10:38 21 Oktober 2017
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    Hochsaison für Verschwörungstheorien

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    Die sich dem Ende neigende Saison in der Weltpolitik liefert Verschwörungstheoretikern eine Menge Stoff für Spekulationen.

    Die sich dem Ende neigende Saison in der Weltpolitik liefert Verschwörungstheoretikern eine Menge Stoff für Spekulationen.

    „Wikileaks“, „der arabische Frühling“ und die „Operation Zimmermädchen“ sind ein gefundenes Fressen für Komplott-Theoretiker. Zuerst gelangten vertrauliche Informationen des US-Außenministeriums an die Öffentlichkeit, in den viele Personen kompromittiert wurden und die weltweite Instabilität sich zuspitzte. Danach flammten in etlichen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens innerhalb weniger Wochen Aufstände auf. Dabei spielten soziale Netzwerke eine wichtige Rolle. In zwei Ländern wurden die Regierungen ausgewechselt. In einem weiteren Land kam es zur Intervention. Die anderen sind äußerst instabil. Den Abschluss bildet die Affäre um Dominique Strauss-Kahn. Zunächst wurde er im Eiltempo angeklagt, aus der großen Politik verdrängt und plötzlich aus dem Hausarrest entlassen. Die Vorgänge in dem Fall wirken so bizarr, dass man glauben könnte, dass ein Komplott gegen Strauss-Kahn geschmiedet worden war.

    Bis auf letzteren Fall sind die Geschichten nicht auf eine „unsichtbare Hand“, sondern auf das Fehlen jeder Lenkbarkeit zurückzuführen. Die offene Gesellschaft, die durch die alles durchdringenden Kommunikationen zu einem absoluten Stand gebracht wurde, hat ein Phänomen ins Leben gerufen, bei dem nicht die Politik wie bisher die Informationsströme leitet, sondern die Informationen, und zwar nicht unbedingt glaubwürdige, die Politik lenken.

    Staats- und Regierungschefs müssen heutzutage sehr schnell auf Informationswellen reagieren, ohne Zeit für die Prüfung von deren Glaubwürdigkeit zu haben. Falls mit Antworten gezögert wird, können sich die Ereignisse in die unerwünschte Richtung entwickeln. Wikileaks hat bewiesen, dass die Einschätzungen und Analysen, die über offizielle Kanäle laufen, dieselben Spekulationen und Gerüchte wie die bei der Tagespresse enthalten.

    Der Libyen-Krieg wurde beispielsweise durch die Kombination der Medien-Hysterie, die die Politiker stark belastete, des fehlenden Verständnisses von der Situation in dem Land und der Bestrebungen einiger Anführer, innenpolitisch leicht zu punkten, verursacht. Im Ergebnis sind die führenden Weltmächte im erfolgreichsten militärpolitischen Bündnis nicht in der Lage, sich im Laufe von vier Monaten aus dem Konflikt mit einem schlecht bewaffneten Herrscher herauszumanövrieren.

     Die sich ihrem Ende neigende politische Saison sorgte für viel Verwirrung. Niemand rechnete mit einer Explosion im Nahen Osten. Niemand weiß genau, wohin diese Ereignisse führen werden. Alle wussten zwar insgeheim, dass sich die Euro-Krise nach der Rettung Griechenlands zuspitzt, taten jedoch so, als ob alles reibungslos vorübergeht. Sonst hätte man entschlossene Maßnahmen treffen müssen, zu denen man jedoch kaum bereit ist. Jetzt ist allen klar geworden, dass die Insolvenz Griechenlands unvermeidbar ist. Doch es fehlt der Mut, vom vorbestimmten Szenario abzuweichen. Die USA sind wegen des näher rückenden Finanzcrashs demoralisiert – die Frage nach der Anhebung der Defizitobergrenze bedroht wegen den politischen Auseinandersetzungen die Wirtschaft. Selbst China, das in den vergangen Jahren unabhängig von der Weltgemeinschaft seinen Weg weiterging, ist nervös. Angesichts des bevorstehenden Machtwechsels sind die Chinesen über die Instabilität in der Welt beunruhigt - obwohl sie gut vorbereitet sind.

    Dass die internationalen Institutionen zunehmend ins Wanken geraten, ist keine Neuigkeit mehr. Dieser Prozess hat zwar schon vor langem begonnen, die jetzige Saison verlieh ihm jedoch neue Farben. Es handelt sich um die „zahnlose“ strategische Nato-Doktrin, die angesichts der Ohnmacht der Allianz in Afghanistan und Libyen verabschiedet wurde; um die Handlungsunfähigkeit der OVKS, die im Kontext der Unberechenbarkeit Afghanistans als fatal erscheint; um die politische Zerstückelung der EU, die sich durch die Wirtschaftsprobleme und den Zuwachs der EU-Skeptiker in den Mitgliedsländern zuspitzt; um die Probleme des IWF, die nicht mit der Affäre um Dominique Strauss-Kahn zusammenhängen, sondern mit den zunehmenden Zweifeln an der Zweckmäßigkeit der Verwandlung dieses Gremiums in ein Instrument, Europa aus dem Finanzsumpf zu holen. Die BRICS-Staaten, die sich bereits als Alternative betrachten, taten sich bei der IWF-Frage zusammen. Im UN-Sicherheitsrat, der allem Anschein nach seine Funktion als wichtigstes Entscheidungsgremium zurückerhielt, läuft alles nicht so, wie es soll, besonders wenn man sich die Ergebnisse der Entscheidungen anschaut - beispielsweise in Libyen und in der Elfenbeinküste.

    Das Gute an Verschwörungen ist die Tatsache, dass sie eine Welt erschaffen, die von jemandem geleitet wird. Die Realität sieht viel schlimmer aus, weil alle Ereignisse von niemandem gesteuert werden, obwohl auch einige daran fest glauben.

     

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    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs"

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