02:02 21 November 2017
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    EU-Krisengipfel: Griechenland gerettet, aber nicht geheilt

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    Wirtschaftskrise in Griechenland (264)
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    Die EU hat endlich ein Rezept gegen die Schuldenkrise in Griechenland und der gesamten Eurozone gefunden.

    Die EU hat endlich ein Rezept gegen die Schuldenkrise in Griechenland und der gesamten Eurozone gefunden.

    Beim EU-Gipfel am 26. Oktober wurde beschlossen, den Griechen die Hälfte ihrer Schulden zu erlassen, den Europäischen Rettungsschirm (EFSF) ums 2,5-fache zu erhöhen und Griechenland zusätzliche Mittel für eine Umschuldung zu gewähren.

    Damit wurde die Euro-Krise abgewendet, doch Experten stellen fest, dass in Brüssel zwar viel versprochen, aber Taten noch folgen müssen.

    Verbale Intervention

    Die wichtigste Entscheidung des Gipfels ist Schuldennachlasse für Griechenland. Premier Giorgos Papandreou sagte, für sein Land beginne „eine neue Ära“. Außerdem teilte der EU-Präsident Herman Van Rompuy mit, dass Athen beim zweiten Umschuldungsvorhaben mit bis zu 100 Milliarden Euro vom IWF und der EU rechnen dürfe.

    Wichtig ist auch der Beschluss, den Euro-Rettungsschirm von den jetzigen 440 Milliarden Euro auf eine Billion Euro zu erhöhen. Zugleich wurde dem Rettungsschirm das Recht auf die Absicherung der Eurobondsinhaber vor Verlusten vorbehalten.

    „Zumindest in kurzfristiger Perspektive sind das adäquate Entscheidungen“, stellte Sergej Afonzew vom Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen fest. „Klar ist, dass die Lösung der Finanzprobleme Griechenlands sehr viel Zeit in Anspruch nehmen wird, aber der erste sehr wichtige Schritt in dieser Richtung wurde gemacht.“

    Manche Experten warnen jedoch vor übertriebenem Optimismus, denn die EU-Behörden haben nur einen Plan. Wie und wann er umgesetzt wird, bleibt vorerst unklar. „Einzelne Details sollen in den nächsten Wochen bestimmt werden“, sagte der Chefanalyst der Bank of Moscow, Kyrill Tremassow. „In dieser Etappe könnten die Seiten noch in eine Sackgasse geraten und werden möglicherweise ihre bisherigen Vereinbarungen korrigieren.“

    Auffällig sei, dass die Entscheidungen des Gipfels zahlreiche Vorbehalte haben, sagte die Chefin des Zentrums für makroökonomische Forschungen von BDO in Russland, Elena Matrossowa. „Das Geld könnte gewährt werden, der Stabilisierungsfonds könnte wachsen – das ist wieder eine Art verbale Intervention, die seit der Krise 2008 ziemlich häufig angewandt wird und die Markttrends wesentlich beeinflusst.“

    Die anscheinend optimistisch stimmenden Ergebnisse des Gipfels haben die Aktienkurse und die Ölpreise nach oben getrieben. Die europäischen Börsenindizien stiegen am vergangenen Donnerstag um mehr als vier Prozent. Auch das WTI-Öl kostete in New York 91,89 Dollar pro Barrel (Anstieg um 1,7 Dollar). Die Dezember-Geschäfte für die Brent-Sorte wurden bei 110,02 Dollar pro Barrel (Anstieg um 1,11 Dollar) abgewickelt.

