19:28 22 November 2017
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    Kim-Kult in Nordkorea: Es gibt kein Entrinnen

    © RIA Novosti. Marc Bennetts © Sputnik/ Marc Bennetts
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    Notizen aus Nordkorea (6)
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    Nordkoreas „ewiger Präsident“ Kim Il-sung hatte in seinem Leben so viele Geschenke bekommen, dass man anderthalb Jahre brauchen würde, um sie alle zu sehen.

    Nordkoreas „ewiger Präsident“ Kim Il-sung hatte in seinem Leben so viele Geschenke bekommen, dass man anderthalb Jahre brauchen würde, um sie alle zu sehen.

    Im Pjöngjanger Museum für Völkerfreundschaft, das sich in zwei prachtvollen Gebäuden nahe den Myohyang-Bergen befindet, sind viele der Geschenke, die Kim Il-sung und sein Sohn und Nachfolger Kim Jong-il bekommen haben, zu sehen.

    Am besten gefiel mir ein ausgestopftes Krokodil mit einem Getränketablett, das Kim Il-sung von den Sandinisten in den 1980er Jahren in Nicaragua geschenkt bekommen hatte. „Das Krokodil ist ein Tier, das sich dem Menschen niemals beugen wird“, teilte uns die Museumsführerin mit. „Doch das Krokodil dient Kim Il-sung.“

    Die meisten Geschenke kommen aus den früheren kommunistischen oder autoritären Staaten. Dazu gehören ein Bahnwaggon als Geschenk von Stalin - „einem großen Freund des koreanischen Volkes“ - und Mao. Zu sehen sind auch wertvolle Schachbrette und andere Dekorationssachen von Muammar al-Gaddafi. Der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu war besonders großzügig und schenkte Kim Il-sung einen ausgestopften Bärenkopf.

    Die Geschenke der westlichen Politiker und Diplomaten sind nicht so extravagant. Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright hatte bei ihrem Besuch 2000 einen Basketball mit der Unterschrift von Michael Jordan. Der frühere US-Präsident Jimmy Carter brachte einen Aschenbecher mit. In Korea gibt es offenbar viele Kettenraucher.

    In der Ausstellung sind auch Geschenke zu sehen, die Kim Il-sung zwei Jahre nach seinem Tod gemacht wurden. Eine japanische Delegation schenkte dem Verstorbenen, der in Nordkorea „ewige Sonne der Menschheit“ genannt wird, eine Kamera der Marke Minolta. Sie sah nicht so aus, als wäre sie häufig benutzt worden. Unter den Geschenken gibt es auch einen Thron aus Nicaragua und Fernseher von südkoreanischen Kommunisten.

    Die meisten nordkoreanischen Arbeiter und Studenten, die diese Schatzkammer zu Gesicht bekamen, ist die diplomatische Gepflogenheit, sich gegenseitig Geschenke zu machen, wohl gänzlich unbekannt. Ihnen soll mit der Ausstellung suggeriert werden, dass ihre Anführer weltweit geschätzt und respektiert werden.

    Wir haben auch das Zimmer mit der Wachsfigur des „ewigen Präsidenten“ besichtigt, die die Kommunisten in China zwei Jahre nach seinem Tod geschenkt hatten. Mir wurde gesagt, ich müsse den Reißverschluss auf meiner Jacke zumachen.

    „Die Ausländer, die in diesem Zimmer gewesen waren, sagen: ‘Jetzt verstehen wir, was das Treffen mit Kim Il-sung, der ewigen Sonne der Menschheit, bedeutet’“. "Alles?", fragte ich. "Ja, alles", antwortete der Reiseleiter. Jetzt wusste ich zumindest, was von mir erwartet wird!
    Die Wachsfigur von Kim Il-sung lächelte mir aus einer fernen Ecke zu. Aus den Lautsprechern kommt Vogelgezwitscher. Wir näherten uns ihr und standen in respektvollem Abstand vor der Wachsfigur. Die Koreaner verbeugten sich. Ich machte das nicht und wurde von bösen Blicken getroffen. Gesagt wurde jedoch nichts.

    Obwohl Nordkorea ein atheistischer Staat ist, hat der Kim-Kult die Religion ersetzt. „Der bekannte US-Prediger Billy Graham hat uns in den 1990er Jahren besucht“, sagte unsere Führerin. „Er sagte: ‘Ich verehre niemanden außer Gott. Doch ich werde mich vor dem großen Führer Kim Il-sung verbeugen“. Ich habe später recherchiert, dass Graham zwar Respekt gegenüber Kim äußerte, es stand jedoch nichts über eine Verbeugung.

    Auf den Tod von Kim Il-sung 1994 folgten eine lange Trauer und Mitteilungen, dass mehrere Menschen wegen Depressionen ums Leben gekommen seien.
    Drei Jahre später wurde in Nordkorea der neue Kalender eingeführt, der mit der Geburt von Kim Il-sung beginnt. Für das kommende Jahr sind die feierlichen Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Kim Il-Sung geplant.

    Das Jahr 1998 symbolisiert die Vergöttlichung von Kim Il-sung. In Nordkorea wurde eine neue Verfassung verabschiedet, in der er für unsterblich erklärt wurde. Während meiner einwöchigen Reise in Nordkorea habe ich nur Statuen gesehen, die Kim Il-sung und Kim Jong-il gewidmet sind.

