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    Arabischer Frühling als Echo von 9/11

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    Der 11. September 2001: Zehn Jahre danach (13)
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    Experten sehen einen Zusammenhang zwischen den Terrorakten in den USA am 11. September 2001 und den jetzigen Revolutionen in der arabischen Welt.

    Experten sehen einen Zusammenhang zwischen den Terrorakten in den USA am 11. September 2001 und den jetzigen Revolutionen in der arabischen Welt.

    Wie viele Politologen betonen, profitieren radikale Gruppierungen von der jetzigen politischen Instabilität und dem Chaos in den arabischen Ländern: Sie können die Situation ausnutzen, um an die Macht zu kommen. Zugleich könnte der „Arabische Frühling“ auch zu einer Beendigung der Konfrontation zwischen Orient und Okzident führen, zu der es nach 9/11 gekommen ist: Paradoxerweise kämpft jetzt die moslemische Bevölkerung um die demokratischen Werte des Westens.

    Nach den Terrorakten am 11. September hat Washington aus Angst vor neuen Angriffen radikaler Islamisten damit begonnen, engere Kontakte mit Regierungen der arabischen Staaten zu knüpfen. Die letzteren nutzen die Situation aus und fingen an, unter dem Vorwand des Schutzes vor den Radikalen Schrauben fester anzuziehen und unpopuläre Reformen durchzusetzen. Als Folge führte das zu Massenprotesten, stellen Experten fest.

    Bei der Überwindung der Folgen von 9/11 legten die Vereinigten Staaten besonderen Schwerpunkt auf die Notwendigkeit einer Demokratisierung in arabischen Ländern, betont Alexander Schumilin, Leiter des Zentrums für Analysen der Nahostkonflikte des Moskauer USA- und Kanada-Instituts. „Das, was jetzt in den arabischen Ländern vor sich geht, ist eine extreme Variante der Antwort auf die Repressalien der Diktaturen“, so der Experte in einem Gespräch mit RIA Novosti. „Dabei waren die USA, bemüht, diesen Autoritarismus zu verhindern, weil der repressive Charakter der Regimes stets andere Formen der Erwiderung hervorgerufen hatte, nämlich dass ein Teil der Menschen in die Opposition ging und zum Terror griff.“

    Geert Somsen, Experte der Fakultät für kulturelle und soziale Kenntnisse der Universität Maastricht, hebt hervor, dass die Protestler in den arabischen Ländern paradoxerweise für die demokratischen Werte kämpfen, die die westliche Kultur propagiert, während der Westen autoritäre Regimes in diesen Regionen unterstützt.

    „Mubarak hat Milliarden von Dollars aus den USA bekommen, Ben Ali hat herzliche Beziehungen mit Frankreich gepflegt, die Regierung von Bahrain USA-Kriegsschiffe bei sich stationieren, während Saudi-Arabien kürzlich Waffen für 70 Milliarden Dollar bei USA-Verbündeten gekauft hat“, stellt der Experte fest.

    Nach Ansicht von Geert Somsen hat der Arabische Frühling der ewigen Ost-West-Konfrontation ein Ende gesetzt. Wie die Revolutionen in der arabischen Welt zeigten, kämpft die moslemische Bevölkerung um die westlichen Werte. Insofern gehe es jetzt nicht mehr um eine Kollision zwischen den Mentalitäten und den Kulturen.

    Laut der jüngsten Studie der angesehenen US-Organisation Pew Global Attitudes Project, bleibt aber die Konfrontation zwischen diesen zwei Welten weiter bestehen. „Die moslemische und die westliche Gesellschaft bewerten die Beziehungen zwischen ihnen weiterhin als schlecht“, heißt es in einem Bericht der US-Soziologen. Wie dieselbe Studie zeigt, glauben die meisten Moslems nicht daran, dass die Terrorakte am 11. September von Arabern begangen wurden.

