20:53 17 Oktober 2017
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    China - Euro-Retter mit Makeln

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    In Europa wird die derzeitige Reise des chinesischen Regierungschefs Wen Jiabao mit gemischten Gefühlen beäugt.

    In Europa wird die derzeitige Reise des chinesischen Regierungschefs Wen Jiabao mit gemischten Gefühlen beäugt.

    Einerseits könnte die Volksrepublik mit ihren riesigen Gold- und Devisenreserven die EU von ihren wirtschaftlichen und anderen Problemen erlösen. Andererseits herrscht weiter großer Argwohn gegenüber China als Retter. Schon die bisherigen Ergebnisse der Visite (sie endet erst heute in Berlin) zeigen, dass Peking in Europa die gleiche stabilisierende Rolle wie in den vergangenen 15 Jahren in Asien spielen wird -  trotz vieler Widerstände.

    High-Tech-Aufbruch

    Die bei Wen Jiabaos Pressekonferenz verkündeten Zahlen zum Abschluss seines Großbritannien-Besuchs waren beeindruckend: Abkommen im Gesamtwert von 1,4 Milliarden Pfund seien unterzeichnet worden (erwartet wurden eine Milliarde Pfund).

    Besonders interessant sind aber die künftigen Kooperationsgebiete. Erstens wird die Volksrepublik in eine neue Generation der britischen Bahnzüge investieren. Einst mussten die Chinesen andere Länder (darunter Frankreich oder Japan) bitten, ihnen beim Bau der Eisenbahnen zu helfen. Mittlerweile läuft der Technologie-Transfer in die andere Richtung: Dank China werden die Londoner künftig nur ein paar Stunden brauchen, um nach Birmingham zu reisen.

    Wen Jiabao besuchte zudem das Werk des Autoherstellers MG. Die Marke gehört seit Jahren den Chinesen. Diese Partnerschaft verläuft nach dem Schema „britische Technologien - chinesische Produktion“. Dank dieser Kooperation entstand nach 15 Jahren erstmals wieder ein MG-Modell (MG-6).

    Peking und London einigten zudem noch einen großen Deal. Mit britischem Know-How und Technik sollen 280 Milliarden Tonnen Kohlevorräte (so groß sind die Vorräte in der Inneren Mongolei) jetzt mit neuen Technologien verwendet werden. Die Führung in Peking ist seit Jahren von der Idee „neue Energiewirtschaft“ geradezu besessen (China ist beispielsweise der weltgrößte Produzent von Solarbatterien) und will die CO2-Ausstöße durch die Kohleverbrennung reduzieren.

    Modernisierungspartnerschaft - so lautet Russlands Idee in Bezug auf die Beziehungen zu Europa und Amerika. Es ist strittig, ob sich diese Partnerschaft so entwickelt, wie sich Moskau das wünscht, ob das Tauschgeschäft „politische Zustimmung gegen Know-how-Transfer“ richtig ist usw. China und Europa dagegen sind echte Modernisierungspartner, die beide an gleichem Strang ziehen.

    Europa stückweise aufkaufen

    Der britische „Guardian“ schrieb kürzlich, Europa habe „einst das Reich der Mitte stückweise kolonisiert, und jetzt macht China das Gleiche mit der Alten Welt“. „China steigt auf, betont gleichzeitig den Verfall Europas und profitiert auch davon“, stellte die Zeitung fest.

    Deshalb sind nicht nur der britische und deutsche Teil der Europa-Reise Wen Jiabaos sinnbildlich, sondern auch seine erste Station in Ungarn. Dort zeigte er sich als Anhänger der Festigung der Partnerschaft mit Mittel- und Osteuropa.

    Der „Guardian“ gab in dem erwähnten Artikel eine sehr interessante Einschätzung zu Pekings Europa-Politik. Die Volksrepublik bevorzugt nicht die größten und stärksten Länder. 40 Prozent der chinesischen Investitionen sind für Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und die osteuropäischen Länder bestimmt. Dafür haben die Chinesen ihre Gründe: Die Staatsanleihen der Krisenländer sind derzeit günstig zu haben. Dabei haben diese Länder die gleiche Stimmkraft in der EU wie Schwergewichte wie Deutschland oder Großbritannien.

    Niemand hat bisher Peking aufgefordert, Griechenland Riesenschulden zu übernehmen. Wichtig ist allerdings, dass die Chinesen theoretisch dazu imstande sind, denn sie haben genügend Geld. Die Finanzressourcen der Europäer dagegen sind fragwürdig.

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    Die Journalistenschar bei Pressekonferenzen lässt sich in zwei Kategorien einstufen: diejenigen, die genau wissen, was sie zu fragen haben, und diejenigen, die sich eine Frage einfallen lassen müssen. Letztere wollten Wen Jiabao nach dessen Verhandlungen mit dem britischen Premier mit Fragen nach den Menschenrechten in die Enge treiben. Jiabao erwiderte jedoch, dass der Fragesteller offenbar lange nicht mehr China besucht habe.

    Das wird wohl nie ein Ende haben. Die Europäer (und Amerikaner) können es einfach nicht lassen: Die Kooperation mit China rettet sie vorm Absturz, aber sie wollen sich unbedingt vergewissern, ob sie sich den richtigen Retter ausgesucht haben. Die Europäer müssen immer Recht haben, wenn sie es mit Vertretern anderer Zivilisationen zu tun haben - selbst wenn sie Unrecht haben. Das ist eine absolute Ideologisierung, die die Briten auch in ihren Beziehungen zu Russland auszeichnet.

    London scheint allerdings einen Ausweg aus dieser heiklen Situation gefunden zu haben. Wenn sich verschiedene Kulturen nur schwer verständigen können, findet sich häufig ein Ausweg im kulturellen Bereich. Die Regierung in London will den Briten die chinesische Kultur näher bringen- auf der Insel gibt es so viele Konfuzius-Zentren wie nirgendwo sonst in der Welt. Außerdem reisen viele britische Studenten in die Volksrepublik. Bei der Londoner Buchmesse 2012 ist China das Gastland.

    Premier Cameron reist im Herbst übrigens nach Russland. Unter anderem wegen der Moskauer Buchmesse. Das ist durchaus logisch: Die Kenntnisse über die Kultur des anderen können den Nationen helfen, sich besser kennenzulernen. Das gilt auch für Russland und China. Allerdings plant Russland keinen Bau der Eisenbahn in England.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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