    Jeder Nordkoreaner, der älter als 14 Jahre ist, trägt einen „Loyalitätsabzeichen“. „Das ist kein Muss“, sagte unsere Führerin. „Aber wir alle wollen es tragen.“

    Die Größe der Kims wird ständig und überall hervorgehoben - auf Konzerten, Vorstellungen und sogar auf dem aus Peking kommenden Maschinen der Fluggesellschaft Air Koryo. Die Arirang Mass Games, eine faszinierende Show aus Musik-, Tanz- und Zirkusnummern, wurde von Kim Jong-il ins Leben gerufen.

    Auf den Konzerten für die Kinder der Elite Pjöngjangs wurden die Lieder „Kim Il-sung tanzte mit uns“ und „Kim il-sung hat unser Land geschaffen“ vorgetragen. Die Befreiung des Landes von den japanischen Eroberern 1945 wird ebenfalls Kim Il-sung zugeschrieben. Dabei wird nicht erwähnt,  dass die sowjetische Armee eine entscheidende Rolle gespielt hat.

    „Jeder Erfolg, jede Errungenschaft, jede wissenschaftliche Entdeckung, alle Kenntnisse, Freuden und Tugenden werden direkt mit seiner führenden inspirierenden Kraft verbunden“, schrieb George Orwell über den Großen Bruder in seinem Roman über Totalitarismus. Dies kann wohl jedem der beiden Kims gesagt werden.

    Um eine Verbeugung kam ich im Kim Il Sung-Mausoleum nicht herum. Um an den einbalsamierten Körper des nordkoreanischen Gottesmenschen zu gelangen, muss man einen langen Weg von einer Rolltreppe zur anderen zurücklegen und an einer Windmaschine vorbeilaufen, die den Staub wegweht. Hier muss sich jeder verbeugen.

    Viele westliche Touristen, die ich während meiner Reise gesehen habe, verbeugten sich vor den Statuen und Bildern von Kim Il-sung, selbst wenn sie nicht darum gebeten wurden. Der Druck war so stark, dass auch Deutsche, US-Amerikaner und andere Vertreter des dekadenten Westens sich bereits einige Tage nach ihrer Ankunft beugten. Die fanatische Liebe der meisten Nordkoreaner zu den Kims ist deswegen nicht verwunderlich.

    Wir interviewten auch einen Experten der nordkoreanischen „Chuch’e“-Ideologie. Diese Ideologie wurde von Kim Il-sung in den 1950er Jahren entwickelt und fand 1982 ihren Niederschlag in dem Buch „Über die Chuch’e -Idee“.

    Das Prinzip der „Chuch’e“-Ideologie besteht darin, dass der Mensch Herr über alles ist und alles entscheidet. Außerdem spielt Selbstgenügsamkeit und Autarkie eine wichtige Rolle.

    Ich habe einige Abschnitte aus den Werken von Kim Il-sung über die „Chuch’e“-Ideologie gelesen, konnte aber deren tieferen Sinn nicht verstehen. Auf mehreren Seiten wird mit verschiedenen Worten der Gedanke wiederholt, dass der Mensch alles entscheidet. Ich versuchte, den tieferen Sinn dieses absolut richtigen Gedankens zu begreifen, konnte es aber nicht.

    Experten, die unter den Porträts der beiden Kims saßen, erzählten lange und weitschweifig Geschichten, die anscheinend aus denselben Werken der „ewigen Sonne“ entnommen wurden. Der Mensch sei ein begabtes und vernünftiges Wesen, das ein besseres Leben für sich schaffen könne. Doch ich verstand das immer noch nicht. Das wissen bereits alle, oder? Wieso wissen alle in Großbritannien, in den USA und in Südkorea, dass der Mensch ein höher entwickeltes Lebewesen als das Tier ist. Warum Kim ?

    Die Nordkoreaner verstanden schnell, dass es keinen Sinn hat, mit mir weiter darüber zu reden. Doch sie waren freundlich und wollten den tieferen Sinn dieser Ideologie erklären.

    Ich kehrte ins Hotel zurück und schaltete den Fernseher an, um die Nachrichten zu sehen. Kim Il-sung besuchte eine Fabrik und gab Anweisungen. Ich bin mir nicht sicher, es scheint mir aber, dass er in den vergangenen drei Tagen dreimal dieselbe Fabrik besucht hat.

    Am letzten Tag meiner Reise war ich froh, dass Land endlich zu verlassen. Ich hatte genug von den Kims. Ich weiß, dass sich die koreanische Kultur stark von meiner Kultur unterscheidet. Auch für die Südkoreaner sind Kulte nichts Ungewöhnliches (siehe Unternehmenskultur). Was ist aber merkwürdiger: Kim Il-sung zu Füßen zu liegen oder sein Leben dem Konzern Samsung zu widmen?

    Zum Ende meiner Nordkorea-Reise hätte ich den Nordkoreanern am liebsten gesagt:  „Okay, Kim Il-sung war der größte aller auf der Erde lebenden Menschen, ein perfekter und in allen Bereichen begabter Mensch. Sein Sohn Kim Jong-il ist auch ein wunderbarer Mensch – fast ein Genie. Ich habe aber eine Bitte: Könnt ihr zumindest einige Minuten nicht über sie sprechen.“

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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