23:26 21 August 2017
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    50 Jahre Berliner Mauerbau: Chruschtschow wollte nur Stacheldraht

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    Vor 50 Jahren war mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen worden. Als die Berliner am 13. August 1961 aufwachten, mussten sie sich erst einmal die Augen reiben.

    50 Jahre Berliner Mauerbau: Chruschtschow wollte nur Stacheldraht

    Vor 50 Jahren war mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen worden. Als die Berliner am 13. August 1961 aufwachten, mussten sie sich erst einmal die Augen reiben.

    In der Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten in Sektoren aufgeteilt war und die sich zu einem Brennpunkt der militärpolitischen Konfrontation entwickelt hatte, wurde nun eine Mauer hochgezogen. Zunächst trennten Stacheldraht und vereinzelte Betonblöcke die Stadt in zwei Teile.

    Fast 30 Jahre lang war die Berliner Mauer das Symbol des Kalten Krieges und des Kampfes zweier Systeme. Die Grenzöffnung in Berlin im November 1989 ist in die Geschichtsbücher als Ende des Kalten Kriegs eingegangen.

    Seit dem Fall der Berliner Mauer sind mittlerweile 20 Jahre vergangen, aber Historiker und Politiker streiten sich immer noch darüber, für wen der „antifaschistische Schutzwall“, wie ihn die damalige DDR-Führung anpries, in Wahrheit nützlich war. Denn eigentlich sollte der Ideegeber zur Mauer nicht nur für den „Freiheitsentzug“ der 17 Millionen DDR-Bürger, sondern auch für 136 Tote Rede und Antwort stehen, die von 1961 bis 1989 bei Fluchtversuchen an der Mauer erschossen wurden.

    Diese Zahl hat dieser Tage der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Naumann in Berlin genannt. Zum 50-jährigen Jubiläum des Mauerbaus präsentierte er die Ergebnisse einer Studie des Zentrums für zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer. Dabei veröffentlichte er einige „Details“, die bisher kaum bekannt gewesen waren: Es wurden nämlich 256 Fälle registriert, bei denen Menschen nach der Kontrolle an den Grenzübergängen zwischen West- und Ostberlin starben - so viel Angst hatten sie vor den „Prozeduren“.


    Moskau mitschuldig?

    Im Vorfeld des „Jubiläums“ ließen sich auch einige frühere ostdeutsche Generäle die Möglichkeit nicht nehmen, ihre Meinung zu diesem Thema zu äußern. Der einstige Verteidigungsminister der DDR, Heinz Keßler, und der frühere Generalstabschef der Nationalen Volksarmee, Fritz Streletz, stellten ihr Buch „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ vor. Ihnen zufolge ist für die Verbrechen an der Berliner Mauer die sowjetische Führung schuldig. Nicht Ulbricht, sondern Chruschtschow sei’s gewesen, behauptet Keßler.

    Als schlechter Diplomat habe der damalige sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow die Debatte mit US-Präsident John F. Kennedy bei einem Gipfeltreffen in Wien 1961 verloren, so der frühere Verteidigungsminister. Er habe den Abbau der alliierten Truppen in West-Berlin nicht erreichen können und musste nach alternativen Wegen in der „Frontstadt“ suchen. "Die billigste Lösung, die einfachste Lösung ohne Krieg war, in West-Berlin eine Mauer hochzuziehen, damit war die Sache für Chruschtschow erledigt. Die Folgen mussten nachher wir ausbaden."

    Auch Egon Krenz, der Nachfolger Erich Honeckers an der Spitze der SED und des Staatsrats der DDR, der zunächst für die Verteidigung zuständig gewesen war, ist der Ansicht, dass die sowjetische Führung die ganze Verantwortung für diese Morde trägt. Alle Entscheidungen seien in Moskau getroffen worden, behauptet er. Nach der Wiedervereinigung wurde Krenz zu 6,5 Jahren und Keßler zu sieben Jahren Haft für die Morde an der Berliner Mauer verurteilt.

    Ein neues Wort in der Geschichte der Berliner Mauer sprach der bekannte deutsche Soziologe und Zeithistoriker Manfred Wilke, der sich mit der Erforschung der „kommunistischen Diktatur“ befasst. Ende 2010 begegnete er auf einer internationalen Konferenz über die Schlacht in Stalingrad dem sowjetischen General Anatoli Mereschko, der in den frühen 1960er Jahren der stellvertretende Chef der sowjetischen Armee in Deutschland gewesen war. Damals soll Mereschko verraten haben, dass er im Sommer 1961 von der sowjetischen Führung mit der Ausarbeitung eines Operativplans für den Mauerbau beauftragt worden war.

