06:34 21 Februar 2018
SNA Radio
    Meinungen

    Slobodan Milosevic: Geplatzte Illusionen

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 01

    Am Samstag wäre der verstorbene Ex-Präsident Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, 70 Jahre alt geworden.

    Am Samstag wäre der verstorbene Ex-Präsident Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, 70 Jahre alt geworden.

    Milosevic wurde am 20. August 1941 im serbischen Pozarevac geboren und sollte derjenige werden, der die Illusion von der Einheit Jugoslawiens und später Serbiens begrub. Am Ende seines Lebens musste er weitere Illusionen aufgeben – den Glauben an die Einheit der Slawen und daran, dass Russen und Serben auf ewig verbündet seien.

    Wer war Slobodan Milosevic? Ein Kommunist? Ein serbischer Nationalist? Oder vielleicht ein orthodoxer Fundamentalist? Alle diese Beschreibungen wurden ihm in unterschiedlichen Zeiten von den Medien verpasst. Die Fakten beweisen jedoch, dass Milosevic keine Überzeugung hatte – er war ein politisches Chamäleon.

    Am Anfang seiner Karriere war Milosevic ein tadelloser Mitarbeiter des Apparats des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ), „der junge Lenin“, wie ihn seine Freunde scherzhaft genannt haben sollen (so sein US-Biograf Dusko Doder).
       
    Ihren Höhepunkt erreichte seine Parteikarriere im Frühjahr 1987, als er als Leiter des Belgrader Komitees der Kommunistischen Partei die Führung in Serbien übernahm - über Nacht verwandelte er sich in einen serbischen Nationalisten. Seine Sternstunde kam im April, als er eine Rede in Gazimestan, dem Ort einer Schlacht gegen Osmanen im 14. Jahrhundert, hielt. Vor dem Gebäude, in dem Milosevic seine Rede hielt, kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen serbischen Demonstranten und der Polizei, die überwiegend aus albanischen Muslimen bestand. Die Serben beklagten sich beim „Genossen Sekretär“. „Ihr werdet nie wieder geschlagen werden“, versprach ihnen der frischgebackene serbische Patriot Milosevic.

    In seiner 15-jährigen Regierungszeit wurden die Serben aber häufig Opfer von Gewalt. Sie mussten vier große und zahlreiche kleinere Niederlagen einstecken: die erfolglosen Konflikte in Slowenien und Kroatien; der blutige Krieg in Bosnien, den Serbien nach der Einmischung des Westens verlor; die Verdrängung aus der Krajina (Kroatien); und schließlich das Blutvergießen im Kosovo, in das die Nato 1999 schließlich intervenierte.

    1987 konnten sich die Serben nicht vorstellen, wie viele Niederlagen sie erwarten. Milosevics Aufstieg an die Macht begann in Gazimestan. Es gab weder Revolutionen noch Machtumstürze. Sein Gegner Dragisa Pavlovic wurde für seine Fehler in der „Nationalfrage“ aus der Partei ausgeschlossen. Der andere Gegner Milosevics, einstiger Förderer Ivan Stambolic, trat wenige Tage später freiwillig zurück, nachdem er in einer Sitzung des Zentralkomitees des BdKJ, das live im Fernsehen übertragen worden war, verspottet wurde.

    „Westliche Medien stellten Milosevic häufig als einen sturen Nationalisten aus dem 19. Jahrhundert und als lebenden Anachronismus dar“, erinnerte sich der jugoslawische TV-Korrespondent in Moskau, George Milosevic, in einem Gespräch mit RIA Novosti. „In Wirklichkeit war er aber ein sehr moderner Politiker, der für unsere Zeit sehr typisch war. Er war nicht besser und nicht schlechter als die anderen Diktatoren auf dem Balkan wie der Kroate Franjo Tudjman.“

    Slobodan Milosevic war ein für unser Zeitalter typischer Opportunist, der sich danach richtete, was gerade im Trend lag. In den späten 1980er Jahren, am Anfang  seiner Herrschaft, begann er marktwirtschaftliche Reformen und verhandelte erfolgreich mit dem Internationalen Währungsfonds. Damals schien er ein Liberaler zu sein. Niemand konnte ihm jedoch der verbrecherischen oder nationalistischen Gewalt überführen, weil er fast alle riskanten Befehle mündlich und in Vier-Augen-Gesprächen erteilte.

    „In meinen Reden finden Sie nichts Nationalistisches“, sagte Milosevic einmal in einem Interview für das US-Nachrichtenmagazin „Time“. Das ist wahr: In seinen Ansprachen wetterte er selten gegen andere Nationalitäten. Selbst in den frühen 1990ern, als in Jugoslawien viel Blut vergossen wurde, verhielt er sich politisch korrekt. So sprach sich er für ein „multiethnisches Kosovo“, für eine friedliche Koexistenz der Serben, Kroaten und Slowenen aus. Als der Internationale Kriegsgerichtshof für Ex-Jugoslawien 2000 gegen Milosevic ermittelte, konnte er keine Beweise für seine Straftaten finden. 2006 starb er in Den Haag, ohne verurteilt worden zu sein.

    Mit Russland war Milosevic durch eine komplizierte „Liebesgeschichte“ verbunden, in der sich beide Seiten nicht aufrichtig verhielten. Moskau hatte häufig zu Unrecht Mitleid. Patriotische Zeitungen und Kommunisten versprachen ihm militärische Unterstützung, die er aber nie bekam. Als die Nato 1999 in Jugoslawien in den Krieg zog, schickte Russland lediglich ein Küstenwachschiff in die Adria und Luftlandesoldaten nach Pristina.

    Milosevic unterstützte niemals Russlands außenpolitische Aktivitäten, gab russischen Medien prinzipiell keine Interviews und legte offenbar mehr Wert auf das 1995 unterzeichnete Dayton-Abkommen als auf die Freundschaft mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin.

    Die russischen Politiker sind bei ihren „Spielchen“ mit Milosevic einem Irrtum aufgesessen: Sie dachten, dass er in Serbien sehr beliebt und treuer Verbündeter Russlands wäre. 

    „Als sich die neue serbische Führung 2001 für die Auslieferung Milosevics an das Kriegsgerichtshof entschied, erwartete Russland große Proteste in Belgrad“, so der russische Balkan-Experte Sergej Romanenko. „Aber es gingen nur ein paar Rentner auf die Straßen. Die Serben hatten schon längst Abstand von Milosevic genommen, was man in Russland aber nicht bemerkt hatte. Was die angebliche große Freundschaft der russischen und serbischen Nationalisten angeht, so besteht sie nur darin, dass sie dieselben antiwestlichen Autoren bevorzugen. Diese „Freundschaft“ zerbrach an vielen Erprobungen.“

    Heutzutage sind die russisch-serbischen Beziehungen alles andere als falsch verstandene Freundschaft und stützen sich auf gesunden Pragmatismus. Russland hindert nicht Serbien auf dem Weg in die EU. Die Serben beteiligen sich am russischen Pipeline-Projekt South Stream. Unter Milosevic wären diese beiden Projekte unvorstellbar gewesen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren