05:59 18 Oktober 2017
SNA Radio
    Meinungen

    Soziale Ungleichheit

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 8701

    Die Schere zwischen Reich und Arm geht in Russland immer weiter auseinander. Die Einkommen von zehn Prozent der reichsten Russen ist um das 18-fache höher als das von zehn Prozent der ärmsten Russen.

    Die Schere zwischen Reich und Arm geht in Russland immer weiter auseinander. Die Einkommen von zehn Prozent der reichsten Russen ist um das 18-fache höher als das von zehn Prozent der ärmsten Russen.

    Experten zufolge muss dringend die Arbeitsproduktivität erhöht werden, um die Einkommen in der Industrie und in der Landwirtschaft zu steigern. Die Einkommen im außerbetrieblichen Bereich können mit Hilfe der Wiederaufnahme der progressiven Einkommensbesteuerung und der Einführung der Luxus-Steuer erhöht werden.

    Gefährliche Spaltung

    Laut einer Wohlstandsstudie liegen die Einnahmen von 83 Prozent der Russen unter dem Durchschnitt. Der Durchschnitt ergibt sich aus dem siebenfach höhen Wert des Existenzminimums. Zum Ende des ersten Quartals lag das Existenzminimum bei 6470 Rubel (1 Euro = сa. 40 Rubel). Monatsgehälter unter 45300 Rubel liegen somit unter dem Durchschnitt. Allerdings erhalten 48 Prozent jeden Monat nur 19410 Rubel.

    In den letzten zehn Jahren ist die Kluft zwischen den Einkommen der Reichsten und der Ärmsten um das Fünffache gestiegen. „In der Tat ist die Ungleichheit noch größer, weil der Anteil der unberücksichtigten Einnahmen in Russland sehr hoch ist“, sagte Wjatscheslaw Bobkow, Generaldirektor des allrussischen Instituts zur Erforschung des Lebensstandards.

    Armer Käufer - schlechter Verbraucher


    Zwischen Reich und Arm klafft einen große Lücke. Doch das ist nur ein Teil des Problems. Wie Jewgeni Gontmacher, Vorstandmitglied des Instituts für moderne Entwicklung, betonte, machen Werktätige und Familien mit Kindern den größten Teil der Ärmsten aus. „Das ist ein prinzipieller Unterschied zwischen Russland und Industrieländern“, sagte Gontmacher. „Dort gibt es zwar auch arme Menschen, doch das sind vor allem Leute, die nicht arbeiten können - ältere Menschen, Kranke, Behinderte“. Laut der Studie gehen in etwa 50 Prozent der Haushalte mit Einkommen unter dem Existenzminimum Menschen einem Job nach.

    Die Situation verschlimmere sich dadurch, dass mehr als 30 Prozent der Einnahmen auf zehn Prozent der reichen Russen entfallen, so die russische Statistikbehörde Rosstat. Die Reichen haben also nicht nur deutlich mehr Geld als die Armen, sondern besitzen auch ein großes Stück des „Staatskuchens“ (über 30 Prozent).

    Die niedrigen Einkommen und eine große soziale Spaltung bergen Risiken für die russische Wirtschaft. Laut Sergej Smirnow, Direktor des Instituts für Sozialpolitik, widerspiegeln die niedrigen Gehälter den beklagenswerten Zustand der russischen Wirtschaft. „Ein Verbraucher mit einem Einkommen in Höhe des Existenzminimums ist kaum in der Lage, die Nachfrage anzukurbeln“, so Smirnow.

    Das Fehlen einer zahlungskräftigen Nachfrage bremse die Entwicklung vieler Branchen - Medizin, Dienstleistungsbereichs, Produktion der Bedarfsgüter.

    Verkrüppeltes Land

    Die Unfähigkeit der ärmeren Russen, eine hohe Nachfrage zu erzeugen, ist nicht der einzige Einflussfaktor für die Wirtschaft. Ein weiterer Grund dafür ist auch, dass selbst gut ausgebildete Fachkräfte auf dem russischen Arbeitsmarkt miserabel entlohnt werden. „In Russland wird die intellektuelle Arbeit schlecht bezahlt“, sagte Bobkow. „Unter den Armen gibt es viele Lehrer, Ärzte, Wissenschaftler, Beschäftigte im Kulturbereich“, so der Experte. Diese Situation demotiviert. Es gibt immer weniger wissensbasierte Unternehmen in der russischen Wirtschaft. Ein guter Ingenieur oder Lehrer zieht eher einen Job in einem Handelsunternehmen oder im Ausland vor.

