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    Vor 70 Jahren: Die Zwangsumsiedlung der Sowjetdeutschen

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    In der Sowjetunion war die erste Hälfte der 1940er Jahre nicht nur durch den Krieg, sondern auch durch Repressalien und Diskriminierungen ethnischer Minderheiten gekennzeichnet.

    In der Sowjetunion war die erste Hälfte der 1940er Jahre nicht nur durch den Krieg, sondern auch durch Repressalien und Diskriminierungen ethnischer Minderheiten gekennzeichnet.

    Es geht um das Schicksal der so genannten „bestraften Völker“. Offiziell wurden sie mit der Deportation für begangenen oder möglichen „Verrat“ während des Krieges bestraft. Die kollektive Schuldsprechung nach nationalen Merkmalen ist ein großes und zweifelloses Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

    Vertreter aller Sowjetvölker waren in den Kriegsjahren sowohl aufopfernde Helden als auch feige Verräter. Aber die Vorwürfe des Verrats gegen ganze Völker waren nicht nur ungerecht, sondern auch heuchlerisch, weil mindestens 60 bis 65 Millionen Sowjetbürger in den besetzen Gebieten mit den Faschisten in Kontakt treten mussten. Hunderttausende Verräter befleckten dabei ihre Kleidung mit dem Blut ihrer Mitbürger.

    Die sowjetischen Machthaber beschlossen die Zwangsumsiedlung der Finnen, Griechen, Rumänen und Deutschen aus den Frontgebieten aus der Furcht, dass sie überlaufen oder mit dem Feind kollaborieren.

    Die erste und größte Zwangsumsiedlung traf die Sowjetdeutschen. Insgesamt wurden 1,2 von 1,5 Millionen Sowjetdeutschen deportiert.

    Die Zwangsumsiedlung der Deutschen wurde offenbar erst mit Beginn des Krieges zum Thema. Am 3. August 1941 meldete das Kommando der Südfront aus Poltawa, die deutsche Bevölkerung in der Ukraine hätte die Faschisten „warmherzig empfangen“. Oberbefehlshaber Josef Stalin reagierte prompt. Er beauftragte Innenminister Lawrenti Beria mit der sofortigen Zwangsumsiedlung der Deutschen. Beria weitete Stalins Anordnung auf die gesamte Sowjetunion aus.

    Die Deportation der Deutschen aus dem Wolgaland wurde erst Ende August 1941 angeordnet. Vermutlich hing die Verzögerung mit der Ernte zusammen, für die Arbeitskräfte benötigt wurden.

    Laut dem Befehl Berias sollte die Deportierung der Deutschen zwischen dem 3. und 20. September durchgeführt werden. Zu diesem Zweck wurde ein Operativstab mit Berias Stellvertreter Iwan Serow an der Spitze gebildet. Die Republik der Wolgadeutschen wurde mit den Gebieten Saratow und Stalingrad zusammengelegt, in die Sondereinsatzkräfte des Innenministeriums (NKWD) (1550 Mann), der Polizei (3250 Mann) und Truppen des Innenministeriums (12 100 Mann) entsendet wurden.

    Am selben Tag wurden alle drei Gebiete über Moskaus Entscheidung benachrichtigt, und einen Tag später begann die Deportierung der Sowjetdeutschen. In allen drei Gebieten wurden operative „Troikas“ gebildet, die
    aus Vertretern des Machtzentrums in Moskau und der regionalen NKWD-Verwaltung bestanden. NKWD-Vertreter wurden auch in die Gebiete geschickt, die die deportierten Deutschen empfangen sollten (Regionen Krasnojarsk und Altai, Gebiete Omsk und Nowosibirsk sowie die Sowjetrepublik Kasachstan). Sie waren für die Unterbringung bzw. Verteilung der Zwangsumsiedler zuständig.

    Die Umsiedlungen mussten zentral gesteuert werden. Die Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager (russische Abkürzung: GULAG) war nicht geeignet, sich um die Zwangsumsiedler zu kümmern. Deshalb wurde am 28. August bei der NKWD die Verwaltung für so genannte Sondersiedlungen eingerichtet.

    Am selben Tag erschien der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über Umsiedlung der im Wolgaland ansässigen Deutschen“. Das war aber nur ein formeller Schritt zur Legitimierung der im Kreml bereits getroffenen Entscheidungen.

    Mit der Registrierkarte nach Sibirien

    Am 29. August 1941 bezogen die Einheiten des Innenministeriums ihre Stellungen für die Deportation: Es wurden operative Sektoren gebildet, in denen auf NKWD-Befehl operative Troikas ernannt wurden, die ihrerseits lokale Troikas bildeten, den Zeitplan der Deportation erstellten und die Unterbringung der Zwangsumsiedler organisierten.

    Für jede zu deportierende Familie wurden Registrierkarten erstellt. Mischehen mit deutschen Frauen konnten der Zwangsumsiedlung entgehen.

    Die Zwangsumsiedler durften Hab und Gut für insgesamt eine Tonne je Familie mitnehmen.

    Die ersten Züge mit Zwangsumsiedlern trafen Mitte September in Sibirien und Kasachstan ein. Im Allgemeinen wurde die Operation am 20. September wie geplant beendet. Insgesamt 439 000 Menschen, darunter 366 000 aus der Republik der Wolgadeutschen, 47 000 aus dem Gebiet Saratow und 26 000 aus dem Gebiet Stalingrad, mussten ihren Wohnort wechseln. Vorwiegend wurden sie auf dem Land angesiedelt, in Einzelfällen aber auch in Städten (wie in Tomsk).

