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    70 Jahre Schlacht um Moskau: General Schukow als „Krisenmanager"

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    70 Jahre sind mittlerweile seit der Schlacht um Moskau vergangen, die von Oktober 1941 bis April 1942 dauerte. Was wäre aus der Sowjetunion geworden, wenn die deutsche Wehrmacht im Herbst 1941 Moskau erobert hätte?

    70 Jahre sind mittlerweile seit der Schlacht um Moskau vergangen, die von Oktober 1941 bis April 1942 dauerte. Was wäre aus der Sowjetunion geworden, wenn die deutsche Wehrmacht im Herbst 1941 Moskau erobert hätte? Ist General Andrej Wlassow der wahre Retter Moskaus? Führte Josef Stalin separate Friedensverhandlungen mit Hitler? Im Interview mit RIA Novosti  gibt Historiker Alexej Issajew Antworten auf diese umstrittenen Fragen.

    RIA Novosti:
    Herr Issajew, gab es an der Schlacht um Moskau etwas, das sie von anderen Kämpfen während des Zweiten Weltkriegs unterschied?

    Alexej Issajew:
    Die Wehrmacht setzte enorm viele Panzer ein. Im Mai 1940 hatte sie das Schicksal Frankreichs mit nur einem Panzerverband von General von Kleist entschieden. Im Sommer 1941 brauchten die Deutschen aber zwei Panzerverbände, um die Westfront in der Sowjetunion mit General Dmitri Pawlow an der Spitze zu bezwingen. Nie zuvor und auch nie später kamen so viele deutsche Panzer (je 150 000 bis 200 000 Soldaten in jeder Gruppe) auf einmal zum Einsatz.
        
    RIA Novosti: Zu Beginn des Unternehmens „Taifun“ bei Wjasma (Gebiet Smolensk) und Brjansk gerieten mehr als 688 000 sowjetische Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die sowjetische Westfront brach im Grunde zusammen. Hatte die Wehrmacht die Chance, Moskau bereits im Oktober zu erobern?

    Alexej Issajew:
    Nein. Denn das Kommando der Roten Armee beorderte sofort weitere Kräfte aus anderen Gebieten, darunter aus Leningrad, von der Südwestfront, aus Zentralasien und dem Fernen Osten. Auch mehrere Panzerbrigaden kamen als Reserve des Obersten Befehlshabers zum Einsatz. Die Behauptung ist falsch, dass die Wehrmacht nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Westfront freie Bahn nach Moskau hatte.

    RIA Novosti: Der sowjetische Marschall Georgi Schukow schrieb jedoch in seinen Memoiren: „Am Abend des 7. Oktobers waren alle Wege nach Moskau nahezu frei.“

    RIA Novosti: Das sagte er nur, um die Dramatik der entstandenen Situation zu unterstreichen. Wenn die umzingelten Teile der Roten Armee sich nicht der Wehrmacht in den Weg gestellt hätten, dann wären die Deutschen bis nach Moskau durchmarschiert. Aber auch am 7. Oktober gab es noch vereinzelt sowjetische Kräfte auf ihrem Weg, wie beispielsweise die Abteilung des Hauptmanns Iwan Startschak, der zu Kriegsbeginn die Fallschirmeinheiten des Westlichen Sonderbezirks kommandiert hatte. Auch Kursanten mehrerer Offiziersschulen wurden nach Moskau verlegt. Deshalb gab es an der so genannten „Moschaisk-Linie“ in Wirklichkeit ziemlich große Infanterie- und auch Panzerkräfte.

    RIA Novosti:
    Warum konnten Truppen der Wehrmacht im Norden Moskau bedrohlich nahe kommen? Hatte General Guderian im Süden Probleme in Tula?

    Alexej Issajew:
    Im Unterschied zur südlichen Richtung hatten die Deutschen gleich zwei Panzergruppen (im Januar 1942 wurden sie in Panzerarmeen verwandelt) – die 3. Gruppe von General Reinhardt und die 4. Gruppe von General Hoepner. Deshalb waren die Angriffe im Norden bzw. Nordwesten viel stärker. Moskau haben zwei Faktoren gerettet: die große Verteidigungskraft der 16. Armee von General Rokossowski sowie der Umstand, dass es in der Gegend kaum Straßen, dafür aber viele Moore gab. Deshalb konnten die Deutschen nicht direkt nach Moskau gelangen, sondern mussten Umwege suchen.

    RIA Novosti:
    Ihre Strategie lief darauf hinaus, langwierige Straßenkämpfe zu vermeiden und die sowjetische Hauptstadt zu umzingeln.

    Alexej Issajew:
    Das stimmt. Aber dank dieser Strategie gerieten die Deutschen in eine Gegend, die für Panzer ungeeignet war, aber den kleinen sowjetischen Einheiten die Möglichkeit gab, sie aufzuhalten.