    Die Behauptungen der Herren Krenz, Keßler und Streletz, die Berliner Mauer hätte nur die sowjetische Führung gebraucht, seien absurd, so Manfred Wilke in einem Interview für die Zeitung "Moskowskije Nowosti". Die Berliner Mauer sei im Auftrag der SED geplant und von ostdeutschen Grenzschützern bewacht worden. Die drei Meter hohen Betonblöcke seien in DDR-Betrieben hergestellt worden. Das Gleiche gilt dem Experten zufolge für die auf Körperwärme reagierenden Selbstschussanlagen an der Mauer. Noch im Januar 1989 habe Erich Honecker behauptet, die Berliner Mauer würde noch 50 oder 100 Jahre stehen, bis die Gründe für ihre Errichtung festgestellt würden. An den Bemühungen der alten SED-Mitglieder, sich von der Schuld zu befreien, gebe es nichts Außergewöhnliches, findet Wilke. Das Gleiche sei auch im Juni 1945 passiert, nachdem Deutschland von den Alliierten besetzt worden war. Damals wollten auf einmal nicht nur deutsche Generäle und Politiker, sondern auch das Volk völlig schuldlose Opfer des Tyrannen Adolf Hitler gewesen sein, so der Historiker.

    Überlebensfrage für DDR-Führung

    In Wirklichkeit habe dieFührung der UdSSR im Sommer 1961 auf den bisherigen politischen Drang nach Westen verzichtet, fuhr Wilke fort. Als Ziel wurde die Integration Westberlins in die DDR oder wenigstens seine Verwandlung in eine entmilitarisierte Stadt ausgerufen. Dadurch sollte die Nato geschwächt werden.

    Die Wurzel dieses Konflikts ist in Entscheidungen zu finden, die bereits im Juni 1945 getroffen worden waren. Damals wurde Westberlin aus dem System der Aufteilung Deutschlands in einzelne Sektoren ausgeschlossen. Ab dieser Zeit wurde Westberlin von der britischen, französischen und amerikanischen Militärverwaltung kontrolliert. Später wollten alle vier Alliierten einen besonderen Friedensvertrag schließen. Stattdessen kam es zu ständigen Streitigkeiten und Konflikten, die schließlich zum Kalten Krieg geführt haben.

    Später entstanden aus den vier Sektoren, in die Deutschland aufgeteilt worden war, die beiden deutschen Staaten, so Manfred Wilke weiter. Dabei war die BRD von Anfang an ein demokratischer Staat, weil die Amerikaner, Briten und Franzosen den Bürgern die Möglichkeit ließen, ihre Parteien zu wählen. Außerdem hatte Westdeutschland eine stärkere Wirtschaft. Das unterschied sich grundsätzlich von den Normen in der sowjetischen Besatzungszone. Das politische Gebilde der DDR wurde am 5. bzw. 6. Juli 1945 im Arbeitszimmer Josef Stalins im Kreml geschaffen, der die deutschen Kommunisten beauftragte, in der sowjetischen Zone eine eigene Form der Demokratie aufzubauen. An diese Regeln hielten sich alle sowjetischen Führer außer Michail Gorbatschow.

    Die „Frontstadt“ sorgte immer wieder für Probleme zwischen der Sowjetunion und den USA. Zu den schlimmsten kam es 1948 bzw. 1949 und 1960 bzw. 1961. In beiden Fällen wurde versucht, die „Geschwulst“ am Körper der DDR zu entfernen,
    die als wichtigster destabilisierender Faktor aus politischer und wirtschaftlicher Sicht galt.

    Aber das Ultimatum der sowjetischen Führung, die 1958 einen Friedensvertrag binnen sechs Monaten verlangt hatte, haben die Westberliner selbst beantwortet, indem sie den von Moskau vorgeschlagenen Status der freien entmilitarisierten Stadt ablehnten. In einem solchen Fall sollten die Besatzungsmächte aus Berlin abgezogen werden, wogegen die Stadteinwohner jedoch Einspruch einlegten. Im November 1958 nahm die SED an einer Kommunalwahl in Westberlin teil und erhielt lediglich 1,9 Prozent der Stimmen. Das sei eine klare Antwort auf das Ultimatum der Sowjets gewesen, so Wilke.

    In den darauffolgenden drei Jahren mussten sich Moskau, Washington, Paris und London viel Mühe geben, konnten sich aber nicht einigen: Die westlichen Alliierten wollten Westberlin nicht verlassen. Moskau blieb als letztes Argument nur die Gewaltanwendung, doch Chruschtschow schloss einen solchen Weg aus, weil dies zu einem neuen Krieg führen würde. Damit sei die Errichtung der Berliner Mauer die unmittelbare Folge des Verzichts Moskaus auf eine „friedliche Attacke“ auf Westberlin gewesen, stellte Wilke fest.

    In Bezug auf das Verschulden der DDR-Führung erinnerte der Experte an die schwierige Lebensmittelsituation in Ostdeutschland. SED-Chef Walter Ulbricht musste sogar Chruschtschow um Kartoffeln und Butter bitten, während in der BRD und anderen westeuropäischen Ländern gebildete junge Menschen aus Ostdeutschland willkommen geheißen wurden. In Westdeutschland lag der BIP-Zuwachs im Jahr 1960 bei 9,5 Prozent - das in den 1950er Jahren begonnene „Wirtschaftswunder“ ging weiter. Im Januar 1961 informierte Ulbricht Chruschtschow darüber, dass immer mehr Menschen aus der Arbeiter- und Bauernrepublik in den Westen flüchten. Dabei führte er an, dass 75 Prozent der Flüchtlinge jünger als 25 Jahre waren. Damit schien die Berliner Mauer für die DDR-Führung lebenswichtig zu sein.

