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    Zweiter Weltkrieg Monat für Monat: Dezember 1941

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    Im Dezember 1941 brachte die Rote Armee mit einer strategischen Gegenoffensive die Wehrmacht vor den Toren Moskaus zum Stehen.

    Im Dezember 1941 brachte die Rote Armee mit einer strategischen Gegenoffensive die Wehrmacht vor den Toren Moskaus zum Stehen. Der Zweite Weltkrieg entwickelte sich zu einem langwierigen Stellungskrieg, bei dem die Deutschen die schlechteren Karten hatten. Zudem griff Japan die USA und Großbritannien an.

    Unangenehme Überraschung für das deutsche Oberkommando

    Bei Leningrad gingen in der ersten Dezemberhälfte die erbitterten Kämpfe um Tichwin weiter. Die Deutschen, die die Stadt verteidigten, wussten, dass Leningrad wegen der blockierten Bahnstrecke in Tichwin nicht mit Lebensmitteln versorgt werden konnte. Das deutsche Kommando wollte nordwärts zu den finnischen Truppen vorrücken, um die "Schlinge" um Leningrad möglichst zuzuziehen. Die sowjetischen Truppen strebten danach, den Feind in Tichwin einkesseln und dessen Pläne zunichte zu machen.

    Das I. Armeekorps der Deutschen wehrte mehrere Tage die wütenden Angriffe der Truppen der Leningrader Front ab, musste jedoch am 9. Dezember die Stadt verlassen. Die gesamte 18. deutsche Armee wurde ostwärts zurückgedrängt, bis Wolchow. Die Entfernung zwischen der Leningrader und der Wolchow-Front konnte verringert werden. Aber obwohl die Rote Armee die Deutschen aus einem wichtigen Gebiet vertrieben hatte, gelang es nicht, sie einzukesseln und anzugreifen. Ebensowenig konnte die Blockade durchbrochen werden.

    Inzwischen setzte in Leningrad ein grimmiger Frost ein, die Kraftwerke waren außer Betrieb, die Stadt war im Eis gefangen. Es wurden die ersten Fälle von Kannibalismus festgestellt. Laut Angaben der NKWD-Verwaltung für das Gebiet Leningrad wurden im Dezember 1941 wegen des Verzehrs von Menschenfleisch 43 Personen verhaftet, sofort erschossen und ihre Sachen beschlagnahmt.

    Ende des Unternehmens "Taifun"

    Der lokale Sieg am nördlichen Abschnitt der sowjetisch-deutschen Front wurde durch die strategische Gegenoffensive vor den Toren Moskaus gefestigt, das bis Dezember 1941 von Süd und Nord von drei deutschen Panzergruppen in eine Zange genommen war. Nachdem die Truppen der Kalinin-, der Westfront und der rechten Flanke der Südwestfront die Deutschen, die an einzelnen Abschnitten nur 25 Kilometer vom Kreml entfernt waren, an den Zufahrten zur Hauptstadt zermümbt hatten und all ihre Angriffe abgewehrt worden waren, führten sie am 5. – 6. Dezember mehrere Angriffe gegen die feindlichen Stellungen und durchbrachen sie praktisch in allen Richtungen.

    Im Zuge der Angriffsoperationen bei Kalinin, Klinsk – Solnetschnogorsk, Narofominsk – Borowsk, Jelez, Tula, Kaluga, Beljow – Koselsk drängte die Rote Armee die Wehrmacht 100 bis 250 Kilometer weit von Moskau zurück. Damit war Ende Dezember 1941 die unmittelbare Gefahr für die sowjetische Hauptstadt gebannt.

    Für das OKW (Oberkommando der Wehrmacht) war das Fiasko der Operation "Taifun" (Ziel: Eroberung von Moskau) eine höchst unangenehme Überraschung. Am 7. Dezember trug General Halder, Stabschef des Heeres, in sein Tagebuch ein: "Am schlimmsten ist, dass das OKW den Zustand unserer Truppen nicht versteht und Löcher flickt, anstatt grundsätzliche strategische Entscheidungen zu treffen."

    Aber die Deutschen dachten nicht daran, klein beizugeben. Am 8. Dezember erließ Hitler die Weisung Nr. 39, die in den Truppen "Stopp-Befehl" genannt wurde. Der Führer befürchtete eine Wiederholung des tragischen Schicksals von Napoleons Armee, die im Herbst 1812 beim Rückzug aus Moskau beinahe gänzlich vernichtet worden war. Hitler verbot allen Soldaten, ihre Stellungen zu verlassen. Den Truppen wurde zudem die Aufgabe gestellt: "Erforderliche Bedingungen für die Wiederaufnahme von groß angelegten Angriffsoperationen 1942 zu sichern."

