19:30 22 November 2017
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    Verkraftet die Erde sieben Milliarden Menschen?

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    Nun ist es soweit: Die Weltbevölkerung hat die Schwelle von sieben Milliarden überschritten.

    Nun ist es soweit: Die Weltbevölkerung hat die Schwelle von sieben Milliarden überschritten.

    Für Russland ist dieses Ereignis umso wichtiger, weil der Jubiläumseinwohner unseres Planeten laut UN-Experten im russischen Kaliningrad geboren wurde.

    Die runde Zahl ist ein wichtiger Diskussionsanlass: Ist die Erde eigentlich imstande, so viele Menschen zu ernähren? Wie sollte die Weltwirtschaft funktionieren, damit die Menschen nicht verhungern? Oder gibt es damit überhaupt keine Probleme? Denn manche Experten finden, dass die Erde die Schwelle erreicht hat, über der ihre Einwohnerzahl sinken wird.

    Wie lange hält die Erde noch durch?

    Die Debatten über die erträgliche Bevölkerungszahl werden schon seit Jahrhunderten geführt. Sieben Milliarden – ist das viel oder wenig?

    Der Direktor des Instituts für demographische Forschungen, Igor Beloborodow, sieht die Situation nicht allzu dramatisch: Sieben Milliarden Menschen könnten in Australien untergebracht werden, wobei jedem Einwohner ein Quadratkilometer zur Verfügung stünde und etwa 600 Millionen Quadratkilometer unbewohnt bleiben würden.

    Weniger komfortabel wäre es für die Menschen im US-Bundesstaat Arizona, aber auch dann würde jeder von ihnen auf 42 Quadratmetern leben. Experte Beloborodow ist überzeugt, dass sich die Einwohnerzahl auf der Erde noch problemlos vervielfachen könnte. Als Beispiel führte er die Ergebnisse einer Studie von Professor Viorel Badescu von der Polytechnischen Universität Bukarest an, dem zufolge die Erde 1,3 Billiarden (eine Eins mit 15 Nullen!) Menschen verkraften kann.

    Badescus Forschungen waren allerdings der so genannten thermodynamischen Grenze gewidmet, wenn die Erde die von den Menschen produzierte Wärme nicht mehr zerstreuen kann (das würde zu einer Katastrophe führen). Dabei berücksichtigte der Experte die von der Technik stammende Wärme und die Fähigkeit zur Versorgung der menschlichen Lebenstätigkeit nicht.

    Wissenschaftler sind sich einig, dass die maximale Einwohnerzahl der Erde die aktuellen sieben Milliarden wesentlich übertreffen würde. Boris Kagarlizki vom Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen schätzte sie auf zwölf Milliarden. „Ich sehe keine Probleme in diesem Zusammenhang“, sagte Michail Deljagin, Direktor des Instituts für Globalisierungsprobleme. „Einst hatte man ja Angst, dass vier Milliarden Einwohner für die Erde unerträglich wären.“

    Ernährung und Trinkwasser

    Die Lebensmittel- und Wasserversorgung der Menschen ist allerdings ein akutes Problem. Laut der UN-Ernährungsorganisation FAO hungern derzeit mehr als eine Milliarde Menschen. Um die ganze Erdbevölkerung zu ernähren, die bis 2050 neun Milliarden Menschen erreichen könnte, müsste die Lebensmittelproduktion um 70 Prozent erhöht werden.

    Die Situation um das Trinkwasser ist noch schlimmer. Der Chef des Instituts für Wasserressourcen bei der Russischen Akademie der Wissenschaften, Viktor Danilow-Daniljan, führte an, dass es 1,1 Milliarden Menschen ständig an Trinkwasser mangele. Weitere 700 000 bis 900 000 Erdbewohner sind mit diesem Problem zeitweise konfrontiert.

    Experten sind sich aber einig, dass die Wasser- und Lebensmittelversorgung nicht von der Natur, sondern vor allem von den Technologien der Trinkwasserproduktion und von der Verwendung der Wasserressourcen abhängt.

