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    Volkszählung 2010: Russland altert und stirbt aus

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    In Russland gibt es mehr Frauen als Männer. Zudem gibt es immer mehr Russen mit Hochschulbildung. Am Freitag wurden vom russischen Statistikamt Rosstat die Ergebnisse der Volkszählung vom 14. Oktober bis 25. Oktober 2010 vorgestellt. Diese Ergebnisse entsprechen dem weltweiten Trend.

    In Russland gibt es mehr Frauen als Männer. Zudem gibt es immer mehr Russen mit Hochschulbildung. Am Freitag wurden vom russischen Statistikamt Rosstat die Ergebnisse der Volkszählung vom 14. Oktober bis 25. Oktober 2010 vorgestellt. Diese Ergebnisse entsprechen dem weltweiten Trend.

    Einwohnerzahl geht zurück 

    Demografen zufolge hat die Volkszählung die Prozesse widerspiegelt, die der weltweiten Tendenz entsprechen. Von 2002 ging die Einwohnerzahl in Russland um 2,3 Millionen auf 142, 857 Millionen Menschen zurück.

    Laut einem im Herbst veröffentlichten Bericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) steht Russland auf Rang neun nach China (1,37 Milliarden Menschen), Indien (1,24 Milliarden), USA (313 Millionen) und anderen Ländern. Bei der vorherigen Volkszählung 2002 rangierte Russland noch auf Platz sieben.

    Zwischen 1989 und 2002 (zwischen der letzten sowjetischen und der ersten postsowjetischen Volkszählung) verlor Russland 1,8 Millionen Einwohner. In den letzten acht Jahren ging die Einwohnerzahl um 2,3 Millionen Menschen zurück.

    Die Zahlen widerspiegeln die Situation, sagte Valeri Jelisarow, Leiter des Zentrums für Forschung der Bevölkerung des Moskauer Staatlichen Universität. „In dieser Periode (2002/2010) war der Bevölkerungsrückgang tatsächlich stärker als in der vorherigen Periode (1989/2002) gewesen“, sagte Jelisarow. Anfang der 2000er Jahre sei eine sehr niedrige Geburtsrate zu erkennen gewesen. Die Sterberate sei in dieser Phase sehr hoch gewesen. Der Einwandererstrom sei nicht so intensiv gewesen und konnte deswegen den Bevölkerungsrückgang nicht ausgleichen, sagte Jelisarow.

    In den vergangenen zwei bis drei Jahren habe sich die Situation verbessert. Der natürliche Bevölkerungsrückgang habe sich verlangsamt. Wäre die Volkszählung zwischen von 2007 bis 2010 vorgenommen werden, wären die Zahlen zwischen 2002 und 2007 besser gewesen.

    „Man soll nicht Schlüsse aufgrund des Vergleichs von diesen zwei Perioden ziehen“, sagte Jelisarow. „Demografische Prozesse sind sehr kompliziert. Die Veränderungen sind mit unterschiedlichen Faktoren verbunden“, so der Experte.

    Laut Jelisarow wird die Situation in den kommenden Jahren konstant bleiben. „Die  Erfolge in der sozialwirtschaftlichen Politik werden zeigen, ob die positiven Tendenzen (Anstieg der Geburten) erhalten bleiben, die in den letzten Jahren zu erkennen waren“, sagte Jelisarow.

    Wird es mehr Russen geben?

    Bislang ist es noch zu früh, um von einer Zunahme der Bevölkerung zu sprechen. Nach Schätzungen von Jelisarow wird die Sterberate in diesem Jahr zwischen 150.000 und 160.000 höher als die Geburtenrate sein. Doch vielversprechend ist die Tatsache, dass diese Zahl niedriger als in den vergangenen zwei Jahren ist. Im vergangenen Jahr gab es rund um 240.000 (2009 - 250.000) mehr Gestorbene als Geborene.
    „Die Bevölkerungszahl wird nicht steigen, sondern zurückgehen“, sagte Boris Denissow von der Wirtschaftsfakultät der Moskauer Staatlichen Universität. „Fraglich allein ist das Tempo des Bevölkerungsrückgangs, das schwer vorherzusagen ist“, sagte Denissow.