    Außerdem entließ Hitler mehrere Generäle. Am 12. Dezember setzte er den Befehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Feldmarschall von Bock, von seinem Posten ab. Am 19. Dezember wurde der Oberbefehlshaber des Heeres , Feldmarschall von Brauchitsch, in den Ruhestand versetzt. Da Hitler seinen Generälen nicht mehr vertraute, besetzte er bis zum Kriegsende diesen Posten selbst. Am 26. Dezember wurde der "Vater" der deutschen Panzertruppen, General Guderian, in die Reserve versetzt, nachdem er eigenmächtig seine Truppen von ihren Stellungen abgezogen hatte.

    Panzer erweisen sich als machtlos

    General Schukow, Oberbefehlshaber der Westfront, gelangte nach dem Krieg zu der Schlussfolgerung, dass die Deutschen im Dezember Moskau nicht erobern hatten können, weil sie zu sehr ihre Panzer während des Blitzkrieges verlassen haben.

    Seiner Ansicht nach fehlte es den deutschen Truppen an den Flanken, die die "Zange" nördlich und südlich Moskaus hätten schließen sollen, an Infanterie, um sich festzusetzen. Im Ergebnis mussten die Deutschen enorme Verluste bei den Panzern hinnehmen und waren deshalb geschwächt.

    Eine weitere Fehlkalkulation der Deutschen war, so Schukow, ihr Unvermögen, einen rechtzeitigen Angriff auf das Zentrum der Westfront zu führen. Das seinerseits gab dem sowjetischen Oberkommando die Möglichkeit, Reserven zu aktivieren und gegen die Stoßgruppierungen der Wehrmacht einzusetzen.

    Ein wichtiger Faktor des Sieges war zudem, dass sich die Deutschen wegen der riesigen Entfernungen  schlecht kommunizieren konnten und von Partisanen und Kampfflugzeugen attackiert wurden. Deshalb schaffte es das sowjetische Oberkommando, Reserven aus dem Landesinnern nach Moskau zu verlegen, ohne dass die Deutschen davon Notiz nahmen.

    Die Moskauer haben die Heldentat der Verteidiger ihrer Stadt nicht vergessen. Zum 70. Jahrestag des Beginns der Gegenoffensive lud Oberbürgermeister Sergej Sobjanin persönlich Verteidiger der Hauptstadt (einige von ihnen leben heute in anderen Ländern) ein, an den Feierlichkeiten anlässlich des ruhmreichen Datums teilzunehmen.

    Stalin im Siegestaumel

    Der Sieg auf den Feldern um Moskau zerstörte den Mythos von der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht. Zudem wurde Tichwin bei Leningrad zurückgewonnen, im Süden zogen sich die Deutschen aus Rostow-am-Don zurück, auf der Krim gelang es Manstein nicht, Sewastopol zu besetzen. Kein Wunder, dass Stalin jetzt überzeugt war, dass die Rote Armee dem Feind die strategische Initiative entrissen habe. Nunmehr gelte es nur noch, zur Offensive überzugehen, um, wie 1812, die Okkupanten in kürzester Zeit aus dem Land zu vertreiben.

    Diesen Irrtum des Obersten Befehlshabers mussten zehntausende Rotarmisten mit ihrem Leben bezahlen: Der Feind war noch sehr stark, und Hitlers "Stopp-Befehl" erfüllten die deutschen Truppen mit großer Diszipliniertheit.

    In seinem Buch "Die Lebenden und die Toten" schrieb der sowjetische Schriftsteller Konstantin Simonow: "So viel sie" (die bei Moskau kämpfenden sowjetischen Soldaten) "hinter sich auch gehabt haben mochten, stand ihnen noch der ganze Krieg bevor."

    Im Gefühl der Überlegenheit ist der Befehl zur Durchführung der Landeoperation, den das Hauptquartier des Obersten Befehlshabers der Transkaukasischen Front am 7. Dezember 1941 erteilte,  zu werten. Ziel des kühnen Plans war die Landung auf der Krim und die Einschließung der feindlichen Gruppierung in Kertsch.

