22:38 19 August 2017
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    Benzinnot in Russland: Kartelle außer Kontrolle?

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    Wenn ein ölreiches Land wie Russland auf einen Spritmangel stößt, mutet das schon seltsam an.

    Wenn ein ölreiches Land wie Russland auf einen Spritmangel stößt, mutet das schon seltsam an.

    In der Region Altai müssen die Autofahrer stundenlang vor den Tankstellen warten. Dabei können sie nicht einmal volltanken - höchstens 20 Liter Benzin werden an den Zapfsäulen verkauft.

    Auch andere Regionen erleben schwere Zeiten, was die Benzinversorgung angeht. Experten rechnen sogar damit, dass St. Petersburg und Moskau von der Benzinkrise betroffen werden können. Russische Kartellwächter sprechen von Absprachen unter den Ölkonzernen und drohen mit Strafen.

    Benzinnot

    In Wirklichkeit gibt es in Russland genug Benzin für alle. Gazprombank-Analyst Alexander Nasarow führte an, dass die russischen Ölraffinerien im April sogar vier Prozent mehr Benzin als im März produziert haben.

    Für die Ölgesellschaften ist es aber ungünstig, das Benzin auf dem Binnenmarkt abzusetzen. Wegen der zahlreichen Konflikte im Nahen Osten und des Atomdesasters in Japan sind die Ölpreise seit Jahresbeginn um ein Drittel gestiegen, weshalb auch die Ölerzeugnisse teurer werden. In Europa seien die Benzinpreise bereits höher als vor der Wirtschaftskrise 2008, so Nasarow. Im Unterschied zu Russland wird aber in Europa kein Erdöl gefördert.

    Doch die Preise auf dem russischen Binnenmarkt korrelieren mit den internationalen Preisen. Anfang des Jahres löste diese Korrelation einen großen Preisanstieg im ganzen Land aus. Die Staatsführung musste damals zu „administrativen Hebeln“ greifen, um die Situation in Griff zu kriegen. Premier Wladimir Putin beauftragte Anfang Februar das Kartellamt, die Ursachen für den Anstieg der Kraftstoffpreise herauszufinden.

    Verschwörungstheorie

    Die Benzinpreise stabilisierten sich allmählich und gingen sogar leicht zurück. Der Benzinverkauf in Russland wurde jedoch ungünstig, zumal am 1. Februar die Exportzölle für „leichte“ Ölprodukte gesenkt wurden. Der Exekutivdirektor des Moskauer Brennstoffverbandes, Grigori Sergijenko, führt das aktuelle Benzindefizit auf die Preisunterschiede im In- und Ausland sowie auf die zunehmenden Exportlieferungen zurück.

    Gazprombank-Experte Nasarow schließt nicht aus, dass einige Ölraffinerien wegen der ungünstigen Preiskonjunktur ausgerechnet jetzt geplante Instandsetzungen begonnen und die Produktion heruntergefahren haben.

    Die Großkonzerne versorgen ihre Tankstellen problemlos. Unabhängige Benzinhändler können aber auf Probleme stoßen. Das genau geschah in der Region Altai, wo Rosneft und Gazprom Neft die unabhängigen Händler mit Benzin weniger als zuvor beliefern. Deshalb bildeten sich lange Autoschlangen vor den Tankstellen der Monopolisten.

    Russische Wettbewerbshüter vermuten Absprachen unter den Großen im Benzingeschäft - Ermittlungen sind bereits eingeleitet worden. Auch andere Behörden wurden von Putin mit der Suche nach den Ursachen der Benzinkrise beauftragt.

    Panik auf dem Markt

    Der Staat hat zwei Möglichkeiten, um die Situation in den Griff zu bekommen: Entweder wird sie wieder „manuell“ verwaltet oder der Preisanstieg an den Zapfsäulen legitimiert. Ersteres würde den Verbrauchern zugute kommen, doch Widerstand seitens der Ölkonzerne auslösen. Deshalb wären „administrative Schritte“ zwar effektiv, aber nur kurzfristig, so dass neue Krisen nur eine Frage der Zeit wären.

    Der zweite Weg wäre der Ausgleich der Benzinpreise auf dem In- und Auslandsmarkt. Das würde jedoch großen Widerstand in der Bevölkerung zur Folge haben, warnt Experte Sergijenko.

    Wenn aber die Benzinpreise stufenweise erhöht werden, wäre das nicht allzu schmerzhaft. Zumal der Sprit ohnehin teurer wird. Allein in der vorigen Woche kostete ein Liter Benzin an den Moskauer Tankstellen 0,13 bis 0,25 Rubel mehr, teilte der russische Kraftstoffverband mit.

    Möglicherweise wird aber die negative Rolle der Ölkonzerne in der Altai-Krise etwas übertrieben. Der Generaldirektor des Fonds für nationale Energiesicherheit, Konstantin Simonow, glaubt nicht, dass die Kleinhändler Verluste tragen müssen. Ihr Geschäft sei durchaus rentabel, betonte er. Viel schlimmer sei, dass die Menschen angesichts der mangelhaften Benzinversorgung in Panik geraten seien.

    Dieser Auffassung stimmte auch der Präsidentenbeauftragte in Sibirien, Viktor Tolokonski, zu. Nach seinen Angaben verfügt die Region Altai über ausreichende Benzinreserven. Wegen der Panik werden sie aber schnell verkauft.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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