    Nach Angaben des Instituts für Soziologie träumen 15 Prozent der berufstätigen Russen davon, das Land zu verlassen. In einer Studie des Internetportals Superjob.ru im Vorjahr waren es  immerhin noch 73 Prozent. „Wenn fünf bis sieben Prozent das Land verlassen, handelt es sich um die Fachkräfte, die voraussichtlich nicht mehr zurückkehren werden“, sagte Smirnow. Laut amtlichen Angaben verlassen jedes Jahr rund 40.000 Russen das Land.

    Lieber ins Ausland

    Soziale Ungleichheit und niedrige Einnahmen sind nicht nur in Russland zu finden. In China gibt es viele Arbeitende, die arm sind. Nach Angaben des chinesischen Instituts für Bevölkerung und Arbeitswirtschaft leben rund 120 Millionen Chinesen von einem US-Dollar im Tag. Zugleich gebe es im Land rund eine Million Dollar-Millionäre.

    In China ist der Großteil der Beschäftigten Arme  (rund 200 Millionen Menschen), die entweder in der Landwirtschaft oder in der Kurzzeitarbeit zu finden sind. Die billigen Arbeitskräfte würden in China nicht als Bremse, sondern als Triebfeder für die Wirtschaft angesehen, sagte Nikolai Kaschtschejew von der Sberbank.

    In Russland ist die Situation anders gelagert. Laut Gontmacher konzentriert sich in Russland das Wirtschaftsleben in den urbanen Ballungsräumen – im Gegensatz zu China, wo viele Arbeiter aus der Provinz in den Fabriken der Industriestätten angestellt sind.

    Woher soll das Geld kommen?

    Sowohl Beamte als auch Experten sind der Ansicht, dass die Situation durch höhere Einkommen geändert werden können. Die Frage ist: nur wie? Gontmacher fordert einen neuen Wandel der Wirtschaft, indem beispielsweise die Arbeitsproduktivität erhöht wird. Russland hinkt dabei vielen Ländern hinterher. Alexander Galuschka, Präsident der Gesellschaftsorganisation „Unternehmerisches Russland“, teilt diese Meinung. Die Armut sei eine direkte Folge der niedrigen Arbeitsproduktivität, so Galuschka. Es handele sich nicht darum, dass die Russen wenig oder schlecht arbeiten - die technologisch schwach ausgestattete russische Wirtschaft befindet sich in Sachen High-tech noch immer im Hintertreffen.

    Laut Bobkow kann das Know-how der russischen Wirtschaft gesteigert werden, indem die Gehälter für Fachkräfte massiv angehoben werden, ohne auf die Erhöhung der Arbeitsproduktivität zu warten.

    Doch dafür ist Geld vonnöten. „Man braucht Mechanismen zur Umverteilung der Einnahmen“, sagt Sergej Smirnow. Es handelt sich um die progressive Besteuerung und die Luxus-Steuer.

    Progressive Einkommensbesteuerung

    In Postsowjetrussland hatte es bereits eine progressive Einkommensbesteuerung gegeben. 2001 wurde sie abgeschafft. Die Höhe der Einkommensteuer für Privatpersonen liegt in Russland bei 13 Prozent. Die Einführung des einheitlichen Steuersatzes war eine Notmaßnahme gewesen. Angesichts des Haushaltsdefizits musste der Staat Kampf gegen Schatteneinkommen führen.

    Die Wiederaufnahme der progressiven Besteuerung wird in Russland seit zwei Jahren intensiv erörtert. Nicht alle Experten sind der Ansicht, dass dies die Wirtschaft positiv beeinflussen wird. Die progressive Besteuerung kann zwar das Problem mit der Gesellschaftsspaltung lösen, doch die russischen Regionen werden finanziell darunter leiden.

    Die Einkommensteuer wird vom Arbeitsgeber bezahlt und fließt in die Haushalte der Regionen - abhängig vom Arbeitsort und nicht vom Wohnort des Arbeitnehmers. Falls das Steuersystem nicht geändert, sondern lediglich ein progressiver Steuersatz eingeführt wird, werden die reichen Regionen noch reicher und die armen noch ärmer, wie Galina Kurljandskaja, Leiterin des Zentrums für Fiskalpolitik, betont. Ihr zufolge sollte die progressive Einkommensbesteuerung erst nach dem Start eines effektiven Verfahrens zur Umverteilung der Einkommen unter den Regionen eingeführt werden.

    Dasselbe betrifft die Luxus-Steuer. Seit zwei Jahren sind die Gespräche jedoch nicht fortgeschritten.

    Diese Idee hätte teilweise durch die Einführung der Immobilien-Steuer verwirklicht werden können. Vor einer Woche hatte Russlands Präsident Dmitri Medwedew in seiner Haushaltsbotschaft darauf verwiesen. Diese Steuer hängt mit dem Marktwert der Immobilien zusammen. Dadurch kann die soziale Ungleichheit in Russland sinken. Die Immobilien-Steuer soll 2013 (in einigen Regionen 2012) eingeführt werden.  

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.