    Nikolai Jelanski: Es handelt sich um einmalige Erscheinung. Über der Arktis ist ein Ozonloch entstanden. Zunächst ging man davon aus, dass sich ein Loch in dieser Größe so lange nicht dort befinden könne. Am 3. und 4. April weitete sich das Loch bis nach Moskau aus - an diesen Tagen war es in der russischen Hauptstadt warm und sonnig gewesen. Die UV-Strahlung erreichte in Moskau etwa die gleichen Werte wie in Griechenland oder auf der Krim.

    RIA Novosti: Das Jahr 2012 rückt näher. Einige rechnen mit einer Apokalypse. Steht uns das Ende der Erde bevor oder ist alles nicht so schlimm?

    Nikolai Jelanski: Das Ozonloch selbst stellt keine Gefahr dar, weil im Polargebiet fast keine Einwohner leben und das Wasser mit den Meeresökosystemen für die UV-Strahlung unzugänglich ist. Deswegen wird das Ozonloch keinen direkten Einfluss ausüben. Es könnte jedoch Folgen geben, die schwer vorhersagbar sind, darunter auch überraschende.

    RIA Novosti: Welche zum Beispiel?

    Nikolai Jelanski: Das Ozon spielt in der Atmosphäre die Rolle eines Heizelements, es absorbiert die UV- und Infrarotstrahlung. Weil sich die Luft erwärmt, kann das auch die Zusammensetzung der Luft und den globalen Luftkreislauf beeinflussen.

    RIA Novosti: Die Temperatur auf der Erde kann sich also verändern? In welcher Richtung?

    Nikolai Jelanski: Schwer zu sagen. Das in der Troposphäre befindliche Ozon (niedriger als zehn Kilometer) fördert die Erwärmung der Reserveschicht. Es ist ein Treibhausgas. Das in der Stratosphäre befindliche Ozon absorbiert die Sonnenstrahlung und verhindert das Durchdringen zur Erde. Deshalb erwärmt sich die Erde nicht. Das Verhältnis zwischen der Veränderung des Ozons in der Troposphäre und des Ozons in der Stratosphäre kann zu unvorhersagbaren Folgen führen wie die Veränderung der Wellenaktivität in der Atmosphäre oder Veränderung der Wetterzyklen. Die Enstehung der Ozonlöcher ist zu rund 70 Prozent ein natürlicher Prozess. Die restlichen 30 Prozent hängen mit dem Einfluss des Menschen auf die Atmosphäre zusammen.

    RIA Novosti: Was können wir unternehmen, um die jetzige Situation zu beeinflussen?

    Nikolai Jelanski: Die Atmosphäre ist gesättigt mit Wellen. Es handelt sich um ein starkes Schwingungssystem. Es ist allen bekannt, dass sich das Wetter im Durchschnitt jede fünf bis sieben Tage ändert - die Tiefdruckgebiete werden durch Hochdruckgebiete abgelöst. Neben diesen inneren Schwankungen in der Atmosphäre gibt es auch äußere wie die Sonnenaktivität. Alles zusammen schafft ein kompliziertes System der Wellenprozesse. In den neuesten Forschungen wurde eine interessante Abhängigkeit festgestellt. Die Weltproduktion hat heute ein Ausmaß erreicht, dass eine Arbeitswoche die Atmosphäre beeinflusst. In Moskau steigt von Montag bis Freitag die Konzentration der Gase und Aerosole massiv an, die wegen der Fabriken und des Verkehrs ausgestoßen werden. Diese Schadstoffe steigen nach oben und schaffen die Bedingungen für die Bildung der Wolken, die ihrerseits das Wärmegleichgewicht verändern. Dieselbe Situation ist in ganz Europa zu erkennen - im Laufe einer Arbeitswoche entsteht eine „Glocke“ aus Schadstoffen, die die ganze Troposphäre bedeckt. Am Wochendende geht die Konzentration der Schadstoffe stark zurück. Neben den fünf bis sieben Tage dauernden Zyklen gibt es ebenfalls 27 Tage lange Zyklen. Wenn die Zyklen zusammenfallen, kann das zu einem „Blocking“ führen. So etwas war im vergangenen Sommer in Moskau zu erkennen: Die Tief- und Hochdruckgebiete vereinigten sich und blockierten zwei Monate lang die westlichen Winde vom Atlantik. Das Ozonloch ist ebenfalls ein Beispiel für dieses „Blocking“, das bereits seit zwei Monaten existiert und zur Zerstörung des Ozons führt. Heute könnte man theoretisch dieses Schwingungssystem und den Zyklus verändern. In der Welt gibt es drei Ballungszentren, die am aktivsten sind - die USA, Europa sowie China und Japan. Das ist eine Welle. Falls man in den USA eine Fünf-Tage-Arbeitswoche, in Moskau eine Acht-Tage-Arbeitswoche und in China eine Vier-Tage-Woche einführen würde, wird sich das Wetter im Laufe von einer Woche verändern. Auf diese Weise kann eine gemeinsame Veränderung der Arbeitswoche die Entwicklung verschiedener Wellen in der Atmosphäre fördern oder bremsen. Wir arbeiten gerade an einem Modell, mit dem wir erklären könnten, wie und inwieweit eine koordinierte Entscheidung zwischen verschiedenen Ländern den Klimawandel beeinflussen kann.

    RIA Novosti: Ist es möglich, dass sich einige Länder darauf einigen, in einem Zyklus zu handeln, um einem anderen Land zu schaden?

    Nikolai Jelanski: Für einen ernsthaften Klimawandel würden zwei oder drei Länder, die sich für dieses Ziel zusammentun, nicht ausreichen. Es müssen mehrere Länder sein.

    RIA Novosti: Wann sind gemeinsame Schritte zum Klimawandel zu erwarten?

    Nikolai Jelanski: Ich denke nicht, dass dies bald geschieht. Bei der jüngsten Klimaschutzkonferenz wurden keine konkreten Ergebnisse erreicht. Das Problem besteht darin, dass jedes Land seine eigenen Interessen verfolgt. Bei Entwicklungsländern handelt es sich um die Entwicklung der Industrie und des Verkehrs, bei den Industrieländern um die Verringerung der Schadstoffemissionen. Deswegen ist es sehr kompliziert, sich auf eine gemeinsame Vorgehensweise zu einigen, weil sie den Produktionsinteressen mehrerer Länder widerspricht. Dennoch ist der Einfluss des Menschen auf die Natur feststellbar und kann zu unangenehmen Folgen führen. Ich denke, dass die Länder früher oder später einen gemeinsamen Standpunkt finden werden.

    RIA Novosti: Vielen Dank für Ihre Zeit und die Antworten.

    Zum Interviewten: Nikolai Jelanski ist Leiter der Abteilung für die Erforschung der Atmosphärenzusammensetzung am Obuchow-Institut für Atmosphärenphysik.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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