    Mereschkos Plan


    Die Sowjetunion und die DDR betrachteten das „Problem Westberlin“ unterschiedlich: Chruschtschow strebte einen weltpolitischen Deal mit den Amerikanern an, während Ulbricht daran interessiert war, die Grenze dichtzumachen, die das sozialistische Regime vor dem Niedergang beschützen sollte. Deshalb forderte er den Kreml-Chef zur schnellstmöglichsten Lösung der Westberlin-Frage auf. Aber Chruschtschow antwortete im März 1961 barsch: „Solange ich die Person, mit der ich es zu tun habe, nicht persönlich kennengelernt habe, werde ich nichts entscheiden.“

    Sein Treffen mit US-Präsident John Kennedy fand am 4. Juni 1961 in Wien statt. Dabei ließ sich Kennedy von der Drohung Chruschtschows nicht beeindrucken, einen separaten Friedensvertrag mit der DDR zu schließen, falls bis Jahresende kein Vertrag mit den Alliierten zustande kommen sollte. Moskau warnte, man würde die Transitwege zwischen der BRD und West-Berlin sperren, was katastrophale Folgen für Berlin gehabt hätte - denn die Amerikaner hätten sich das nicht gefallen lassen. In Moskau und Washington wurden identische Pläne erstellt: Die DDR würde die Grenze und damit den Gütertransit nach Westberlin sperren. Die Amerikaner würden versuchen, diese Sperren zu brechen, ein neuer Krieg wäre unvermeidlich.

    Der Kreml war dennoch an einer friedlichen Regelung interessiert, damit Deutschland in drei selbstständige Teile aufgeteilt werden könnte - Ost- und Westdeutschland und die freie Stadt Westberlin, so Wilke weiter. Der Westen akzeptierte diese Forderung der Sowjets jedoch nicht.

    In dieser Situation hing die DDR-Führung von der Entscheidung Moskaus ab. Die Behauptungen früherer DDR-Politiker, die Berliner Mauer wäre auf Verfügung der Russen errichtet worden, stimmen nicht, betonte Wilke. Im Juli 1961 schrieb Ulbricht an Chruschtschow, er könnte das Weiterbestehen der DDR nicht garantieren, wenn die Grenze zu Westberlin nicht geschlossen werden sollte.

    Welche Rolle spielte in dieser Geschichte der sowjetische General Anatoli Mereschko? Im Gespräch mit Manfred Wilke sagte er, dass die Operation „Rose“ zur Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1961 vom Kommando der sowjetischen Truppengruppierung in Deutschland kontrolliert worden sei. Der 90-jährige General a. D. habe sich mit dem taktischen Plan und der Festlegung der Grenzlinie zwischen beiden Teilen Berlins unmittelbar befasst. Im Auftrag des Kommandos habe der Stab der Sowjettruppen in Wünsdorf, 40 Kilometer von Berlin entfernt, Tag und Nacht daran gearbeitet, weil er nur zwei Wochen zur Verfügung gehabt habe. Mereschko sei derjenige gewesen, der über die Aufstellung des Stacheldrahtzauns entschied, die entsprechende Kosten kalkulierte und die Orte der Grenzübergänge bestimmte.

    Mit seinem Plan reiste Mereschko am 7. August nach Moskau. Chruschtschow nickte das Dokument ab. Der General kehrte am selben Tag nach Wünsdorf zurück. Am 10. August trafen beim Stab der sowjetischen Truppen (zum Befehlshaber der Gruppe war Marschall Iwan Konew ernannt worden) der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, Verteidigungsminister Heinz Hoffmann und  Innenminister Karl Maron ein. Mereschko präsentierte ihnen seinen Plan. Konew telefonierte mit Chruschtschow und informierte ihn über das Gespräch mit den DDR-Ministern. Sofort wurde der Zeitpunkt für den Mauerbau festgelegt: Sonntag, der 13. August. Das sowjetische Kommando rechnete damit, dass am Wochenende weniger Menschen, die im östlichen Teil der Stadt lebten und im westlichen arbeiteten, Westberlin besuchen würden.

    Laut Mereschko wurden zwei Exemplare des Plans von Chruschtschow und Ulbricht persönlich unterzeichnet. „Das Wichtigste ist, dass unser Plan keine Errichtung der Mauer in Berlin vorsah. Es handelte sich nur um Sperren, um Kontrollen seitens der DDR-Grenzer und um Betonblöcke in den Straßen an den Sektorengrenzen, damit die Fahrer bremsen mussten“, so der General. „Ursprünglich wurde die Grenze auf einem 40 bzw. 45 Kilometer langen Abschnitt gezogen - im Grunde wurden nur der nördliche und südliche Abschnitt des Berliner Rings gesperrt.“

    Letztendlich wurde aber um Westberlin eine hohe Betonmauer errichtet – mit Minen und Selbstschussanlagen. Dafür ist allerdings ausschließlich die DDR-Führung verantwortlich.

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