02:55 22 November 2017
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    Nordkorea: Der Krieg ist stets um die Ecke

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    Notizen aus Nordkorea (6)
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    „Wenn uns die US-Imperialisten angreifen, tilgen wir sie von der Erde“, heißt es auf einem Plakat vor einem Wohnhaus in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang.

    „Wenn uns die US-Imperialisten angreifen, tilgen wir sie von der Erde“, heißt es auf einem Plakat vor einem Wohnhaus in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang.

    Ich versuche, mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, jeden Morgen solche Losungen lesen zu müssen.

    „Glauben Sie wirklich, dass die USA einmal angreifen werden?“ frage ich die Dolmetscherin Soe, die uns bei unserer einwöchigen Reise über den asiatischen Zweig der von George W. Bush konzipierten „Achse des Bösen“ begleitete. „Wer weiß?“ erwidert sie. „Falls sie das aber tun, werde ich an der Front kämpfen.“

    Ihr Wunsch, gegen die „Imperialisten“ an der Front zu kämpfen, erschien mir aufrichtig. Niemand stand in der Nähe, der uns hören, geschweige denn verstehen hätte können (wir haben Russisch gesprochen), und ihre Augen leuchteten vor Elan, wie man ihn nur schwer vortäuschen könnte. Wenn alle Nordkoreaner so sind wie Soe, wird sich Pjöngjang nicht so leicht ergeben wie Bagdad – vorausgesetzt natürlich, dass sich die USA entschließen sollten, diese Stadt zu erobern.

    In Nordkorea ist es schwer, selbst über alltägliche Dinge etwas zu erfahren, von der potentiellen Kampfbereitschaft der Bevölkerung ganz zu schweigen. Die natürliche Neigung dieses 24 Millionen Einwohner zählenden Landes zu Kulten bringt mich allerdings zu der Überzeugung, dass ein bedeutender Teil der Bürger bereit wäre, ihr Leben für ihren geliebten Führer Kim Jong Il und für die von seinem Vater Kim Il Sung (alias „die Ewige Sonne der Menschheit“) geschaffene Ideologie zu opfern. 

    Kurz nach dem Gespräch mit Soe begaben wir uns zur entmilitarisierten Zone, die seit dem Ende des Krieges 1953 den Norden und den Süden voneinander trennt.

    Nordkorea mag „das einzige sozialistische Land der Welt“ sein, wie das unser Reisebegleiter, Genosse Li, behauptet. Dies hindert das Land aber nicht daran, einen Souvenirladen auf seiner Seite der Zone aufzumachen, in dem Devisen angenommen werden: Ausländern ist es verboten, die nordkoreanische Währung zu nutzen.

    Ich habe einige Postkarten ausgewählt und dann noch die Möglichkeit wahrgenommen, einige nordkoreanische Offiziere zu knipsen, die sich vor einem Plakat „Einiges Korea!“ und vor einer Brücke mit einer Losung fotografieren ließen, die zu einem Zusammenschluss ohne ausländische Einmischung aufrief. 

    Die entmilitarisierte Zone ist zwar das Epizentrum der längsten und größten militärischen Konfrontation in der Welt, der Ort an sich wirkt aber recht friedlich. Etwa ein Dutzend Enten beobachteten uns neugierig, als wir aus dem Auto ausstiegen und uns zum Gebäude begaben, in dem das Waffenstillstandsabkommen signiert wurde (ein Friedensvertrag wurde nie geschlossen). Sollten die Koreaner einmal einen Zusammenschluss ausmachen, wäre es sinnvoll, die Einrichtung eines Sanatoriums an diesem Ort zu überlegen.

    Im Gebäude sind die Flaggen Nordkoreas und der Uno ausgestellt, zwischen denen das Abkommen unterzeichnet wurde. „Die USA haben die Uno-Flagge genutzt, um ihre Verluste zu kaschieren“, sagte uns einer der Soldaten. „Sie haben bis dahin niemals die Schande einer Niederlage erlebt, sie hatten geprahlt, sie würden den Krieg innerhalb von einigen Tagen gewinnen. Wir haben sie aber zerschlagen und werden das wieder tun, sollten sie sich zu einem neuen Überfall entschließen.“ Der Soldat grinste. Niemand wollte versuchen, seine Behauptung anzufechten, der Norden habe den Krieg „gewonnen“.

    Den Nordkoreanern wird beigebracht, der Krieg, der die Halbinsel verwüstet und drei Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, sei von den USA und von der „Marionettenregierung“ des Südens entfesselt worden. Die meisten Historiker der Welt sind aber der Auffassung, dass der Krieg vom Norden aufgenommen wurde, nachdem Stalin Kim Il Sung das OK zur Eroberung Südkoreas gegeben hatte. Nach den anfänglichen Erfolgen wurden die nordkoreanischen Truppen zurückgeworfen. Pjöngjang, eine Stadt mit einer 5000 Jahre langen Geschichte, wurde von den US-Bomben praktisch vollständig zerstört.

    Genosse Li machte keinen Hehl aus seiner Verachtung gegenüber den USA und erklärte, Barack Obama sei „nicht besser und nicht schlechter als George Bush“. „Er macht nichts für die Koreaner“, fügte er hinzu. Trotz der verächtlichen Einstellung zur Politik Washingtons habe Li nach eigenen Worten nichts gegen die einfachen Amerikaner. „Menschen sind überall nur Menschen“, sagte er.

    Nach der Rückkehr nach Pjöngjang besuchte ich die Buchhandlung in meinem Hotel. Unter den unzähligen politischen und kulturellen Aufsätzen der beiden Kims stieß ich auf ein koreanisches Kinderbuch auf Englisch. „Die Geschichte eines Igels“ erzählt von einem tapferen und schlauen kleinen Igel, der einen riesigen Tiger besiegt. Die Symbolik ist leicht zu erraten.

    Die Auswirkung der seit 50 Jahren andauernden Konfrontation mit Südkorea auf die nordkoreanische Gesellschaft ist kaum zu überschätzen. Seit den 50er Jahren hält das Regime seine Bürger mit seiner Politik sowie mit Plakaten und Fernsehshows in ständiger Kampfbereitschaft. Ein dauerhafter Frieden erscheint heute in Pjöngjang genauso weit entfernt wie der Westen.

     

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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