21:36 23 November 2017
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    Galina Wischnewskaja: Ein Leben wie ein Roman

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    Die russische Sopranistin Galina Wischnewskaja feiert heute ihren 85. Geburtstag. In ihr vereinigen sich gleich drei Personen. Sie ist eine glänzende Schauspielerin, eine Kämpferin wie die griechische Göttin Hera und die Ehefrau eines Genies - des Cellisten und Dirigenten Mstislaw Rostropowitsch.

    Ein Leben wie ein Abenteuerroman

    “Ich habe für Gott und nicht für das Publikum gesungen”, sagte Galina Wischnewskaja. Sie betonte mehrmals, dass sie nichts an ihrem Leben verändern würde, weil sie tatsächlich glücklich war.
    „Ich bin eine sehr glückliche Frau, Mutter und Gattin“, sagte die Wischnewskaja bei einer Pressekonferenz in RIA Novosti. „Im Bolschoi-Theater habe  ich die beste  Karriere gemacht, die man sich nur vorstellen kann. Die zwei wichtigsten Begegnungen  meines Lebens waren die mit Mstislaw Rostropowitsch und Dmitri Schostakowitsch.“
    Ihr Leben gleicht einem Abenteuerroman. Alles, was in ihrem Leben geschah, spiegelt sich in der Autobiografie „Galina. Geschichte eines Lebens“ wider, die im Westen 1982 veröffentlicht wurde und in Russland Anfang der 1990er Jahre erschien und jetzt neu aufgelegt  wurde.
    „Edward Kennedy, der Bruder des gestorbenen US-Präsidenten, sagte über mein Buch: ‘Ich habe es gelesen und verstanden, was Russland ist.’“ Ich habe das Buch „notgedrungen“ geschrieben, sagte Wischnewskaja.
    Die westlichen Journalisten fragten sie oft in Interviews, warum sie und ihr berühmter Ehemann, der  Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch, die Sowjetunion verlassen haben. Um endlosen Erklärungen aus dem Wege zu gehen, setzte sie sich an ihre Autobiografie.
    Verschiedene Rollen

    1952 sei die Wischnewskaja als “fertige Sängerin” und absoluter Profi ins Bolschoi Theater gekommen, sagte der Opernregisseur Boris Pokrowski. „Zur Kunst kam ich mit 17 Jahren (1944). Vor dem Bolschoi-Theater hatte ich im Theater der Operette gearbeitet“, erzählte die Sängerin. „Bei der Aufnahme ins Bolschoi war ich bereits eine leidenschaftliche Schauspielerin. Die heutigen Absolventen von Konservatorien können auf der Bühne keinen einzigen Schritt machen“, sagte Wischnewskaja.
    Im Wischnewskaja-Zentrum für Operngesang, das vor neun Jahren eröffnet wurde, teilt die hervorragende Schauspielerin, die auf allen Musikbühnen der Welt zu Hause war, ihre Erfahrung mit den jungen Sängern. „Ich bringe ihnen Singen und Arbeiten bei, damit sie in allen Bereichen gut und professionell sein werden.. Man darf auf niemanden oder etwas hoffen,“ sagte Wischnewskaja.
    Wischnewskaja sang im Bolschoi-Theater in den 1950er und 1960er Jahren. Einige Partien hat sie als Erste gesungen – beispielsweise Natascha Rostowa in der Oper „Krieg und Frieden“ von Sergej Prokofjew. Sie interpretierte als Erste die Vokalzyklen von Schostakowitsch. Niemand hat die Partie von Katerina Ismailowa aus der gleichnamigen Oper von Schostakowitsch so gut wie Wischnewskaja gesungen.
    Sie spielte ebenfalls in der Opernverfilmung von Regisseur Michail Schapiro im Jahre 1966 mit. Wischnewskaja habe in Katerina - Lady Macbeth von Mzensk -  das weibliche Geheimnis verkörpert, sagte Pokrowski. Einigen Experten zufolge passte diese Rolle zu Wischnewskaja besser als beispielsweise die Rolle der naiven und unbefangenen Tatiana Larina in „Eugen Onegin“.
    Nach mehreren Jahren Pause hat Wischnewskaja die Filmkarriere wiederaufgenommen. Im Film von Alexander Sokurow „Alexandra“ (2007) spielte sie eine alte Frau, die nach Tschetschenien reiste, um ihren dort stationierten Enkel zu besuchen. „Das war eine sehr interessante Erfahrung gewesen. Eine ‘erwachsene’ und ernsthafte Rolle“, sagte Wischnewskaja.
    Ihre Opernrollen wurden sehr präzise von Boris Pokrowski beschrieben. Sein Artikel wurde in die neue Ausgabe des Buches „Galina. Geschichte des Lebens“ aufgenommen.
    Laut Pokrowski hatte Wischnewskaja zwei Typen der Rollen: diejenigen, die sie schuf - die „Entdeckungsrollen“ (Kupawa in „Schneeflöckchen“ von Rimski-Korsakow, Katarina in „Der Widerspenstigen Zähmung“ von Schtschebalin, Polina in „Der Spieler“ von Prokowjew, Katerina Ismailowa) und diejenigen, in denen sie als Chamäleon auftritt (Violetta in „La Traviata“, Madam Butterfly, Aida).
    Die Rollen wie Kupawa, Katarina, Polina, Natascha Rostowa seien einmalig sowohl für Wischnewskaja als auch für uns, sagte Pokrowski. Katarina verkörperte die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, Polina den Stolz. Natascha Rostowa habe eine unerforschte Welt von Freude und Enttäuschung zum Ausdruck gebracht, betonte Pokrowski.
    Die berühmte russische Dichterin und Schriftstellerin Anna Achmatowa hat Wischnewskaja das Gedicht „Die weibliche Stimme“ gewidmet. Sie war begeistert von ihrer klaren und gewaltigen Stimme.