    RIA Novosti:
    Finden Sie nicht, dass die zweite Phase der Schlacht um Moskau in vielerlei Hinsicht die Erfolge der ersten Phase zunichte gemacht hat? Stalin überschätzte die Stärke der Roten Armee und entschied sich für einen strategischen Angriff an nahezu allen Fronten. Diese Offensive endete als Blutbad.

    Alexej Issajew:
    Das Ziel der Gegenoffensive war, die Front von Moskau so weit wie möglich zu verschieben. Dieses Ziel wurde erreicht – die Deutschen wurden um mehrere Hunderte Kilometer zurückgedrängt. Die Gegenoffensive hatte aber noch einen Aspekt, der häufig außer Acht gelassen wird: Nach einem Beschuss kann der Panzer schnell repariert werden. Aber wenn eine Armee zurückweicht, dann fallen die beschädigten Panzer in die Hände des Feindes.

    Das passierte den sowjetischen Panzerkräften im Sommer 1941 und den deutschen Panzerdivisionen im Sommer 1943 bei Kursk. Alles, was auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben war, gehörte dem Sieger. Während der Gegenoffensive bei Moskau sammelte die Rote Armee zahlreiche Trophäen aus Panzern, Schützenpanzerwagen und Lastwagen des Feindes auf. Nicht alle Maschinen waren wegen des Beschusses beschädigt– einige hatten nur Motorschaden, ließen sich aber relativ leicht reparieren.

    RIA Novosti:
    Was wissen Sie von den drei Aussöhnungsversuchen, die Stalin angeblich 1941 und 1942 unternahm?

    Alexej Issajew:
    Davon schrieb der Schriftsteller Wladimir Karpow in mehreren Büchern. Aber in den Archivdokumenten, die in den späten 1990er Jahren veröffentlicht wurden, gibt es keine Beweise dafür. Besonders irritierend sind Behauptungen, dass solche Verhandlungen Anfang 1942 geführt worden seien. Ausgerechnet in dieser Zeit konnte die Rote Armee den Feind von Moskau zurückdrängen. Stalin als Oberster Befehlshaber zeigte sich sehr optimistisch und verlangte, binnen eines Jahres die deutschen Kräfte aus der Sowjetunion zu vertreiben.
        
    RIA Novosti: Der Schriftsteller Georgi Wladimow schrieb in seinem Buch „Der General und seine Armee“, General Andrej Wlassow  hätte Moskau vor den Deutschen gerettet. Es gibt Behauptungen, das Buch „Stalins Feldherr“ wäre im Auftrag der Politverwaltung der Roten Armee geschrieben worden. Andererseits stellen einige Historiker die Tatsache infrage, dass Wlassow die 20. Armee kommandierte. Ihnen zufolge war er krank. In Wahrheit befehligte Stabschef Leonid Sandalow die Armee. Welche Rolle spielte Wlassow bei der Schlacht um Moskau?

    Alexej Issajew:
    Wlassow stand an der Spitze der 20. Armee, die der Reserve angehörte und deshalb nicht die erste Geige bei der sowjetischen Gegenoffensive spielte. Die Führungsrolle spielte dabei die 1. Armee von General Wassili Kusnezow, die nördlich von Moskau stationiert war. Südlich der Hauptstadt, bei Tula, war die 10. Armee von General Filipp Golikow die wichtigste Schlagkraft. Deshalb ist es nicht ganz korrekt, von Wlassow als Retter Moskaus zu sprechen. Er war nur einer von vielen Kommandeuren. Moskau hatte die 16. Armee von General Rokossowski gerettet, die die deutsche Offensive stoppte. Auch General Georgi Schukow kann man als Moskaus Retter bezeichnen. Er war zwar manchmal grausam, aber damals brauchte die Sowjetunion einen „Krisenmanager“, wie man das heute nennt.

    Was das Kommando der 20. Armee angeht, so habe ich Dokumente im Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums gesichtet. Die Dokumente hatte Wlassow zwischen Ende November und Ende Dezember 1941 signiert.   Ich habe sogar seine Unterschrift als Kommandeur des 4. Mechanisierten Korps und als Befehlshaber der 20. Armee verglichen – sie sind identisch.

    Aber die Tochter von General Sandalow war böse auf mich und sagte, ihr Vater hätte nicht gelogen. Er soll ihr erzählt haben, dass Wlassow von Ende November bis Anfang Dezember 1941 krank war und sich von der Front fernhielt und nur die von Sandalow erteilten Befehle absegnete. Ob das wahr ist, kann heute niemand überprüfen. Aber seine Unterschrift ist vorhanden. Ich kann nicht behaupten, dass diese Befehle falsch gewesen waren.

    RIA Novosti: Welche Rolle hatte Schukow beim traurigen Schicksal der 33. Armee und ihres Befehlshabers, General Michail Jefremow gespielt, der während der Operation bei Rschew  (Gebiet Moskau) und Wjasma (Gebiet Smolensk) von der Wehrmacht umzingelt wurde und Selbstmord begangen hat?

    Alexej Issajew: Meines Erachtens machte Schukow einen großen Fehler, als er im Januar 1942 Jefremow mit der sehr schwierigen Operation zur Eroberung Wjasmas beauftragte. Ich denke, er hätte General Matwej Sacharow diesen Auftrag geben sollen, der willensstärker als Jefremow war. Schukow schrieb an Jefremow: „Sie haben die Chance, sich auszuzeichnen“, die er allerdings nicht nutzte.

    Statt schnell nach Wjasma vorzurücken, weitete Jefremow die 33. Armee an der gesamten Offensivlinie aus. Wenn er damals Wjasma erobert hätte, dann hätte er der deutschen Heeresgruppe Mitte eine verheerende Niederlage beigebracht. Aber auf der anderen Seite der Front hatte er es mit erfahrenen Feldherren zu tun. Letztendlich stieß Jefremow bei Wjasma auf zwei deutsche Panzerdivisionen, die nördlich und südlich von der Stadt stationiert waren. Übrigens, wenn die Wehrmacht im November 1942 bei Stalingrad zwei Panzerdivisionen gehabt hätte, die nördlich und südlich der Stadt Kalatsch geblieben wären, dann wäre die Operation „Uranus“ der Roten Armee zur Umzingelung der Truppen von Friedrich Paulus gescheitert.

    RIA Novosti:
    Am 6. September 1941 beauftragte Hitler den Befehlshaber der Heeresgruppe Nord, Feldmarschall von Leeb, alle Panzer und andere Kräfte der Heeresgruppe Mitte zu überlassen, damit diese baldmöglichst eine Offensive auf Moskau beginnen konnte. Wurde dadurch Leningrad gerettet, weil die Wehrmacht die größten Kräfte nach Moskau beorderte?

    Alexej Issajew:
    Nein. Mit dem Unternehmen „Taifun“ ist das nur indirekt verbunden, obwohl die Panzergruppe von General Hoepner der Offensive auf Moskau mehr Elan verlieh. Aber Leningrads Schicksal war bereits im Juli bzw. August 1941 an der Verteidigungslinie bei Luga (Gebiet Leningrad) entschieden. Man kann sagen, dass die Einwohner der Stadt sich damals selbst gerettet haben. Im Gegenteil: Die Leningrader Reserven erwiesen sich als nützlich, um Moskau zu helfen. Aber diese Kräfte hätten möglicherweise bereits 1941 einen Korridor zur blockierten Newa-Stadt bilden können.

    RIA Novosti: Wie lässt sich das Verhältnis der Verluste in der Schlacht um Moskau erklären? Die Rote Armee verlor dabei 1,8 Millionen Soldaten, während es bei der die Wehrmacht weniger als 582 000 waren.

    Alexej Issajew:
    Einer der Gründe ist die Tatsache, dass sowjetische Industriebetriebe unmittelbar nach dem Kriegsausbruch evakuiert wurden. Die Artillerie hatte im Winter 1941/1942 keine Waffen und Munition. Die Deutschen erwiderten jeden Kanonenschuss mit mehreren Schüssen aus Schwergeschützen. Außerdem hatte die Rote Armee nur wenige Panzer. Ende Januar 1942 standen ihr überwiegend leichte Panzer T-60 zur Verfügung. Mittelschwere und schwere Maschinen hatte sie verloren und nicht ersetzen können. Darüber hinaus hatte die Rote Armee keine selbstständigen mechanisierten Abteilungen wie Panzerdivisionen, Panzerkorps oder Panzerarmeen. Bei Moskau hielten die russischen Kräfte nur mit Panzern durch, die eigentlich für die Unterstützung der Infanterie bestimmt waren. Das ist, als würde man mit einem Dolch gegen einen mit Schwert bewaffneten Feind kämpfen.

    Man muss verstehen, dass die Schlacht um Moskau eine riesige Operation an einer sehr langen Frontlinie war, zumal die Wehrmacht äußerst stark war. Die Heeresgruppe Mitte von 1941 bzw. 1942 lässt sich keineswegs mit sich selbst im Sommer 1944 vergleichen, als sie während der sowjetischen Operation „Bagration“ so gut wie auseinander fiel.

    RIA Novosti: Während des Vaterländischen Kriegs im Jahr 1812 überließ der russische Feldherr Michail Kutusow Moskau den Franzosen. Für die Kampffähigkeit der russischen Kräfte spielte das aber keine Rolle. Im Gegenteil: Die Situation wendete sich dadurch gegen die Truppen Napoleons. Was wäre passiert, wenn die Wehrmacht Moskau 1941 erobert hätten?

    Alexej Issajew:
    Im Unterschied zu 1812 war Moskau 1941 ein äußerst wichtiger Verkehrsknotenpunkt mit vielen Eisenbahn- und Straßenverbindungen. Deshalb hätte die Eroberung der Hauptstadt einen Zusammenbruch des Verkehrssystems und den Verlust Leningrads bedeutet, weil die Kommunikationsverbindungen dadurch verloren gegangen wären. Deshalb war es dringend erforderlich, Moskau zu verteidigen.

    RIA Novosti:
    Herr Issajew, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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