03:37 15 November 2018
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    Aus für AK-47: Russlands Armee will keine Kalaschnikows mehr

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    Russlands Armee verzichtet auf den Kauf von weiteren Kalaschnikows.

    Russlands Armee verzichtet auf den Kauf von weiteren Kalaschnikows.

    Das teilte Generalstabschef Nikolai Makarow am Dienstag mit. Wegen des Überangebots an dem legendären Sturmgewehr wolle man solange warten, bis neue Modelle entwickelt werden, betonte er.

    In den Waffenlagern der Armee stapeln sich die Kalaschnikows – es sind mittlerweile so viele, dass jeder erwachsene Russe mit einer ausgerüstet werden könnte.

    „Unsere Reserven übersteigen den aktuellen Bedarf um das Zigfache“, erläuterte Makarow. Deshalb müssen die Waffenlager geleert werden.

    Die 2009 begonnen Militärreform hat wichtige strukturelle Veränderungen zur Folge gehabt. So wurden beispielsweise fast alle Reserve-Truppenteile abgeschafft, in denen alle Offiziersränge, aber nur wenige Soldaten vertreten waren. Bei einem Reserve-Teil handelte es sich im Grunde um ein bewachtes Waffenlager mit wenigen Soldaten. Im Kriegsfall sollten sie mit zusätzlichen Reservisten schnell für den Fronteinsatz mobil gemacht werden.
       
    Das Verteidigungsministerium hielt dieses System für veraltet und schwerfällig. Stattdessen sollten kompakte Brigaden mit einfachen Soldaten und Offizieren entstehen, die ständig einsatzbereit sind. Außerdem wurde der Personalbestand der Armee seit 1991 mehrmals massiv abgebaut.

    Das sind die Gründe, weshalb die russische Armee derzeit keine neuen Kalaschnikows braucht. Theoretisch wäre es jetzt möglich, dass die Rüstungsindustrie die Waffen modernisiert oder an einer Ausschreibung für die Entwicklung eines neuen Modells teilnimmt.

    Modernisierung der Legende

    An dem Umbau der Kalaschnikow in ein moderneres Gewehr könnten sich viele kleinere Betriebe beteiligen. Einen Großauftrag für mehrere Hunderttausende Kalaschnikows könnten nur die Ischmasch-Werke als Marktmonopolist stemmen. Um die Modernisierung der Waffe könnte sich aber nahezu jeder kleinere Betrieb bewerben, wenn er dem Verteidigungsministerium ein attraktives Angebot vorlegt.

    Auch im Westen gibt es viele kleinere Unternehmen, die sich im Auftrag von Großkonzernen mit dem Waffen-„Tuning“ befassen. Zumal die klassische Kalaschnikow mit 7,62-Millimeter-Kaliber das Lieblingsmodell für Söldner und Privatarmeen“ im Irak oder Afghanistan ist. Auch in Russland gibt es einige Betriebe, die sich auf das Kalaschnikow-„Tuning“ spezialisiert haben.

    In Russland wurde vor kurzem ein neues Verfahren zur Vergabe des staatlichen Rüstungsauftrags eingeführt. Das Verteidigungsministerium hat die Sparbremse gezogen und mag deshalb nicht die großen Waffenproduzenten, die den Markt monopolisiert haben. Kleinere Betriebe haben es heute leichter, an Ausschreibungen teilzunehmen, was den Wettbewerb und niedrigere Preise fördert. Das Verteidigungsministerium hatte sich zuletzt bei den Waffenherstellern immer wieder über die hohen Preise beschwert. 

    Viele Nachfolgermodelle

    Aber die Modernisierung von alten Waffen ist eine kurzfristige Lösung. Manchen Quellen zufolge ist das Verteidigungsministerium an der Entwicklung von prinzipiell neuen Schusswaffen und nicht am Kauf von veralteten Gewehren interessiert.

