22:23 20 November 2017
SNA Radio
    Meinungen

    Entdeckung einer neuen Welt: Ein Nachtspaziergang durch Pjöngjang

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    Notizen aus Nordkorea (6)
    0 17820

    Ich habe gerade eine einwöchige Reise durch Nordkorea hinter mir. Das war ein faszinierendes Erlebnis für mich, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Land jetzt besser verstehe als früher.

    Ich habe gerade eine einwöchige Reise durch Nordkorea hinter mir. Das war ein faszinierendes Erlebnis für mich, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Land jetzt besser verstehe als früher. Aber wenigstens konnte ich in Pjöngjang eine Pizza essen, wovon viele dort nicht einmal träumen können.

    Wenn Sie auf dem internationalen Flughafen Pjöngjangs landen, sehen Sie in der Ankunftshalle keine Begrüßungsschilder, dafür aber viele Bilder des Großen Führers Kim Il-sung und dessen Sohnes und Nachfolgers, des Geliebten Führers Kim Jong-il. Die ganze Woche lang haben uns die beiden permanent „begleitet“.

    Nach der Ankunft in Nordkorea müssen alle Ausländer ihre Mobiltelefone abgeben – das gehört sich so in dem wohl am verschlossensten Land der Welt. Aber selbst wenn Sie ihr Handy nach Nordkorea einschmuggeln können, funktioniert es hier sowieso nicht. Außerdem gibt es im Land kein Internet. Als Hotelgast können Sie allerdings E-Mails abschicken, deren Inhalt jedoch kontrolliert wird.

    Obwohl es in der Republik keine High-Tech-Produkte gibt, sind die dortigen Grenzsoldaten durchaus auf dem Laufenden, was den technischen Fortschritt angeht. „Haben Sie ein iPad?“, wurde ich bei der Zollkontrolle gefragt. Steve Jobs könnte stolz auf sich selbst sein.

    Während ihres gesamten Aufenthalts in Nordkorea werden Ausländer ständig von zwei Beobachtern begleitet. Eine einmalige Ausnahme machte eine chinesische Touristengruppe, die selbstständig mehrere Gebiete der Republik besuchen durfte. Unsere Reise wurde von der nordkoreanischen staatlichen Nachrichtenagentur KCNA organisiert. Uns haben Genosse Lee und Soe, unsere Dolmetscherin, empfangen. In den nächsten Tagen sahen wir sie genauso oft wie die beiden Kims.

    Um ein Journalistenvisum zu erhalten, musste ich zwei Monate verhandeln. Da die Nordkoreaner Ausländern nicht besonders gern den Zugang zu Informationen ermöglichen, schicken viele Medien ihre Korrespondenten als Touristen getarnt in die DVRK. Ich hatte aber gehört, dass ihre quasi illegalen Berichte danach schlimme Folgen für ihre nordkoreanischen Betreuer hatten. Deshalb spielten wir lieber nach den Regeln.

    Während ich auf die Zustimmung aus Pjöngjang wartete, sammelte ich im Internet alle möglichen Informationen über Nordkorea – egal ob das touristische Reiseberichte oder offizielle Propaganda waren. Am Ende glaubte ich, auf meine Reise gut vorbereitet zu sein. Dennoch sollte ich mich noch ganz schön wundern.

    Die Straßen in Pjöngjang sind sehr sauber. Ich habe dort nie etwas wie Müll gesehen. Kinder spielen draußen, ohne von Eltern beaufsichtigt zu werden. Auf den Straßen gibt es kaum Autos, und wir sind nur ein Mal in einen richtigen Stau geraten – nach einem internationalen Fußballspiel. Frauen tragen ziemlich bunte Kleidung, Männer dagegen eher schwarze, graue oder dunkelgrüne Klamotten. Hochrangige Beamte sind in teuere Anzüge gekleidet.

    Auf den ersten Blick ist Pjöngjang eine schöne Stadt, wenn man die zahlreichen Plakate von Kim Il-sung und Kim Jong-il ignoriert. Ich muss aber zugeben, dass mir das nicht gelungen ist.


