10:36 25 November 2017
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    Der französische Präsident Nicolas Sarkozy

    Frankreich vor Präsidentenwahl: Ist Francois Hollande eine passende Waffe gegen Sarkozy?

    © RIA Novosti. Mikhail Klimentiew
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    Die französischen Sozialisten haben sich endlich entschieden, wer bei der Präsidentenwahl 2012 dem amtierenden Staatschef Nicolas Sarkozy die Stirn bieten wird.

    Die französischen Sozialisten haben sich endlich entschieden, wer bei der Präsidentenwahl 2012 dem amtierenden Staatschef Nicolas Sarkozy die Stirn bieten wird.

    Die Mission übernimmt der Ex-Parteichef Francois Hollande. Die Entscheidung für den 57-Jährigen wurde am 16. Oktober bei der ersten Vorwahl in der Geschichte des Landes getroffen. Auffallend ist, dass an der ersten Runde 2,6 Millionen und an der zweiten fast drei Millionen Franzosen teilgenommen haben. Dabei waren gar nicht alle von ihnen überzeugte Sozialisten: Abstimmen wollten fast zehn Mal soviel Bürger wie die Sozialistische Partei Mitglieder hat. Allein das zeigt sehr deutlich, dass Frankreich von einem Machtwechsel träumt.

    Sarkozy muss sich auf etwas gefasst machen: Laut jüngsten Umfragen ist seine Popularitätsrate so niedrig wie nie zuvor. Bestenfalls darf er mit 28 bis 30 Prozent der Stimmen rechnen. Wie er mit Frankreich umgeht, lassen sich bis 70 Prozent der Mitbürger nicht gefallen. Würde die Präsidentenwahl morgen stattfinden, dann würde Hollande übermorgen mit Sicherheit in den Elysee-Palast einziehen.

    Ein solcher Machtwechsel wäre historisch: Die Fünfte Republik hatte seit ihrer Gründung 1958 durch General de Gaulle nur einen sozialistischen Präsidenten – Francois Mitterand (1981-1988).

    Frankreich: Auf der Suche nach Normalität

    Merkwürdigerweise kann man über Francois Hollande nicht allzu viel erzählen: Außerhalb Frankreichs ist er kaum bekannt.

    Wenn die Franzosen ihren Staatschef nach Auffälligkeit, Tatkraft und Temperament wählen würden, dann wäre Hollande wohl der letzte, der mit einem Sieg rechnen dürfte. Er verhält sich zu Sarkozy so ähnlich wie Tag und Nacht, Feuer und Wasser, Lyrik und Prosa usw.

    Andererseits ist das aber Hollandes größter Vorteil. Frankreich ist müde von seinem jetzigen impulsiven und exzentrischen Präsidenten.

    Ganz anders ist Hollande, der Sohn eines HNO-Arztes und einer Sozialbeamtin. In seiner Heimat ist er als L’Homme Tranquille („Der stille Mann“) und Monsieur Ordinaire („Der einfache Herr“) bekannt. Es ist durchaus möglich, dass Frankreich nach den zahlreichen Eskapaden des „Kleinen Bonaparte“ einen ruhigen Typ an der Spitze braucht.

    Übrigens ist Francois Hollande mit 1,62 Meter nur zwei Zentimeter größer als sein künftiger Wahlgegner. Dabei sieht er das als einen seiner Vorteile, denn kleinwüchsig könne er schwer umgeworfen werden.

    Sozialisten – lauter Brüder, Schwestern und Gatten

    Sein ganzes politisches Leben lang blieb der Arbeitsmensch Hollande im Schatten der anderen, als wäre er für immer und ewig verdammt gewesen, die zweite Geige zu spielen und die Dreckarbeit zu machen (egal ob in der Partei, im Parlament oder sonst wo), während die anderen von seinen Bemühungen profitieren durften.

    Bis 2008 stand Francois Hollande an der Spitze der Sozialistischen Partei. Jetzt ist er Abgeordneter der Nationalversammlung und Bürgermeister der südfranzösischen Stadt Tulle.

    Bis 2007 blieb er im Schatten seiner damaligen Lebensgefährtin Segolene Royal, die im selben Jahr an der Präsidentenwahl teilnahm, allerdings gegen Sarkozy verlor. Während der Wahlkampagne wurde er sogar abwertend „Monsieur Royal“ genannt. Segolene wollte apropos auch an der jüngsten Vorwahl teilnehmen, rief aber am Ende ihre Anhänger auf, für ihren Ex-Partner zu stimmen, mit dem sie vier gemeinsame Kinder hat.

    In der modernen französischen Politik spielt der Familienfaktor merkwürdigerweise eine wichtige Rolle. Das fällt besonders bei den Sozialisten auf.

    Die aktuelle Parteichefin Martine Aubry (die die Vorwahl gegen Hollande verlor und bis zur letzten Wahlrunde behauptete, er wäre ein Heuchler, hätte keine Ahnung von praktischer Arbeit und wäre überhaupt ein „Kandidat des Establishments und der Presse“), ist fast so etwas wie seine Schwester – ihr Vater Jacques Delors ist Sozialist, Ex-Finanzminister und Präsident der EG-Kommission (1985-1995).

    Nachdem 1982 Aubrys Bruder Jean-Paul Delors gestorben war, nahm sich Jacques Delors Francois Hollande wie eines leiblichen Sohnes an und wurde für ihn eine Art politischer und geistiger Vater. Das kränkte Aubry sehr, die seit dieser Zeit Hollande nicht ausstehen kann.

    Bis Mai hatte der damalige IWF-Präsident Dominique Strauss-Kahn als Top-Favorit der Sozialisten bei der Wahl 2012 gegolten, der aber nach einem angeblichen Vergewaltigungsversuch in New York auf den Wahlkampf verzichten musste. Dass seine Schuld nicht bewiesen werden konnte, spielte keine Rolle mehr.

    Hätte es diesen Sex-Skandal um Strauss-Kahn nicht gegeben, dann würde Francois Hollande nie für die französische Präsidentschaft kandidieren.

    Wie kippt man Sarkozy?

    Jetzt hängt alles von Hollande und Sarkozy ab. Und von den französischen Wählern, selbstversändlich.

    Unter dem Einfluss der PR-Experten musste der Sozialisten-Kandidat sein Image ändern, unter anderem etwa zehn Kilo abnehmen, neue Klamotten anziehen, seine alte Hornbrille wegwerfen usw. Jetzt sieht er elegant und jung aus.

    Aber auch dann sieht Sarkozy im Vergleich zu Hollande wie ein Funken vor einer Betonmauer aus. Die meisten Experten sagen Sarkozy zwar eine Wahlniederlage voraus, aber niemand ist zu 100 Prozent vom Sieg Hollandes überzeugt.

    Sarkozy ist ein geborener Kämpfer. Jetzt will er das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen – egal ob durch seine außenpolitischen Aktivitäten (so brachte ihm der erfolgreiche internationale Militäreinsatz in Libyen zusätzliche Wählerstimmen) oder durch die Lösung der zahlreichen Finanzprobleme in Europa, oder sonst wie.

    Außerdem ist Sarkozy werdender bzw. junger Vater (der Elysee-Palast hat die Information von der Geburt des gemeinsamen Kindes mit Carla Bruni vorerst nicht bestätigt). Das könnte wiederum ein paar sentimentale Wähler auf seine Seite treiben.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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