23:09 22 Oktober 2017
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    Nach Abhör-Skandal: Murdoch stampft Klatschblatt ein

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    Einen Medienskandal hat es in Großbritannien noch nie gegeben. "News of the World", die meistverkaufte Zeitung auf der Insel, wird am kommenden Sonntag letztmals erscheinen.

    Einen Medienskandal hat es in Großbritannien noch nie gegeben. "News of the World", die meistverkaufte Zeitung auf der Insel, wird am kommenden Sonntag letztmals erscheinen.

    Es wäre aber falsch zu behaupten, dass Medien-Mogul Rupert Murdoch selbst die Zeitung schließen würde.

    In der Tat aber wird die "News of the World"  nicht dichtgemacht, sondern sie wird der News Corporation von Murdoch, einem der größten Medienunternehmen auf der Welt, nahezu entrissen. Ärzte machen so etwas bei Infektionsherden. Hier handelt es sich um so einen Fall.

    Für ihn ist die Schließung des Boulevardblatts reines Geschäft. Mit schlechtem Gewissen hat dieser Schritt Murdochs nichts zu tun. Er hatte aber keine andere Wahl - nach all den Skandalen um Lauschangriffen auf Prominente, die Bestechung von Polizisten und um die Kontakte zu kriminellen Kreisen war es einfach zu gefährlich und auch unrentabel, eine solche Zeitung weiter zu unterhalten. Viele Anzeigekunden kehrten "News of the World" zuletzt den Rücken, von Konzernen wie Ford und Renault bis zu vielen kleineren Firmen. Heutzutage kämpft selbst die Klatschpresse mit ihren riesigen Auflagen um ihr Überleben -  trotz all der Sensationsmache.

    Andere Dimension des Journalismus

    Das britische Kabinett und Parlament haben bereits eine Untersuchung aller illegalen Methoden der Sonntagszeitung angekündigt. "News of the World" ist bzw. war weder die älteste noch die renommierteste geschweige denn die seriöseste Zeitung auf der Insel.

    Das Erfolgsrezept des Massenblatts bestand ausschließlich darin, dass seine Redakteure genau wussten: Am Sonntag wollen die Menschen am liebsten lesen, wer mit wem ins Bett gegangen oder nicht. Alle anderen Informationen waren nur „Beilage“ zu diesem „Hauptgericht“. Das ist nun einmal die Mission der Klatschpresse: Mit den Einnahmen aus dem Verkauf können die seriösen Zeitungen finanziert werden.

    Um die Gründe für diesen Skandal zu verstehen, sollte man wissen, dass die britische Klatschpresse im angelsächsischen Journalismus ihre eigene Spezifik hat. Von den amerikanischen oder kanadischen Boulevardzeitungen unterscheidet sie sich dadurch, dass auf ihren Seiten nicht nur Gerüchte über Promis oder Comics veröffentlicht werden. Auch innenpolitische und internationale Nachrichten werden hier beleuchtet - auf sehr eigenwillige Art. Aber dem Durchschnittsbriten genügt das schon.

    Ausgerechnet die Klatschpresse und nicht Zeitungen wie „Times“, „Daily Telegraph“ oder „Financial Times“ prägt die öffentliche Meinung auf der Insel.

    Es geht nicht nur ums Abhören

    Im Grunde sind die künftigen Ermittlungsergebnisse nicht so wichtig. Möglicherweise werden dann Schäden wieder gut gemacht. Möglicherweise wird jemand hinter Gittern landen. Dafür sind Gesetze da. Auch die Korruption in der britischen Polizei lässt sich bekämpfen - ebenfalls mit Gesetzen und Verhaftungen.

    Es stellt sich nur die Frage: Warum haben all diese Gesetze keine Wirkung gezeigt - und zwar seit dem Jahr 2002? Warum wurden die Vorwürfe gegen "News of the World", die vor zwei Jahren noch im angesehenen „Guardian“ als Beilage steckte, so lange von der Öffentlichkeit ignoriert?

    Das ganze System scheint krank zu sein. Niemand will solche Krankheiten einräumen, zumal sie nur schwer behandelt werden können. Die Debatte im House of Commons über dieses Thema  war einfach lächerlich. "News of the World" und Murdoch persönlich wurden aller Todsünden beschuldigt. Wie eine britische Zeitung schrieb, kann ihnen jetzt der Verstoß gegen alle zehn Gebote, die Magna Carta, gegen den Kodex der Rundfunksender und gegen alle Newton-Gesetze vorgeworfen werden.

    Nicht zu übersehen ist jedoch, dass dies alles im Parlament gesagt wurde, dessen Abgeordnete oft von lobbyistischen Organisationen „Geschenke“ erhalten. Auch von Murdoch ließen sie sich beschenken. Im britischen Establishment gibt es viele Personen, deren Verwandte in Murdochs Zeitungen, TV- und Radiosendern, Verlagen und Filmstudien arbeiten.

    Unter Freunden

    Es ist schon immer so gewesen, dass es die große Politik zum großen Geld zog. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, wenn diese „Freundschaft“ übertrieben wird.

    Die Konservativen pflegten traditionell engere Kontakte zum Medienreich Murdochs als die anderen Parteien. Auch Murdoch machte nie ein Hehl aus seinen konservativen Ansichten.

    In der Downing Street 10 soll jetzt große Beunruhigung herrschen. Premier David Cameron hatte auf eigene Initiative den früheren Chefredakteur der "News of the World", Andy Coulson, als Kommunikationsdirektor angestellt. Vor einem Jahr musste Coulson zwar zurücktreten, als Informationen über das Abhören von Handys (er soll sie selbst veranlasst sowie die Bestechung von Polizeibeamten finanziert haben) an die große Glocke gehängt wurden. Einige britische Rechtsexperten schließen sogar Coulsons Festnahme nicht aus. Cameron hat also allen Grund zur Sorge.

    Aber nicht nur die Tories hatten nach der Freundschaft Murdochs oder besser gesagt nach seinem Geld gesucht. Er war auch in der Regierungszeit der Labouristen Tony Blair und Gordon Brown ein gerngesehener Gast in der Downing Street 10. Auch bei ihnen arbeiteten viele Menschen aus Murdochs Zeitungen. Im Apparat des Außenministers Edward Miliband arbeitete beispielsweise eine Tochter des Chefredakteurs der "News of the World".

    Derzeit kontrolliert Rupert Murdoch etwa 40 Prozent der britischen Medien. Ihm gehören zahlreiche Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender in Australien. Er ist Eigentümer des „Wall Street Journal“, des ultrakonservativen TV-Senders Fox und das Hollywood-Studio 20th Century Fox. Murdoch hatte bzw. hat große Anteile an Zeitungen und TV-Sendern in Asien, USA, Europa und Afrika (darunter der georgische Privatsender Imedi, die russische Zeitung "Wedomosti" und mehrere Sender in Lettland).

    Auf der Insel geht das Gerücht rum, "News of the World" sei begraben, um nach dem Abhör- und Bestechungsskandal wiederbelebt zu werden. Möglicherweise werde die Zeitung als umbenannte Beilage im auch sehr beliebten Boulevardblatt „Sun“ erscheinen. Das ist durchaus möglich, zumal beide Klatschzeitungen der News Corporation angehören.

    Niemand behauptet, das Medien-Imperium Murdochs würde seinem Ende entgegenschreiten. Es ist zwar in eine Krise geraten, die bald der Vergangenheit angehört. Die Politik und das „Big Business“ sind schließlich keine Chirurgie, wo abgenommene Glieder niemals nachwachsen. Wo das große Geld das Sagen hat, ist alles möglich.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.