    Wir stiegen in einem großen Hotel, das aus zwei Hochhäusern besteht, im Zentrum Pjöngjangs ab. Die „Washington Times“ schrieb einmal, viele Besucher dieses Hotels wären Waffenhändler. Uns wurde aber während der ganzen Zeit nicht einmal eine Handgranate angeboten. Zum Glück mussten wir nicht in einem anderen Hotel wohnen, das auf einer Insel liegt – dann hätten wir nicht durch die Stadt bummeln können.

    Eigentlich hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass man mir erlauben würde, allein in die Stadt zu gehen, egal in welchem Hotel wir wohnten. Touristen dürfen ihre Hotels nicht ohne Begleiter verlassen. Sie werden üblicherweise mit dem Bus von einer Sehenswürdigkeit zur anderen kutschiert, um letztendlich wieder ins Hotel gebracht zu werden.

    Dennoch fragte ich, ob wir in Pjöngjang etwas Bewegungsfreiheit hätten. „Warum denn nicht?“, erwiderte Genosse Lee. Er freute sich offenbar, uns auf diese Weise überraschen zu können. „Aber gehen Sie nicht zu weit weg“, warnte er.

    Einer der wenigen Ausländer, die in Pjöngjang leben, erzählte mir später, dass ausländische Journalisten seit kurzer Zeit tatsächlich allein in die Stadt gehen dürfen, obwohl das immer noch etwas ungewöhnlich ist. Oder wurde mir Bewegungsfreiheit zugesichert, weil ich eine russische Nachrichtenagentur vertrete? Die Kontakte zwischen Moskau und Pjöngjang werden in letzter Zeit immerhin etwas intensiver. Gerade während unseres Aufenthalts in Nordkorea sollte eine Eisenbahnlinie nach Russland eingeweiht werden.

    Kurz und gut, meine Kollegin Maria und ich ließen unsere Sachen im Hotel und sind durch das abendliche Pjöngjang spazieren gegangen. Selbst im Stadtzentrum sind die Straßen nur schwach beleuchtet, und nur das Monument der Chuch’e-Ideologie ist aus großer Entfernung gut zu sehen. 

    Je weiter wir vom Hotel weggingen, desto schlechter wurde die Straßenbeleuchtung. Ich war immer noch sehr beeindruckt, dass ich ohne Begleitung durch Pjöngjang spazieren durfte. Die Koreaner auf unserem Weg wunderten sich offenbar auch darüber. Wir waren wohl die einzigen Europäer an diesem Abend, eigentlich die ganze Zeit. Einmal sind mehrere Kleinkinder vor uns weggelaufen – sie hatten einfach Angst vor uns.

    Wir erreichten einen Bahnhof – ein riesiges Gebäude im sowjetischen Stil, mit einem Riesenbild Kim Il-sungs „geschmückt“. „Na so was!“, rief ein offenbar angetrunkener Koreaner aus, als er uns sah.

    Wir bogen um die Ecke, und unser Hotel verschwand aus unseren Augen. Ich bekam auf einmal den Eindruck, als hätten wir die Rückseite des Mondes erreicht. Ich war neugierig, ob wir uns an dieser Stelle überhaupt aufhalten durften. Oder hatten wir etwa den Genossen Lee falsch verstanden?

    Da die DVRK ein äußerst verschlossenes Land ist, bedeutet, dass jede Kleinigkeit hier auf einmal sehr wichtig sein kann und  nachdenklich macht. Wir gingen in einen Lebensmittelladen und schauten uns dort das Angebot an Früchten an. Später erfuhr ich, dass ein Kilo Äpfel etwa den durchschnittlichen Monatslohn der Koreaner kostet. Reis ist nur etwas billiger. Dass man aber in Nordkorea mit dem Durchschnittslohn nicht überleben kann, ist allgemein bekannt. Deshalb haben die Behörden keine andere Wahl als auf illegale private Märkte ein Auge zuzudrücken.