    Hera und Zeus in Exil

    Bis zum Ende der 1960er Jahre war Wischnewskaja eigenen Angaben zufolge „im schöpferischen Leben mit allem zufrieden“ gewesen. Ende der 1960er/Anfang der 1970 Jahre sind Wischnewskaja und Rostropowitsch in der Sowjetunion in Ungnade gefallen. Sie gewährten dem russischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn Unterkunft auf ihrer Datscha und schrieben einen offenen Brief an Breschnew zu seiner Verteidigung. Daraufhin  wurden Konzerte und Gastspielreisen abgesagt. 1974 erhielt das Ehepaar ein Ausreisevisa. Vier Jahre später wurden sie ausgebürgert.

    Wie Rostropowitsch später betonte, hat seine Frau ihm geholfen, die Hetzjagd, das darauf folgende  schöpferische Vakuum und die Auswanderung zu überleben. „Sie erinnerte an die griechische Göttin Hera – nach der Stärke ihres Charakters, der Fähigkeit, das Leben zu ordnen und nicht in Panik auszubrechen“, sagte ein Journalist.

    Das Leben im Ausland – in Frankreich, Großbritannien und in den USA (Rostropowitsch war Chefdirigent des  National Symphony Orchestra Washington) brachte der Familie wichtige Vorteile: Freiheit, Reichtum, neue Projekte. Doch Wischnewskaja bekam nicht mehr so viele Rollen..

    1990 haben Rostropowitsch und Wischnewskaja die russische Staatsbürgerschaft zurückbekommen. „Ich habe meine Wahl getroffen. Ich bin hier“, antwortete Wischnewskaja auf die Frage, wo es sich besser leben ließe - in Russland oder im Ausland. Das Zentrum für Operngesang hat viele Opern inszeniert, darunter die Aufführungen von „Eugen Onegin“, „Carmen“, „Rigoletto“, „Iolanta“, „Boris Godunow“. Die Sängerin will Gastspiele von „Boris Godunow“ im Ermitage-Theater in St. Petersburg organisieren.

    „Russland ist voll von Talenten. Es gibt aber auch viele Halbgebildete und wenig Profis. Und sehr viele Amateure“, sagte Wischnewskaja über das jetzige Theaterleben. „Ein begabter Künstler muss viel arbeiten. Auf der Bühne muss man sich ordentlich präsentieren.“

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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