    Nach zwei Wochen Vorbereitung begann die Operation am 26. Dezember. Sie verlief alles in allem recht erfolgreich. Die 46. deutsche Infanteriedivision, die die Halbinsel Kertsch verteidigte, und ein Regiment der rumänischen Gebirgsschützen konnten den mächtigen sowjetischen Bodentruppen (insgesamt 82 000 Mann) nicht lange Widerstand leisten und mussten nach schweren Kämpfen weichen.

    Hitler geriet in Zorn und stellte den Kommandeur des 42. Korps, General Graf von Sponeck, der den Befehl über den Rückzug erteilt hatte, vor Gericht. Der Graf wurde zur Erschießung verurteilt, und 1944 wurde das Urteil vollzolgen.

    Doch standen die Kämpfe um die Krim erst an ihrem Anfang. Die wichtigsten davon entfachten sich 1942, als die sowjetischen Armeen auf der Halbinsel Kertsch vernichtet wurden und Sewastopol fiel.

    Japanischer Blitzkrieg

    Im Dezember 1941 traten zwei Akteure in den Weltkrieg ein: Japan und die USA. Am Morgen des 7. Dezember führten die Kampfflugzeuge der japanischen Flugzeugträger einen massierten Angriff auf den Hauptstützpunkt der US-Kriegsflotte im Pazifik,  Pearl Harbor. Die Amerikaner verloren vier Schlachtschiffe, zwei Zerstörer und einen Minenleger; weitere Schiffe wurden schwer beschädigt. Auch die amerikanischen Luftstreitkräfte erlitten schwere Verluste. Beim Überfall kamen 2 403 Menschen ums Leben.

    Warum überfiel Japan die USA und nicht die UdSSR, mit der sie zuvor mehrere Zusammenstöße gehabt hatte (beim Hassan-See 1938 und bei Chalkhin-Gol 1939)? Wie der Kriegshistoriker Alexej Kilitschenkow, Professor an der Russischen Staatlichen Humanitären Universität (RGGU, Moskau), in einem Interview für RIA Novosti erzählte, gab es dafür mehrere Gründe.

    "Es wird vergessen, dass im Dezember 1941 Japan schon einen aktiven Krieg in China führte" (seit Juli 1937) "und dort bis zu einer Million seiner Soldaten halten musste", sagt Prof. Kilitschenkow. Wie er betont, hätten die Japaner bei einem Überfall auf die UdSSR in China an zwei Fronten kämpfen müssen: im Norden gegen die Rote Armee und im Süden des Landes gegen die Armee des chinesischen Generalissimus Tschiang Kai Schek.

    Der Historiker führte zudem an, dass die Japaner für die Fortsetzung des Krieges Rohstoffe unbedingt brauchten: Rohöl, Eisenerz, Bauxite, Kokerkohle, Nickel, Manganerz, Aluminium und vieles andere. Außerdem war Japan, um seine Bevölkerung ernähren zu können, gezwungen, große Mengen Lebensmittel per Schiff anzukarren.

    All das lag in jenem Teil Ost- und Südostasiens, den die USA und Großbritannien kontrollierten, was für Japan den Zugang zu den lebenswichtigen Ressourcen einschränkte. Aber eine gewaltsame Beseitigung der Konkurrenten gab den Japanern die Möglichkeit, Ost- und Südostasien ungeteilt zu dominieren.

    Der Überfall auf Pearl Harbor übertraf alle Erwartungen der Japaner.  Die US-Pazifikflotte war ein halbes Jahr lang lahmgelegt. Dadurch erhielt Japan freie Hand im Pazifik, das jetzt Großbritannien ins Visier nahm.

    Japanische Soldaten landeten im Dezember 1941 in Britisch-Malaya, auf den Philippinen, auf Borneo. Am 25. Dezember fiel Hongkong. Dabei wurde den Briten auch auf hoher See ein ernsthafter Schlag versetzt. Am 10. Dezember 1941 versenkten japanische Fliegerkräfte das britischen Schlachtschiff "Prince of Wales" und den Schlachtkreuzer "Repulse".

    Alles in allem vermochten es die Japaner, große Siege bei minimalen Verlusten zu erringen. Im Ergebnis verlor das British Empire einen Teil seiner östlichen Kolonien, während die Vereinigten Staaten von Amerika sich jetzt veranlasst sahen,  in den Zweiten Weltkrieg einzugreifen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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