    „Europas Wasserversorgung ist gering, aber im Unterschied zu anderen Ländern, die die gleiche Wassermenge pro Kopf der Bevölkerung haben, verwendet es das Wasser sehr effizient“, stellte Danilow-Daniljan fest. „Das Beispiel der Alten Welt zeigt, dass eine Wirtschaft auch bei geringen Wasserreserven gut funktionieren kann.“

    Der Präsident der Russischen Getreideverbandes, Arkadi Slotschewski, stimmte zu, dass es in der Welt keinen Lebensmittelmangel gibt. Die Ressourcen für den Ausbau der Getreideproduktion seien sehr groß und nur durch die Nachfrage beschränkt, betonte er. „Das Problem ist nicht, dass es an Lebensmitteln mangelt, sondern dass arme Länder dafür kein Geld haben.“

    Die Wirtschaftseffizienz ist die wichtigste Ressource. Auch die Korrelation zwischen der Bevölkerungszahl auf der Erde und der Entwicklung der Wirtschaftssysteme ist offensichtlich.

    Last der weißen Menschen?

    Einst wuchs die Bevölkerungszahl sehr langsam – erst 1804 erreichte sie eine Milliarde. Die ganze Zeit mussten die Menschen hungern, egal in welchem Teil der Erde sie lebten. Im 18. Jahrhundert entstand in Großbritannien sogar eine demographische Theorie von der Bevölkerungsfalle (Thomas Malthus), der zufolge die Bevölkerungszahl auf der Erde schneller als die Lebensmittelproduktion wächst, was die Menschheit in eine Katastrophe führen könnte.

    Aber England bewies nach seiner Industrierevolution, dass die Menschen nicht hungern müssen. Dank der Industrialisierung der Landwirtschaft Mitte bzw. Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Europäer und Amerikaner keine Lebensmittelengpässe. Seit dieser Zeit nahm die Bevölkerungszahl auf der Erde schneller zu. 1935 erreichte sie zwei Milliarden. Der Aufwärtstrend war jedoch vor allem in den asiatischen und afrikanischen Kolonien europäischer Großmächte zu sehen: Dank neuen Medikamenten wurde dort die Sterblichkeit verringert, während die Geburtenrate nach wie vor hoch blieb.

    Das kann man allerdings nicht von der Alten Welt sagen, wo der Anstieg der Lebenserwartung vom Rückgang der Geburtenzahl begleitet wurde. In der Industriegesellschaft wurde die Kindergeburt wirtschaftlich sinnlos – für neue Arbeitskräfte gab es keine Verwendung.

    Indem der Westen eine demographische Explosion in seinen früheren Kolonien auslöste, musste es de facto die Verantwortung  für ihr Schicksal übernehmen: die Entwicklungsländer finanziell unterstützen und deren Auswanderer unterbringen. Ist das fair?

    Globalisierungsfalle

    Die europäische Zivilisation hat ein Wirtschaftsmodell entwickelt, das sie von Finanzproblemen befreit hat. Die anderen haben das jedoch nicht geschafft. Man muss aber auch einräumen, dass Europa seinen Wirtschaftsaufschwung ohne Rohstoff-, Arbeits- und andere Ressourcen aus den früheren Kolonien hätte nicht erreichen können.

    Kolonien gehören längst der Vergangenheit an, aber auch heute verbraucht die so genannte „goldene Milliarde“ der Menschen den größten Teil der Weltressourcen. Allein die USA verbrauchen etwa ein Viertel des gesamten Erdöls, das in der Welt gefördert wird. Sollte die Hälfte der Menschheit genauso viele Ressourcen verbrauchen, dann gehen sie bald zur Neige.

    Ein Paradox ist, dass die meisten Menschen auf der Welt diese Ressourcen gar nicht brauchen – viele Länder können ihre Bodenschätze kommerziell verwerten. Russland, Nigeria, Saudi-Arabien und viele andere verkaufen ihr Öl freiwillig.

    Das Armuts- und Hungerproblem lässt sich vielen Experten zufolge nicht auf eine unfaire Ressourcenverteilung, sondern auf eine zu scharfe globale Konkurrenz zurückführen. „In den 1960er bzw. 1970er Jahren war die Konkurrenz ein Antriebsfaktor. Jetzt wurde sie zu einer Mordwaffe“, so Michail Deljagin. „Kleinunternehmer sind keine Idioten und auch keine Müßiggänger. Aber wenn sie etwas nicht so gut wie die Konkurrenz (internationale Konzerne) machen, dann verlieren sie ihre Kunden und auch das Geld.“

    Da die Weltmärkte zwischen den globalen Konzernen aufgeteilt seien, haben die Entwicklungsländer keine Chance, sich eigenständig über Wasser zu halten, stellte der Experte fest. Nur wenige von ihnen wie China und andere südostasiatische Länder haben von der Expansion der Unternehmen profitieren können, die ihre Industriebetriebe dort angesiedelt haben.