    Am 6. bzw. 7. September wurde die Autonome Republik der Wolgadeutschen aufgelöst und in die Gebiete Saratow (Stadt Engels und 15 Kantone) und Stalingrad (sieben Kantone) eingegliedert. Im Mai bzw. Juni 1942 wurden fast alle deutschen Namen von Städten, Dörfern und Kantonen (Landkreise) durch russische ersetzt.

    Aber als erste wurden nicht die Deutschen aus dem Wolgaland, sondern die von der Krim deportiert. Laut einer Entscheidung des Evakuierungsrats vom 15. August wurden sie bereits Ende August aus der Autonomen Republik Krim ausgewiesen, wobei sie nicht einmal wissen durften, wo sie weiter leben mussten.

    Mehr als 50 000 Deutsche wurden in der nordkaukasischen Region Ordschonikidse angesiedelt, weitere 3000 im Gebiet Rostow am Don. Im September, als die Wehrmacht den Nordkaukasus angriff, mussten viele Krim-Deutsche ihren neuen Wohnort wieder verlassen.

    Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Erlasses vom 28. August begann die Deportation der Deutschen aus anderen Regionen der Sowjetunion.

    Zum 25. Dezember 1941 waren bereits 856 000 der insgesamt 904 000 zu deportierenden Deutschen umgesiedelt worden, hauptsächlich nach W*estsibirien und Kasachstan.

    Dennoch gab es in der Sowjetunion 24 Landkreise im Hinterland, in denen die Deutschen bleiben durften. Aber auch sie bekamen den Status als Sonderumsiedler und mussten mit entsprechenden Konsequenzen rechnen. Es war trügerisch zu glauben, sie würden in Ruhe gelassen.

    Am 30. Oktober 1941 beschloss der Rat der Volkskommissare (Regierung) die Umsiedlung der Deutschen aus Industrie- in Landwirtschaftsgebiete. Selbst in den Gebieten, in denen die Deutschen bleiben durften, mussten sie in Dörfer ziehen.

    Unter Kontrolle wurden auch die in Arbeitersiedlungen lebenden Deutschen genommen, die bereits in den frühen 1930er Jahren während der so genannten „Entkulakisierung“, des Kampfes gegen reiche Bauern, umsiedeln mussten.

    Arbeiterarmee

    Die deportierten Sowjetdeutschen wurden während des Großen Vaterländischen als Arbeitskolonnen eingesetzt. Die „Kämpfer“ der so genannten Arbeiterarmee wurden üblicherweise in Gebiete geschickt, die weit entfernt von den Wohnorten ihrer Familien lagen.
       
    Der Arbeiterarmee schlossen sich auch die deutschen Soldaten der Roten Armee an, die von der Front abberufen wurden. Seit September 1941 galten sie als „Sonderumsiedler“, wurden aber nicht aus aktivem Wehrdienst entlassen, sondern in die Arbeiterarmee aufgenommen.

    Anfang 1942 zählte die Arbeiterarmee bereits 20 800 deutsche „Kämpfer“. Laut den Beschlüssen des Staatlichen Verteidigungskomitees vom 10. Januar, 14. Februar und 7. Oktober 1942 (sowie vom 26. April, 2. und 19. August 1943) wurde eine abrufbereite Armee der arbeitsfähigen Deutschen gebildet - mit Abteilungen aus 1500 bzw. 2000 Mann, die in Arbeitskolonnen (je 250 bis 500 Mann) bzw. Brigaden (je 35 bis 100 Mann) aufgeteilt wurden und in einer Kaserne lebten.

    Die Lebensbedingungen in Lagern der Arbeiterarmee unterschieden sich kaum von denen in Besserungsarbeitslagern (Stacheldraht, Wachtürme, permanente Überwachung, zwei Mal warmes Essen am Tag, ein Ruhetag nach neun Werkstagen). Die „Kämpfer“ durften allerdings ohne Bewachung zur Arbeit gehen. Jeder „Kämpfer“ verpflichtete sich, seinen Lebensunterhalt abzuarbeiten. Der Rest (falls etwas übrig blieb) wurde auf sein Konto gerechnet.

    Im Januar und Februar 1942 wurden in die Arbeitsarmee nur erwachsene Männer von 17 bis 50 Jahren aufgenommen. Im Oktober handelte es sich schon um Männer von 15 bis 55 Jahren sowie um Frauen zwischen 16 und 45 Jahren. Nicht mobilisiert wurden nur schwangere Frauen bzw. Frauen mit Kleinkindern (bis drei Jahren). Wer die Arbeit verweigerte bzw. sabotierte, wurde hart bestraft. Manche wurden erschossen.

    Die Arbeiterarmee wurde erst zwischen Januar und März 1946 aufgelöst. Aber auch später blieben ihre „Kämpfer“ an die Industriebetriebe gebunden, wo sie früher gearbeitet hatten. Sie durften allerdings ihre Lager verlassen und mit den Familien in Wohnheime außerhalb der Lager ziehen. Die Kolonnen der Arbeiterarmee zählten insgesamt 317 000 Sowjetdeutsche. Das war mehr als ein Drittel der Deportierten und mehr als ein Viertel der registrierten „Sonderumsiedler“.

    Die Deportation der Sowjetdeutschen während des Großen Vaterländischen Kriegs war die größte Umsiedlungsaktion in der Kriegszeit und die zweitgrößte in der Geschichte der Sowjetunion. Noch mehr Menschen wurden während der „Entkulakisierung“ in den frühen 1930er Jahren umgesiedelt.

    Quelle: „Moskowskije Nowosti“ vom 3. August 2011

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