    Wie Nikita Mkrtschjan vom Institut für Demografie der Moskauer Hochschule für Wirtschaft betonte, gehen die Geburtenrate und die Kinderzahl in den Familien in der ganzen Welt zurück. Diese Prozesse seien in China, Indien und im Iran zu erkennen. „In Russland lag der Index der Geburtenrate (die Geburtenzahl bei einer Frau im Alter von 15 bis 49 Jahren) 1990 bei 1,8 und jetzt bei rund 1,5“, sagte der Experte.

    „Die Menschen warten länger als früher mit der Eheschließung“, sagte Jelisarow. „Es wird immer weniger Ehen und erste Kinder geben. Deswegen wird alles davon abhängen, ob die Demografie-Politik junge Familien davon überzeugen kann, zwei und mehrere Kinder zu bekommen“, sagte der Experte.

    Die Angaben der Volkszählung müssen korrigiert werden, sagte Mkrtschjan. Bei solchen Schätzungen solle nicht nur die ständige Bevölkerungszahl des Landes, sondern auch zeitweilige Arbeitsimmigranten berücksichtigt werden (weitere drei bis fünf Millionen).

    Laut Mkrtschjan wurde bei der Volkszählung anscheinend nur jeder zehnte Arbeitsimmigrant berücksichtigt, was logisch erscheint, weil die meisten Einwanderer sich illegal in dem land aufhalten. Die Arbeitsmigranten haben wohl nicht verstanden, dass sie auch an der Volkszählung teilnehmen müssen. Es wurden fast keine Maßnahmen getroffen, um die zeitweiligen Einwohner zu erfassen, sagte der Experte.

    Russland wird älter

    Die Alterung der Bevölkerung, der Zuwachs der Älteren und immer weniger Kinder seien ein weltweit typischer Prozess, sagte Mkrtschjan.

    „In Westeuropa bilden ältere Menschen den größten Teil der Bevölkerung“, sagte Dmitri Schurawljow, Direktor des Instituts für regionale Fragen.

    Laut der Volkszählung 2010 liegt das Durchschnittsalter der Russen bei 39 Jahren (2002 - 37,7 Jahre). „Je höher das Durchschnittsalter ist, desto pessimistischer ist die Demografie. Je älter die Menschen sind, desto geringer ist der Bevölkerungszuwachs“, sagte Schurawljow. Zum Vergleich: Nach Angaben der Volkszählung 1957 lag das Durchschnittsalter der Einwohner des Landes bei 18 Jahren.

    Auffallend ist die Tatsache, dass sich die Regionen nach dem Durchschnittsalter stark unterscheiden, sagte Mkrtschjan. Das Durchschnittsalter in Tschetschenien sei 27 Jahre, im Gebiet Pskow  45 Jahre. In den Regionen mit einer hohen Geburtenrate ist das Durchschnittsalter niedriger.

    Zu wenig Männer

    Laut Angaben der Volkszählung gibt es in Russland 10,7 Millionen mehr Frauen als Männer. Bei der Volkszählung 2002 sei der Unterschied etwas geringer gewesen - rund zehn Millionen, sagte Jelisarow.

    Wie Borissow betonte, war einst dieser Unterschied auf die Kriege zurückzuführen gewesen. Jetzt gebe es andere Faktoren. Es handele sich um eine allgemeine Folge der Alterung der Bevölkerung und der Tatsache, dass die Frauen in Russland zwölf bis dreizehn Jahren länger als Männer leben, sagte Mkrtschjan.

