14:54 21 November 2017
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    Libyen nach Gaddafi: Fragen ohne Ende

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    Libyen: Rebellen erklären Gaddafi für tot (91)
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    Nach einem neuen Sieg des Guten über das Böse und einem neuen Triumph der Freiheit beendet die Nato in einer Woche ihren Libyen-Einsatz.

    Nach einem neuen Sieg des Guten über das Böse und einem neuen Triumph der Freiheit beendet die Nato in einer Woche ihren Libyen-Einsatz.

    US-Präsident Barack Obama sagte kürzlich, dass der Weg zur Demokratie für das libysche Volk endlich frei sei. Die halbnackte und verstümmelte Leiche Muammar Gaddafis, der statt einer Beerdigung für mehrere Tage in einem Supermarkt ausgestellt wurde, sollte offenbar den Triumph der Gerechtigkeit verkörpern. Die Allianz hatte ja nicht umsonst die Libyen-Kampagne begonnen – ihre Werte werden auf libyschem Boden geschätzt.

    Jetzt sollte sie aber ihre Operation baldmöglichst beenden, solange der glänzende Sieg nicht von dem überschattet wird von dem, was später passiert. Wie sich die Situation weiter entwickeln könnte, kann man sich leicht vorstellen, wenn man die bisherigen Erfahrungen aus den Feldzügen im Irak, in Afghanistan und Somalia bedenkt.

    Jetzt ist es also soweit. Mit dem Mord an Gaddafi ist der Faktor verschwunden, der die recht unterschiedliche libysche Opposition vereinigt hatte. Der Hass auf den Diktator und der Rachedurst hatten sie zusammen gehalten. Jetzt aber treten ganz andere Fragen in den Vordergrund, und zwar die Macht- und Geldverteilung.

    Libyen ist ein kompliziertes Land, wo die Verbindungen zwischen zahlreichen Stämmen eine wichtige Rolle spielen. Während seiner Herrschaft setzte Gaddafi natürlich vor allem auf die Gewalt, aber nicht nur darauf. Die Bestechung der Stammesführer wurde geschickt mit der Verteilung von Öleinnahmen unter der Bevölkerung kombiniert, so dass das Lebensniveau in Libyen immerhin höher als in den Nachbarländern war. Deshalb rufen die von westlichen Beratern empfohlenen liberalen Reformen bei der Bevölkerung nach vielen Jahren Paternalismus nichts als Empörung und Abneigung hervor.

    Ob die neuen Behörden ein System der Balance der Interessen entwickeln können, ist fraglich. Dass sie Gaddafi vernichtet und dessen Anhänger niedergeschlagen haben, bedeutet noch lange nicht, dass sie das Land unter Kontrolle haben. In Libyen könnte es jetzt zu einem Partisanenkrieg kommen, noch wahrscheinlicher ist aber etwas Anderes: Einzelne Gebiete, die sich Tripolis’ Willen nicht beugen, könnten de facto autonom werden oder Geld für ihre Loyalität verlangen. Vieles hängt auch davon ab, wie sich die neuen Machthaber zu den Anhängern des alten Regimes verhalten werden – ob es zu Racheaktionen und Säuberungen kommt. In diesem Sinne sind die Erfahrungen aus dem Irak kennzeichnend: Selbst die Amerikaner mussten später einräumen, dass die Auflösung der Baath-Partei und aller Strukturen aus den Hussein-Zeiten das Land für viele Jahre in ein Chaos gestürzt hatte.

    Aber selbst der Begriff „Neue Behörden“ hat vorerst keine konkrete Bedeutung. Obwohl der Nationalrat der Rebellen seit Sommer mit bestimmten Personen identifiziert wird (früher hatte es nicht einmal solche gegeben), sind die Beziehungen zwischen ihnen unklar. Die bekanntesten von ihnen sind die Verräter, die einst dem Gaddafi-Lager angehört hatten, deren politisches Image nicht gerade tadellos ist. Alle befürchten, dass radikale Islamisten an die Macht kommen. Das ist durchaus möglich, wenn man bedenkt, dass Gaddafi sie konsequent unterdrückte und dass sie jetzt finden, dass ihre Zeit gekommen ist. Das ist der allgemeine Trend in ganz Nordafrika – die säkularen Regimes sind gestürzt (Tunesien, Ägypten, Libyen) und haben Platz für die Islamisten gemacht.

    Eine andere wichtige Frage ist, welche Rolle der Westen in der Region spielen wird und wie die Libyer darauf reagieren. Die Öl- und Gaskonzerne aus mindestens drei Ländern (Italien, Frankreich, Großbritannien) beanspruchen Führungspositionen. Paris war nämlich der Stifter des Anti-Gaddafi-Einsatzes, Rom ist mit seiner einstigen Kolonie durch langjährige und enge Kontakte verbunden und London unterstützte den Feldzug mit seinen Streitkräften. Wie sie ihre Trophäen verteilen, müssen sie selbst entscheiden, denn der Libyen-Einsatz hatte wohl einen einzigen praktischen Zweck: die Energiesicherheit in Europa zu fördern und die eigenen Energiekonzerne möglichst zu unterstützen. Für andere Regionen der Welt hatte Libyen keine große Bedeutung.

    Die neuen Machthaber in Tripolis haben bereits verkündet, dass sie bei wirtschaftlichen Entscheidungen vor allem politische Ziele im Auge haben werden. Damit sollten Russland und China sowie Brasilien und Deutschland, die sich vom Anti-Gaddafi-Einsatz distanzierten, nicht mit Präferenzen rechnen. Russische Unternehmen könnten sich zwar an libyschen Projekten als Partner westlicher Konzerne beteiligen. Fraglich ist jedoch, ob für die westlichen Konzerne alles rund läuft. Sollten in Libyen Probleme beim Staatsaufbau entstehen, werden sie sofort die Wirtschaftssituation destabilisieren. Dabei wird es in Nordafrika im Unterschied zum Irak keine Okkupationskräfte geben, die die Lage mehr oder weniger ausglichen. Es gibt bereits manche indirekte Hinweise darauf, dass die Leiter des Rebellenrats am Ende viel sturer sind als die Europäer und Amerikaner annehmen.

    Mit dem Tod Muammar Gaddafis hat eine ganze Epoche ein Ende gefunden. Das könnte aber nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer großen libyschen Krise sein.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs.

     

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