11:35 18 Juni 2018
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    Frankreich vor und nach Strauss-Kahn

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    In Frankreichs Politik hat eine neue Ära begonnen: Die Zeit nach Strauss-Kahn.

    In Frankreichs Politik hat eine neue Ära begonnen: Die Zeit nach Strauss-Kahn.

    Das Land, die Politiker und Parteien begreifen erst allmählich das Ausmaß dessen, was dem IWF-Chef und ehemaligen Spitzenkandidaten der Sozialisten für die Präsidentschaftswahl 2012, dem 62-jährigen Dominique Strauss-Kahn am 14. Mai in New York widerfahren ist. Und welche Folgen auf Frankreich zukommen.
     
    Die Sozialistische Partei hat für den 17. Mai eine dringende Sondersitzung einberufen, auf der die Frage „Was nun?“ diskutiert wird. Kandidat für die Vorwahlen, die bereits im Juni beginnen, ist weit und breit keiner in Sicht. Alle Hoffnungen lagen auf Dominique Strauss-Kahn: Er hätte die Partei retten, Nicolas Sarkozy aus dem Elysée-Palast fegen und als zweiter sozialistischer Präsident der Fünften Republik - 17 Jahre nach François Mitterrand - dort einziehen sollen.

    Eine Verschwörung ?

    Von allen Seiten werden Vermutungen laut: Ob etwa Nicolas Sarkozy hier die Hände im Spiel hat? Handelt es sich um eine Verschwörung - oder, wie sich Politiker gern diplomatisch ausdrücken - Manipulationen oder Provokationen? Nur die Sarkozy-Verwaltung schweigt. Kein Wunder. Wenn man Pariser Zeitungen glaubt, haben alle Mitarbeiter des Apparats und der Ministerien eine strenge und geheime Anweisung bekommen, keine positiven Emotionen in Hinblick auf die Festnahme von Strauss-Kahn zu äußern und auf jede erdenkliche Weise vom Unschuldsprinzip auszugehen. Wer von der Situation am meisten profitiert, ist ohnehin offensichtlich.

    Gegen die Verschwörungstheorie spricht die Direktheit der Ereignisse: Es ist schwer vorstellbar, dass jemand, der noch bei Sinnen ist, mir nichts dir nichts Unsummen von Geld und enorme Anstrengungen in eine „Operation Zimmermädchen“ in den USA steckt, extra dafür Agenten anheuert und im Fall eines Scheiterns eine beispiellose Blamage riskiert. Das sieht Sarkozy nicht ähnlich, und an eine Verwicklung der Obama-Administration glauben wohl nur die ambitioniertesten Verschwörungstheoretiker.

    Drei Probleme: „Geld, Frauen und Judentum"

    Vielleicht ist alles viel einfacher: Strauss-Kahn selbst hat etwa ein Monat vor seiner privaten Katastrophe von New York in einem Interview mit der Pariser Zeitung „Libération” geäußert, es gebe nur drei Hindernisse für ihn auf dem Weg zum Präsidenten: „Geld, Frauen und mein Judentum“. Geld bekam er von seiner dritten Ehefrau, der jüdische Glaube ist nun auch wieder kein so großes Problem, aber die Frauen…

    Sein Hang zu Affairen war in Frankreich längst bekannt und wurde regelmäßig in humoristischen Radio- und Fernsehsendungen behandelt. Erst im Jahr 2008 hatte der IWF seinen Generaldirektor für eine Liaison mit einer ungarischen Mitarbeiterin des Fonds gerügt. Kleine und große Affairen gab es bereits davor - und auch Vorwürfe der sexuellen Belästigung.

    Nun ist Strauss-Kahn jedoch in sieben Punkten angeklagt. Wenn er in allen Punkten schuldig gesprochen wird, drohen ihm bis zu 74 Jahre Haft.

    Haben sich die französischen Politiker bis jetzt zu Unrecht in Sicherheit gewiegt? Was in Frankreich gang und gebe zu sein scheint, lässt man im puritanischen Amerika so leicht nicht durchgehen. War das Strauss-Kahns Pech?

    Christophe Deloire, der Autor des Skandalbuchs „Sexus Politicus” fragte in einem Kommentar für „Le Monde”, ob es nicht an der Zeit sei, die französischen Politiker, deren Verhalten und Privatleben genauer unter die Lupe zu nehmen. „Bei Hof“ herrsche Sittenverfall wie im 18. Jahrhundert, und das Land tue so, als merke es davon nichts. Nicolas Sarkozy hatte sich 2007 sofort nach der Wahl scheiden lassen und Carla Bruni geheiratet - obwohl er sich in der Wahlkampagne noch gemeinsam mit seiner Ehefrau präsentiert hatte. Seine größte Konkurrentin Ségolène Royal machte dasselbe mit ihrem Partner. „Und das ist die Moral unserer Politiker?“ - wundert sich Deloire, nicht ganz ohne die Moralkeule zu schwingen, aber irgendwie hat er ja auch recht.

    Vom IWF längst abgeschrieben

    Der IWF macht indes kein Geheimnis daraus, dass Strauss-Kahn bereits Schnee von gestern ist. Während die Geschehnisse offiziell nicht kommentiert werden, ist die Suche nach einem möglichen Nachfolger in vollem Gange. Im Gespräch sind der frühere britische Premierminister Gordon Brown und der ehemalige türkische Finanzminister Kemal Dervis ebenso wie der Präsident der israelischen Zentralbank, Stanley Fischer oder der Leiter der mexikanischen Notenbank Agustín Carstens.

    Da der Posten laut einem ungeschriebenen Abkommen mit den USA bisher immer von einem Europäer bekleidet wurde (und Frankreich bereits vier Mal den Generaldirektor des IWF stellte), gilt jedoch die französische Finanzministerin Christine Lagarde als aussichtsreichste Kandidatin. Eben jene Christine Lagarde, die Anfang Februar in einem Interview mit dem „Independent“ die Ansicht geäußert hat, es sollte „nie zu viel Testosteron in einem Raum sein“.

    Ist es das, was nun Strauss-Kahn zum Verhängnis geworden ist?

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