    Wie die Untersuchung ergab, haben die Moslems nicht weniger Angst vor radikalen Islamisten als Europäer und Amerikaner. Mehr als zwei Drittel der befragten Moslems in der Palästinensischen Autonomie, im Libanon, in Ägypten, in Pakistan und der Türkei teilen die Angst der Europäer und der Amerikaner und bewerten den radikalen Islamismus als eine Bedrohung.

    Angesichts der gigantischen Protestaktionen in der arabischen Welt äußerten viele Beobachter die Befürchtung, dass radikale islamische Gruppierungen, darunter auch Al-Qaida, die instabile Situation ausnutzen könnten.

    Im März, nach dem Ausbruch der Unruhen in Libyen, verwies Muammar al-Gaddafi auf die Gefahr einer Einmischung islamistischer Kräfte in den inneren Konflikt.

    Die Befürchtungen, wonach radikale Islamisten von der politischen Instabilität Gebrauch machen könnten, wirken durchaus begründet. In Ägypten wurde nach dem Sturz von Mubarak die Gruppierung der Moslemischen Brüder legalisiert, die mehr als 50 Jahre lang verboten war und im Westen als radikal gilt. Mehr noch: Diese Organisation hat ihre eigene politische Partei Freiheit und Gerechtigkeit gegründet und ihre Absicht bekundet, mindestens 40 Prozent im neuen Landesparlament zu bekommen.

    Hunderte von islamischen Extremisten, die aus ägyptischen Gefängnissen geflüchtet waren und nach Gaza umzogen, trafen nach dem Beginn der Unruhen in Ägypten auf der Halbinsel Sinai ein, weil Ägypten nach dem Ausbruch der Tumulte Kontrolle über den Norden der Halbinsel, der an den Gaza-Streifen grenzt, geschwächt hat.

    Besorgniserregend ist auch die Tatsache, dass einer der Spitzenvertreter der libyschen Aufständischen, Abdelhakim Belhadsch mehrere Jahre in Gefängnissen verbracht hat (zunächst in Thailand, wo er von CIA-Agenten verhaftet wurde, und später in Libyen). Er stand unter Verdacht, Kontakte mit Al-Qaida gepflegt und sich an der Vorbereitung der Terrorakte vom 11. September beteiligt zu haben. Wie er Anfang September in einem Interview für die britische Zeitung „The Independent“ mitteilte, wurde er in den Gefängnissen  regelmäßig gefoltert, was er den Amerikanern nicht verzeihen kann. Nach seiner Meinung habe die CIA mit Gaddafi kooperiert, der Belhadsch als einen Terroristen betrachtete. Nach der Veröffentlichung des Interviews äußerten westliche Medien die Annahme, Belhadsch werde den Amerikanern für die Folterungen rächen wollen.

    In Israel wird befürchtet, dass die Volksaufstände in der arabischen Welt zu religiösen Kriegen führen könnten. Der Chef des Versorgungsdienstes der Verteidigungsarmee Israels, Generalmajor Eyal Eisenberg, äußerte dieser Tage, der Arabische Frühling könnte zu einem „radikalen islamischen Winter führen“.

    Auch Alexej Malaschenko, Mitglied des wissenschaftlichen Rates des Moskauer Carnegie-Zentrums, nimmt an, dass die jüngste Entwicklung im Norden Afrikas die Terrorgefahr erhöht: „Über kurz oder lang, wenn dort  alles schlecht ist – und dazu wird es kommen – wird dort eine neue Welle des Extremismus entstehen.“

    Die bevorstehenden Parlamentswahlen in Ägypten, auf die sich auch die Moslemischen Brüder aktiv vorbereiten, sei keine Errungenschaft von Islamisten, erwidert Somsen. „Die Wahlen haben Menschen durchgesetzt, die um die Demokratie kämpfen und zugleich Moslems bleiben.“

    Mustafal al Said, Politologie-Professor an der Amerikanischen Universität in Kairo, betont: „Die Moslemischen Brüder werden sich aktiv auf die Wahlen in Ägypten vorbereiten.“ Außerdem habe sich diese Gruppierung in den letzten Jahren ihren Kurs gewechselt und sei auf demokratische Veränderungen eingestellt.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti identisch sein. 

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