    Keine Angst vor den Chinesen!

    Als der Westen in China eine unerschöpfliche Quelle der Arbeitskraft erkannte und seine Fabriken dorthin massenweise verlegte, schuf es ein Problem, mit dem es heute kämpfen muss.

    Erstens hängen die Westeuropäer und Amerikaner von China ab – ohne die dortigen Produktionskräfte und den Absatzmarkt bricht die Weltwirtschaft zusammen. Zweitens brauchte China nur 30 Jahre, um als  Supermacht aufzusteigen, die die Weltführung beansprucht.

    Die Volksrepublik ist inzwischen die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Vor der Wirtschaftskrise der späten 2000er Jahren waren sich viele Experten einig, dass der Yuan eine starke regionale Währung werden könnte. Jetzt bietet Peking den Europäern Hilfe bei der Überwindung der Schuldenkrise an. „Der globale Trend zu Chinas Dominanz ist offensichtlich, und zwar nicht nur auf den Märkten, sondern auch in den Strukturen, die die Wirtschaftspolitik prägen. Falls sich die Chinesen am Europäischen Rettungsfonds beteiligen, dann werden sie die europäische Geldpolitik beeinflussen können“, stellte Elena Matrossowa, BDO-Ökonomin in Russland, fest.

    Außerdem haben die Chinesen eine Waffe, die Europa und Amerika nicht haben: die 1,3 Milliarden Menschen, die ebenfalls die Welt erobern - auf ihre Art, versteht sich. Die „gelbe Welle“, die alle Kontinente geflutet hat, ist bereits ein Alptraum für Futurologen.

    In Peking weiß man ganz genau, welchen Nutzen die ins Ausland gezogenen Chinesen ihrer Heimat bringen können: Die ersten ausländischen Investoren, die in die Volksrepublik kamen, waren ethnische Chinesen, die in Südostasien Fuß gefasst hatten. Jetzt kontrolliert die chinesische Diaspora 50 bis 80 Prozent des privaten Kapitals in der Region.

    Viele Kenner haben allerdings ihre Zweifel an der richtigen Stärke des „chinesischen Drachen“: Das Land hängt immerhin von vielen äußeren Faktoren wie High-Tech-Import und westliche Absatzmärkte ab.

    Die chinesische Wirtschaft leide unter überflüssigen Investitionen, die vom Staat gefördert werden, sagte Jewgeni Gawrilenkow vom Investmenthaus Troika Dialog. „Die Behörden können nicht die Kapazität des Binnenmarktes durch das Einnahmenwachstum ausbauen – das würde den chinesischen Export teurer machen, was einer der wichtigsten Konkurrenzvorteile der Volksrepublik ist.“ Und die Nachfrageförderung auf dem Binnenmarkt durch die Massenvergabe von Krediten nährt die Gefahr einer Schuldenkrise.

    Wendepunkt

    Chinas „demographische Waffe“ ist allerdings in absehbarer Zeit nicht mehr so scharf: Das Staatsprogramm zur Geburtenkontrolle könnten in diesem Bereich einen Abwärtstrend zur Folge haben, finden Experten.

    „Ab 2020 wird Chinas Bevölkerungszahl zurückgehen“, prognostizierte Boris Kagarlizki. „In Indien ist die Situation schwieriger, aber auch dort geht es ab den 2040er bzw. 2050er Jahren abwärts.“

    Dem Experten zufolge kommt es Ende des 21. Jahrhunderts auf der ganzen Welt zu einer Wende. Nachdem die Bevölkerungszahl sieben Milliarden erreicht hat, wird sie allmählich zurückgehen.

    „Diese Milliarde war bestimmt die letzte“, stimmte Igor Beloborodow zu. „Die Geburtenzahl sinkt auf allen Kontinenten. In Iran liegt sie bereits auf dem europäischen Niveau, wie die Türkei und die Maghreb-Staaten.“

    Noch mehr als das: Der Demographie-Experte äußerte die Befürchtung, dass die strengen Maßnahmen zur Geburtenkontrolle zum Aussterben der Menschheit führen könnten.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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