    Es kommen gewöhnlich mehr Jungen als Mädchen zur Welt (106 gegenüber 100), sagte Jelisarow. Doch bereits im ersten Jahr sterben mehr Jungen als Mädchen. Im Jugendalter entscheiden sich die Jungen gewöhnlich für gefährlichere Sportarten und Berufe. „Die Lebensweise spielt ebenfalls eine Rolle: schlechte Gewohnheiten, Alkoholmissbrauch, Morde, Selbstmorde, Autounfälle“, sagte der Experte.

    Dörfer werden leerer

    Seit 2002 sind in Russland 8500 Dörfer von der Landkarte verschwunden worden.
    Die Stadtbevölkerung sei um 1,1 Millionen und die Dorfbevölkerung um 1,2 Millionen Einwohner zurückgegangen, sagte Jelisarow. Das Tempo des Rückgangs der Dorfbevölkerung lag bei 0,39 Prozent und der Stadtbevölkerung bei 0,13 Prozent. Der Anteil der Stadteinwohner liegt in Russland bei 74 Prozent. „Deswegen ist das Tempo des Bevölkerungsrückgangs in den Dörfern proportional höher als in den Städten“, sagte Jelisarow.

    Die Dörfer werden leerer, weil die Menschen in die Städte ziehen und die Sterberate der Dorfeinwohner höher im Vergleich zu den Städtern sei, sagte der Experte.

    Der Prozess der Urbanisierung sei zwar verhängnisvoll, jedoch nicht einzigartig, sagte Schurawljow. Dieser Trend ist in ganz Europa erkennbar. Aus den Dörfern kamen früher immer viele Arbeitskräfte. Jetzt seien die Dörfer in Zentralrussland wie ausgestorben worden, sagte Direktor des Instituts für regionale Probleme. Dafür wächst aber das nationale Dorf (Siedlungen der nationalen Minderheiten). Bei den Russen ist die Kultur der Erhaltung eines Dorfes schwächer als beispielsweise bei den Tataren, bei denen das Dorf nach der Bevölkerung mit einer relativ nicht großen Stadt verglichen werden kann.

    Die Dorfbevölkerung werde einfach nicht notwendig sein, sagte Denissow. „Falls mehr oder weniger fortgeschrittene landwirtschaftliche Technologien genutzt werden, wird sie weiter zurückgehen“, sagte Denissow. „Die Einwohner werden in die Dörfer fahren, nicht um sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen, sondern um sich zu erholen - Urlaub, Jagd, Angeln, Natur genießen“, sagte Denissow.

    Bald wird fast jeder Russe Hochschulbildung haben

    Im Vergleich zu 2002 ist die Zahl der Russen mit Hochschulausbildung um mehr als 41 Prozent und mit einer unvollendeten Hochschulausbildung um 44 Prozent gestiegen. Nach Rosstat-Angaben hatten 2002 etwa 19,4 Millionen Menschen ein Studium absolviert. 2010 waren es 27,5 Millionen.

    Wegen solch hoher Zahlen verliere die Bildung ihre soziale Bedeutung, sagte Schurawljow. „Bislang gibt es noch keine Struktur einer effektiven Verwendung von Hochschulabsolventen“, sagte der Experte.

    Viele Diplome seien trügerisch, sagte Jelisarow. „Die Zahl der Diplome stimmt nicht mit der Zahl der hochqualifizierten Spezialisten überein, die auf den Arbeitsmarkt gelangen und dort effektiv arbeiten“, sagte Jelisarow. Der Bereich der Hochschulbildung sei in den letzten Jahren aufgebläht worden. Nicht alle Hochschulen bieten eine qualitative Fachausbildung an, sagte der Experte.

    Alle Experten geben zu, dass die jetzige Volkszählung keine Überraschungen gebracht habe. Die einzige überraschende Nachricht war wohl die Tatsache, wie schnell die gesammelten Informationen zu Ergebnissen ausgewertet wurden. Die vorherigenVolkszählungen verliefen viel langsamer.

     

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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