    Seit den 1970er Jahren bezieht die russische bzw. sowjetische Armee die Sturmgewehre aus den Ischmasch-Werken. Schon damals gab es Skeptiker, die behaupteten, man würde nur deren Entwickler Michail Kalaschnikow einen Gefallen tun wollen, obwohl es weitaus neuere Modelle gebe.

    AK-74 ist sicherlich ein gutes Sturmgewehr. Aber es ist inzwischen 40 Jahre alt. Was hat die russische Armee jetzt? Zurzeit werden abermals Versuche unternommen, den größten Konstruktionsnachteil aller Kalaschnikows aufzuheben: Der heftige Rückstoß beim Schießen erschwert massiv die Zielerfassung. 

    Waffenentwickler zermartern sich bereits seit geraumer Zeit den Kopf, wie eine „ausbalancierte Automatik“ erreicht werden kann. In den frühen 1990er Jahren kam das Modell AN-94 von Gennadi Nikonow auf den Markt, an dem seit den späten 1970ern gebastelt worden war. Das Ischmasch-Werk präsentierte es damals als Nachfolger der legendären AK-74.

    Aber nach späteren Tests und den Tschetschenien-Kriegen wurde allmählich klar, dass die AN-94 nur ein Modell für erfahrene Schützen ist. Das Modell war teuer, schwer zu handhaben und mit Fehlern behaftet. Ganz anders als die Kalaschnikow-Modelle AK-47, AKM und AK-74, die weniger kosteten und zuverlässig waren. Von der AN-94 konnte man das nicht behaupten. Nur absolute Profis konnten mit dem Gewehr etwas anfangen.

    Daraufhin präsentierte Ischmasch in den späten 1990er Jahren die so genannte „Serie 100“ - mehrere Kalaschnikow-Modifikationen mit drei unterschiedlichen Kalibern (5,45 Millimeter, 7,62 Millimeter sowie 5,56 Millimeter (Nato-Standard)). Diese Gewehre wurden ins Ausland und an russische Sicherheitsbehörden verkauft. Die russische Armee als Erstabnehmer zeigte jedoch kein Interesse. Der „Serie 100“ gehörte auch das Modell AK-107 (mit deutlich verbesserter Präzision als bei AK-74) an. Vor kurzem wurde die neue Modifikation AK-200 vorgestellt.

    Erwähnenswert ist auch das Modell AEK-971, dem in den späten 1980er Jahren die AN-94 bevorzugt wurde. Diese Waffe ist günstiger und einfacher zu handhaben, aber böse Zungen behaupten, dass die Wahl auf das Nikonow-Modell fiel, um nicht den Ruf von Michail Kalaschnikow zu beschädigen. Denn die AEK-971 wurde nicht in Ischewsk, sondern im Waffenwerk in der Stadt Kowrow (Gebiet Wladimir) gebaut.

    Neues Sturmgewehr für neue Armee

    Keines der oben genannten Modelle wird bei der Umrüstung der Armee eine Rolle spielen. In Bezug auf ihre Qualität sind Branchenkenner eher zurückhaltend. Sie entsprechen nicht den heutigen Anforderungen der Streitkräfte.

    Eines ist klar: Russlands neues Sturmgewehr muss zuverlässig, präzise und mit Munition geladen werden können, die massenweise in den Lagern liegt. Wünschenswert wäre auch, dass Optik-, Infrarot- oder Laser-Zielaufsätze auf verschiedene Modifikationen schnell montiert werden könnten.

    In diesem Fall haben die Konstrukteure aus Ischewsk wohl bessere Chancen. Trotzdem erleben die Ischmasch-Werke nicht gerade ihre besten Zeiten. Die Staatskorporation Rostechnologii befasst sich seit Jahren mit der Sanierung des Kalaschnikow-Betriebs. Falls der Staat weiter mit einem größeren Auftrag warten sollte, wird es für Ischmasch schwer, sich am Leben zu erhalten.  

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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