    Rede und Antwort stehen

    Die „verbale Intervention“ hatte zwar einen positiven Effekt, aber angesichts der Unkosten bei der Umsetzung der Anti-Krisen-Maßnahmen könnte er verpuffen. So könnte der 50-prozentige Schuldenerlass für Griechenland Probleme im europäischen Finanzsektor auslösen, warnte Elena Matrossowa. „Griechenlands Probleme sind Probleme seiner Kreditgeber – der Banken und damit ihrer Kunden – Bürger und Unternehmen, die ihrerseits den Banken das Geld geben“, so die Expertin. „Wenn sich die Banken zum Schuldenerlass überreden lassen, stellt sich sofort die Frage, ob diese Banken zuverlässig sind. Die Banken, die Griechenland, die meisten Kredite gewährt haben, verlieren  ihr Geld, weil ihre Anleger ihr Geld zurück verlangen werden.“

    Einige Beobachter sehen die Situation allerdings nicht so schwarz. „Die Märkte sind darauf gefasst – es ist ohnehin längst klar, dass die Schulden erlassen werden müssen“, stellte Sergej Afonzew fest. „Infrage kamen von Anfang an 40 bis 60 Prozent der gesamten Summe.“ Tremassow stimmte zu, dass die Banken genug Zeit (eineinhalb Jahre) hatten, um sich vorzubereiten. „Das ist ein Problem für den ganzen Bankensektor – die Schulden sind nicht bei einzelnen französischen, italienischen usw. Banken konzentriert. Einen Teil der Schulden kaufte die Europäische Zentralbank, der jetzt „problematische“ Obligationen für 170 Millionen Euro gehören. „Wenn der Schuldenerlass vor einem Jahr verkündet worden wäre, dann wären die Folgen für alle sehr hart gewesen“, so der Experte.

    Ohne China geht es nicht

    Von der europäischen Schuldenkrise könnte China profitieren, das der EU bereits Hilfe bei der Erhöhung des Rettungsfonds angeboten hat. „Die Chinesen tun aber nichts umsonst“, warnte Afonzew. „Früher wollten sie europäische Junkbonds kaufen - gegen Zugeständnisse im Handels- und Investitionsbereich. Auch jetzt werden sie zweifellos ähnliche Bedingungen stellen.“

    Das Angebot der Volksrepublik entspreche ihrer Politik der letzten zehn Jahre“, stimmte Elena Matrossowa zu. „Der globale Trend zu Chinas Dominanz ist offensichtlich, und zwar nicht nur auf den Märkten, sondern auch in den Strukturen, die die Wirtschaftspolitik prägen. Falls sich die Chinesen am Rettungsfonds beteiligen, dann werden sie die europäische Geldpolitik beeinflussen können.“

    Fragwürdig ist allerdings, ob sich die Europäer das gefallen lassen. „Ich bin mir absolut sicher, dass die EU-Vertreter gegen eine solche Beteiligung der Chinesen sind“, so Afonzew weiter. „Die Zugeständnisse an China wären schmerzhaft für europäische Unternehmen, die auf schärfere Konkurrenz stoßen würden. Außerdem hätte das negative Folgen für das Image der EU-Spitze.“

    Die Reaktion des EFSF spricht jedoch für sein Interesse am Angebot aus Peking. Rettungsfondschef Klaus Regling reiste heute nach Peking, wo ihm Verhandlungen zu diesem Thema bevorstehen.

    Die Situation um die Euro-Krise ist aber lange noch nicht klar: Der Plan wurde zwar entworfen, aber bis zur wirklichen Lösung des Problems ist es noch ein langer Weg. Selbst wenn Griechenland letztendlich seine Schulden beglichen hat, wie soll es dann weiter gehen?

    Branchenkenner sind sich einig, dass die griechische Wirtschaft keine Wachstumsgründe hat, besonders bei dem aktuellen hohen Euro-Wechselkurs. „Griechenland und andere angeschlagene Länder hätten es viel leichter, wenn sie ihre eigenen schwachen Währungen hätten“, konstatierte Kyrill Tremassow. „Wenn diese Länder den Konkurrenzkampf gegen die führenden Industrieländer der Eurozone verlieren, wozu brauchen sie denn die Einheitswährung?“ Falls die EU-Länder den negativen Trend nicht überwinden und die Problemwirtschaften nicht wieder wachsen, dann wird das Thema Austritt aus der Eurozone wieder akut, ergänzte der Experte.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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