    Dann besuchten wir ein Cafe mit der englischen Aufschrift „Cafe Pyulmori“. Das hat mich sehr gewundert, denn in Pjöngjang gibt es wohl nicht einmal 200 Westeuropäer, die hier ansässig sind.

    Ich dachte eigentlich, man würde uns nicht einmal in das Lokal hineinlassen – die Behörden dulden es nicht, wenn die Nordkoreaner mit Ausländern kommunizieren. Es würde sich wohl niemand finden, der so mutig wäre, mit uns zu sprechen. In Wirklichkeit wartete aber eine weitere Überraschung auf uns.

    Gleich am Eingang begrüßte uns eine nette Serviererin. Im Lokal wurden Musikstücke wie „Let It Be“ von den Beatles oder „My Way“ von Frank Sinatra gespielt. Im Fernsehen wurde gerade eine Nachrichtensendung übertragen: Es wurde gezeigt, wie der Staatschef Kim Jong-il einen Betrieb besuchte.

    Ich bestellte mir eine Pizza. In diesem Jahr hatte ich mir schon eine Pizza in einem Restaurant in der Putin-Allee in Grosny schmecken lassen. Das Cafe in Pjöngjang ist aber für mich zweifellos die Nummer eins unter allen surrealistischen gastronomischen Einrichtungen mit italienischer Küche, die ich je besucht habe.

    Die Pizza war mit viel Käse und hat sehr gut geschmeckt. Wir bezahlten in Dollar und verließen das Cafe. Draußen war es schon dunkel.

    Als wir übrigens später ein anderes Restaurant besuchen wollten, schrie uns plötzlich ein Mann an (ich habe keine Ahnung, wer das sein könnte) und versperrte uns den Weg. Wir mussten also auf den Restaurantbesuch verzichten. Später erfuhr ich, dass das „Cafe Pyulmori“ für ausländische Diplomaten und Touristen da ist. Wir waren dort allerdings die einzigen Ausländer. Wir besuchten es öfter, und immer spielte dort eine und dieselbe Rockmusik. Ehrlich gesagt, ging sie mir allmählich auf die Nerven: Ich hatte immerhin gehofft, dass ich mir wenigstens in Nordkorea nicht mehr die sinnlosen Songs von Lennon und McCartney anhören muss. Leider hatte ich keine Möglichkeit, die Scheibe „Pyongyang Hardcore Resistance“ aufzulegen.

    Wir aßen unsere Pizza auf und kehrten in unser Hotel zurück. Vor unserem Hotel wurde ein neues Restaurant gebaut, das 2012, zum 100-jährigen Jubiläum Kim Il-sungs eingeweiht werden soll. Es wird rund um die Uhr gebaut. In der Nacht wurde ich also wegen des Lärms auf der Baustelle wach. Es war drei Uhr nachts. Ich schaute zum Fenster hinaus: Mehrere Fenster eines Hochhauses, das in der Nähe stand, waren beleuchtet. Ich fragte mich, wer denn in Pjöngjang tief in der Nacht noch wach war und womit er sich beschäftigt.

    Ich denke nicht, dass ich irgendwann die Antworten auf diese Fragen bekomme, wie auch auf viele andere, die ich während meines Aufenthalts in Nordkorea hatte.

    Ich schreibe diesen Artikel einen Tag nach meiner Rückkehr nach Moskau. Ehrlich gesagt, habe ich noch lange nicht alles aufgearbeitet, was ich in Pjöngjang erlebt habe. Später schreibe ich wahrscheinlich noch etwas – diese Artikel werden dem Alltagsleben in Nordkorea, der Chuch’e-Ideologie, dem Personenkult um Kim Il-sung und den Feierlichkeiten anlässlich des Tages der Partei gewidmet sein. Außerdem zeige ich den RIA-Novosti-Lesern ein paar Fotos und Videos, die ich gedreht habe. Warten Sie also auf neue Geschichten über Nordkorea.

     

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

    Themen:
    Notizen aus Nordkorea (6)
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren