03:48 21 November 2017
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    Islam nicht gleich Fundamentalismus

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    In Tunesien haben die islamischen Fundamentalisten die Wahlen gewonnen. Die Ennahda-Partei bekam fast 40 Prozent der Stimmen. Im benachbarten Libyen will der Übergangsrat das Scharia-Recht einführen. Auch Jemen könnte diesen Weg gehen.

    In Tunesien haben die islamischen Fundamentalisten die Wahlen gewonnen. Die Ennahda-Partei bekam fast 40 Prozent der Stimmen. Im benachbarten Libyen will der Übergangsrat das Scharia-Recht einführen. Auch Jemen könnte diesen Weg gehen.

    Diese Situation wird sicherlich auch Folgen für Russland haben. Die Revolutionen im Nahen Osten erinnern zunehmend an die iranische Revolution 1978/1979, als islamische Fundamentalisten in Teheran an die Macht kamen. Beim sowjetischen KGB Komitee war man damals sehr beunruhigt. Obwohl die Sowjetunion mit ihren geschlossenen Grenzen wie eine unerschütterliche Festung wirkte, hat die Geschichte bewiesen, dass die Befürchtungen nicht unbegründet gewesen waren.

    Neues Mittelalter?

    Dabei geht es vor allem um die Ideologie. Zwar kam der Iran nicht als attraktive Alternative für die Mittellosen in den sowjetischen oder postsowjetischen Republiken infrage. Viel attraktiver war jedoch die Idee des reinen Islams, der Rückkehr zu den Idealen der ersten muslimischen Gemeinde des Propheten Mohammed, die die breite Masse sowohl im Kaukasus als auch in Zentralasien angesprochen hat.

    Der tunesische Islamistenführer Rachid Ghannouchi hat seinen Mitbürger ein Leben nicht wie im asketischen Iran, sondern wie in der säkularen und prosperierenden Türkei versprochen. Er will die Demokratie und Innovationswirtschaft mit islamischen Verhaltensregeln verknüpfen. Nachdem Ghannouchi die Wahl gewonnen Der Wahlsieg Ghannouchis könnte die Kritiker, die den Islam für mittelalterlich halten, zu der Überzeugung bringen, dass ihre ideologischen Gegner doch nicht so zurückgeblieben sind. Ist der Fundamentalismus vielleicht ein Produkt der modernen Gesellschaft?

    Born in USA, grown up in the East

    Der Begriff Fundamentalismus entstand nicht im islamischen Osten, sondern an der Princeton University gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Als Fundamentalisten wurden protestantische Theologen bezeichnet, die eine der Bibel forderten . Später bekam die Bewegung großen Zulauf. Christliche Fundamentalisten bestanden auf der Unfehlbarkeit der Bibel, der göttlichen Herkunft und Wiedergeburt von Jesus. Sie forderten eine direkte Umsetzung der Vorschriften des Neuen und stellenweise des Alten Testaments.

    Der christliche Fundamentalismus ist vor allem in den USA verbreitet und findet in den letzten Jahren in Russland und vielen europäischen Ländern immer mehr Anhänger.

    Der islamische Fundamentalismus erlebt derzeit einen starken Zulauf. Das ist nicht verwunderlich. In einer Zeit, in der Familienwerte an Bedeutung verlieren, ist das Streben nach unerschütterlichen Werten verständlich.

    Gebrauchsanweisungen

    Der Nachteil des Fundamentalismus besteht wohl in seiner Unfähigkeit, in den Heiligen Texten nicht Vorschriften, sondern Metapher zu sehen. Die Versuche, die religiösen Anforderungen, die im 7. Jahrhundert einen tiefen Sinn hatten, an die heutige Realität anzupassen, können einen komischen und im schlimmsten Fall einen tragischen Effekt haben.

    Nehmen wir zum Beispiel die eheliche Untreue und Zerfall der Familie als größte Probleme in der modernen Welt. Wie sollen sie bekämpft werden? In den islamischen Büchern sind sehr viele Anweisungen zu finden, die Hochzeiten und Scheidungen auf Grund der Menstrualzyklen regeln. Auch die Polygamie, die einst von Propheten Mohammed nach der Schlacht von Uhud eingeführt wurde, um die Witwen und Waisen zu retten, wird im heutigen Libyen als Symbol für die Befreiung von Gaddafi und Rückkehr zum reinen Islam angesehen. Die Islamisten ignorieren häufig das humane und poetische Wesen des Korans.

    Große Antwort auf eine große Herausforderung

    Beim Nahostkonflikt zwischen den Arabern und den Juden erinnert kaum jemand daran, dass die Bibel im Koran mehrmals auftaucht. Über die Übereinstimmung der Namen (Sulejman – Solomon, Daud – Dawid, Musa – Moissej, Ibragim - Awraam) wird ebenfalls nicht gesprochen. Was die Polygamie betrifft, waren auch die Juden früher verpflichtet gewesen, die Witwe des verstorbenen Bruders zu heiraten, wie es im Alten Testament steht. Heute wird dieser Brauch durch geistige und materielle Unterstützung ersetzt.

    Die tiefe Verwandtschaft zwischen Judaismus, Christentum und Islam könnte die Grundlage für die Welt des 21. Jahrhunderts bilden. Doch die jetzige Konsumgesellschaft bevorzugt „Gebrauchsanweisungen“, die nicht vereinen, sondern entfremden.

    Auf eine große Herausforderung (Fundamentalismus) muss eine ebenso große Antwort folgen. Die ist aber weder in Russland noch im Westen zu finden. Es gibt nur aggressive Aufrufe, alles so zu belassen, wie es ist, und den Glauben nicht mit dem Leben zu vermischen.

    In der Sowjetunion hatten diese Antworten keinen Nutzen gebracht. Nach der iranischen Revolution 1979 versucht der KGB zwar, die Verbreitung des Fundamentalismus zu stoppen, scheiterte jedoch daran. Schuld daran waren nur der Mangel an Informationen und der Zerfall der Wirtschaft. Es wurde keine geistliche Alternative vorgeschlagen. Die Neigung zu Führung und Gehorsam gegenüber Vorschriften können  nicht als eine Alternative bezeichnet werden. Das Wort „Islam“ bedeutet zwar Gehorsam, jedoch nicht Gehorsam in dieser Art. Wie das orthodoxe Christentum appelliert der Islam zu einer anderen Liebe – der Nächstenliebe.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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