11:21 26 September 2017
SNA Radio
    Gaslieferungen

    Schreckensszenario für Russland: Gas geht zur Neige

    © RIA Novosti. Alexandr Mazurkevich
    Meinungen
    Zum Kurzlink
    Gasstreit mit Russland: Ukraine bemüht sich um Preisrevision (165)
    0 1211

    Im Interview mit RIA Novosti spricht Alexej Hajtun, Leiter des Zentrums für Energiepolitik am Europa-Institut, über Russlands Gasprojekte und die Beziehungen zur Ukraine.

    Im Interview mit RIA Novosti spricht Alexej Hajtun, Leiter des Zentrums für Energiepolitik am Europa-Institut, über Russlands Gasprojekte und die Beziehungen zur Ukraine.

    RIA Novosti: Welche Rolle spielt für Russland das Abkommen über die South-Stream-Pipeline, das mit europäischen Unternehmen in der vergangenen Woche geschlossen wurde?

    Alexej Hajtun: Einerseits ist es ein sehr vorteilhaftes Projekt für Russland. Andererseits gibt es sehr viele politische Probleme. Warum ist es vorteilhaft? Laut Schätzungen soll es etwa 25 Milliarden Dollar kosten. Durch die Leitung können etwa 25 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr gepumpt werden. Der Gaspreis ist in Europa stark angestiegen und liegt bei 500 US-Dollar pro 1000 Kubikmeter. Bis vor kurzem waren es noch 300 Dollar beziehungsweise 400 Dollar auf dem Spotmarkt. Zwölf Milliarden Dollar könnten jährlich an Gewinnen eingestrichen werden. Wenn die Kosten für die Gasförderung und das Durchpumpen abgezogen werden, rentiert sich die Pipeline in zweieinhalb Jahren. Das ist eine sehr kurze Zeit. Dazu müsste sie aber erst einmal gebaut werden.

    Bei dem Projekt können auch Probleme entstehen. Die Pipeline wird in einer Meerestiefe von bis zu 1500 Meter verlegt. Auf dem porösen Grund des Schwarzen Meeres kann sich gefährlicher Schwefelwasserstoff ansammeln. Die Türkei hat dem Bau der Pipeline auf ihrem Territorium noch nicht zugestimmt. Es gibt zwar ein Abkommen, aber es fehlt noch immer die Zustimmung der Türkei, die das Nabucco-Projekt verteidigt. Womit soll diese Pipeline befüllt werden? Das derzeit geförderte Gas ist bereits voll verplant. Die Umverteilung des Gases aus den bereits vorhandenen Pipelines zu Gunsten der South Stream ist wirtschaftlich nachteilig. Dabei gibt es aber einen politischen Vorteil. Falls South Stream das Nabucco-Projekt zum Scheitern bringt, werden die zentralasiatischen Republiken keinen unabhängigen Zugang zum europäischen Markt bekommen. Sie liefern derzeit ihr Gas via Russland.

    RIA Novosti: Hat das Nabucco-Projekt Aussicht auf Erfolg? Ist dieses Projekt mit der Unterzeichnung des Abkommens zum Bau der South-Stream-Pipeline zum Scheitern verurteilt?

    Alexej Haitun: Turkmenistan, Aserbaidschan und Kasachstan wollen wirtschaftlich unabhängiger werden. Das Nabucco-Projekt bietet diesen Ländern die Möglichkeit, Gas ohne Zwischenhändler zu verkaufen.

    RIA Novosti: Was sollte Russland in dieser Situation tun? Spielen politische Interessen eine Rolle?

    Alexej Hajtun: Russland braucht nichts zu tun. Politische Interessen spielen überhaupt keine Rolle. Die Gaspipelines in der Ukraine wurden bereits in Sowjetzeiten mit ausländischen Technologien gebaut. Das ist der kürzeste und beste Weg. Wichtig ist aber der Gashandel mit der Ukraine, der der Gashahn zugedreht wurde, als sie nicht mehr den ihrer Ansicht nach zu hohen Preis bezahlen wollte. Im Ergebnis unterzeichnete die damalige Regierungschefin Julia Timoschenko ein Abkommen, wofür sie sich jetzt vor Gericht verantworten muss. Wladimir Putin behauptet, das Abkommen sei korrekt ausgearbeitet worden. Russland schlägt der Ukraine vor, ihr Gastransportsystem an Gazprom zu verkaufen. Anschließend fließt das Gas zu einem niedrigeren Preis und die Pipelines werden erneuert. Doch in der Ukraine gilt das Gastransportnetz als heiliges Staatseigentum, eine Übernahme selbst durch die engsten Brüder ist ausgeschlossen.

    RIA Novosti: Eine Einigung mit der Ukraine ist demnach ausgeschlossen?

    Alexej Haitun: Man kann sich zwar mit der Ukraine einigen, jedoch nicht zu unseren Bedingungen.

    RIA Novosti: Zum Jahreswechsel erwarten viele wieder einen Gas-Konflikt. Die South-Stream-Pipeline ist der einzige Ausweg, der wirtschaftliche Vorteile bringt, jedoch keine politischen. Die Türkei macht nicht mit. Mit anderen Ländern gibt es ebenfalls Schwierigkeiten.

    Alexej Haitun: Bei dieser Frage werden die Begriffe verwechselt. Russland und Gazprom haben unterschiedliche Interessen. Russland setzt vor allem auf freundschaftliche Beziehungen zur Ukraine. Diese Beziehungen können nur auf dem Prinzip der Gleichheit aufgebaut werden. Mit Panzern kann nichts gelöst werden. Nach meiner Ansicht ist es nachteilig für Russland. 50 Milliarden Kubikmeter Gas werden durch die North-Stream-Pipeline und weitere 100 Milliarden unter Umgehung der Ukraine gepumpt. Etwa die Hälfte des Gases wird an der Ukraine vorbeifließen. Wegen des weggefallenen Transits wird sie viel Geld verlieren. Russland wird völlig leer ausgehen. Für die Folgen wird sich aber nicht Gazprom, sondern diejenigen verantworten müssen, die die Verträge unterzeichnet haben.

    RIA Novosti: Der Staat hat also das Sagen bei den Gasabkommen?

    Alexej Haitun: Ja, der Staat bestimmt die Gaspolitik, weil die Abkommen ohne staatliche Beteiligung nicht unterzeichnet werden können. Es handelt sich um langfristige große Verträge. Umgesetzt werden sie jedoch von Gazprom.

    RIA Novosti: Was geschieht mit diesen Projekten? Verschlimmert sich die Situation, wenn sie nicht zustande kommen?

    Alexej Haitun: Diese Projekte können gefährlich für die politische Zukunft Russlands sein. Es gibt auch ein weiteres Problem: Woher soll das Gas genommen werden?Neue Vorkommen wurden seit der Sowjetzeit nicht mehr erschlossen. Seit den 1990er Jahren wurde kein Geld in Gazprom investiert. Gazprom musste alles an den Staat abführen. Die Vorräte gehen allmählich aus. Vor vier Jahren waren die Vorräte in Urengoj zu 60 Prozent ausgebeutet. Neue Vorkommen werden zwar anvisiert, aber nicht erschlossen, weil dafür viel Geld vonnöten ist. Der Staat hat dafür kein Geld. Deswegen muss die Förderung reduziert und müssen eigene Pipelines gebaut werden. Stattdessen hat man globale Pläne - Gas zu den eigenen Bedingungen nach Europa zu liefern.

    RIA Novosti: Das Ziel dieser Projekte ist also das Zurückdrängen der Ukraine?

    Alexej Hajtun: Das Ziel ist nicht nur die Ukraine, sondern auch Osteuropa. Zudem soll die Ukraine politisch unter Druck gesetzt werden. Janukowitsch, der als prorussischer Präsident gilt und vom Kreml unterstützt wurde, streitet sich jetzt mit Russland um das Gas. Die Ukrainer wollen mit ihrem Gastransportsystem Geld machen. Viele Vorkommen liegen in Sibirien. Die Ukrainer haben aber auch an der Erschließung Sibiriens teilgenommen, seinerzeit.

    RIA Novosti: Das war aber eine andere Epoche.

    Alexej Haitun: Ja, die Epoche war eine andere. Die Ukrainer sind jedoch der Ansicht, sie haben in Sibirien Pipelines gebaut und haben das Recht auf billigeres Gas. Wenn sich zwei einigen wollen, muss der Stärkere nachgeben.

    RIA Novosti: Kommen wir zurück zu North Stream. Was bedeutet dieses Projekt für Russland?

    Alexej Hajtun: Jedes Jahr pumpt Russland 50 bis 60 Milliarden Kubikmeter nach Deutschland. Vor den Gas-Konflikten mit der Ukraine hatte Europa Gazprom vertraut, weil der Konzern immer alle Verträge erfüllt hatte. Jetzt wurde dieses Vertrauen gebrochen -  und zwar mit Folgen. Denn in Deutschland gilt die Regel, nicht mehr als 25 Prozent der Energie aus einem Land zu beziehen. Daran hatten sich die Deutschen zwar nicht gehalten, doch jetzt wollen sie diese Prozentzahl verringern.

    RIA Novosti: Wirft North Stream mehr Gewinn als das bisherige System ab?

    Alexej Hajtun: Im Vergleich zum Transit durch die Ukraine nicht, weil der Gastransport auf dem Festland billiger ist. Deutschland ist der Ansicht, eine alternative Quelle für den Fall eines Konfliktes zwischen Russland und der Ukraine bekommen zu haben. Es ist jedoch kaum damit zu rechnen, dass die North-Stream-Pipeline den Transit durch die Ukraine komplett ersetzen wird.

    RIA Novosti: Wie wird Russlands weitere Gaspolitik aussehen?

    Alexej Hajtun: Unsere Energiewirtschaft hat Probleme. Das Wichtigste ist, den Eigenbedarf zu decken. Eine wichtige Aufgabe ist zudem eine Energiespar-Politik. Die Wirtschaft eines Landes wie Russland darf sich nicht nur auf ein Exportprodukt stützen, auch wenn es sich um Gas handelt. Bei dem jetzigen Wirtschaftsmodell ist klar, dass die Projekte South Stream und North Stream keine Aussicht haben. Es gibt zu viele politische Verluste. Die Gasvorkommen werden ohnehin irgendwann einmal zur Neige gehen.

    RIA Novosti: Vielen Dank für Ihre Antworten.

    Das Gespräch führte Michail Gussew.

    Themen:
    Gasstreit mit Russland: Ukraine bemüht sich um Preisrevision (165)
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren