02:32 20 August 2017
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    Nordkorea: So war Kim Jong-il

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    Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il gestorben (50)
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    Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-il ist tot. Er stand 17 Jahre an der Machtspitze der Volksrepublik - seit dem Tod seines Vaters Kim Il-sung im Sommer 1994.

    Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-il ist tot. Er stand 17 Jahre an der Machtspitze der Volksrepublik - seit dem Tod seines Vaters Kim Il-sung im Sommer 1994.

    Das Land scheint sich in dieser Zeit überhaupt nicht verändert zu haben: Nordkorea ist eine weltweite Ausnahmeerscheinung, mit einer sehr verschlossenen Gesellschaft, ein wirtschaftlich verfallenes kommunistisches Schutzgebiet. Kim Jong-il hat es offenbar geschafft, dass die Gesellschaft mit dem Vorhandenen zufrieden ist und keinen Wunsch nach Veränderung hat.

    Das Leben Kim Jong-ils, des zweiten nordkoreanischen Revolutionsführers, könnte als Beispiel für Ethnographie, Politologie, Massenpsychologie und viele andere Wissenschaften dienen. „Das gibt es doch nicht!“ - das ist die typische Reaktion eines jeden Normaldenkenden auf die Situation im Norden der Korea-Halbinsel. Sie ist aber Realität.

     

    Kriegsmenschen

    Alle Koreaner, egal ob aus dem Norden oder Süden, unterscheiden sich vor allem durch ihr Temperament und ihre Sturköpfigkeit von allen anderen asiatischen Nationen- selbst von Japan.

    Diese Eigenschaften prägen die nordkoreanische Gesellschaft, die Kim Jong-il einmal versuchte, zu verändern, dabei jedoch scheiterte.

    Warum er gescheitert ist? Nicht etwa deswegen, weil er selbst in einem koreanischen Partisanenlager auf dem Paektusan-Berg oder in der sowjetischen Region Chabarowsk (sein genauer Geburtsort ist unbekannt) zur Welt gekommen ist? Das war im Jahr 1942. Damit entfallen seine ersten drei Lebensjahre auf den Zweiten Weltkrieg. Statt einer üblichen Schule besuchte der spätere „Geliebte Führer“ eine Soldatenschule. Seit seiner Kindheit trug er eine Militäruniform.

    1992, als bereits offensichtlich war, dass Kim Jong-il bald seinen Vater Kim Il-sung an der Machtspitze ablöst, wurde er zum Marschall befördert - in einer Gesellschaft, die immer noch in Kriegsgräben lebt, war das sozusagen ein Muss.

    Wer ist die Kim-Familie, die den Nordkoreanern jetzt den dritten Staatschef geschenkt hat? Sie ist eine Kriegerdynastie, deren Mitglieder immer um die Befreiung ihres Volkes kämpften - zunächst gegen die Japaner, dann gegen die „anderen“ Koreaner, auf deren Seite die USA standen.

    Krieger unterscheiden sich von „normalen“ Menschen durch ihre besonderen Werte: Sie verstehen einfach nicht, wie man sich des Lebens erfreuen kann, und nehmen ihr eigenes Leben nicht so wichtig. Dennoch haben sie ihre eigene Charme: Nicht umsonst wird der Revolutionskämpfer Che Guevara immer noch von Millionen Menschen bewundert.

    Außerdem sind sie Menschen, deren Kriegserfolge von ihren Zeitgenossen nicht infrage gestellt werden. Krieger können zudem nichts mit Demokratie anfangen: Befehle werden nun einmal nicht diskutiert. Noch mehr als das: Ihre Werte werden von der Gesellschaft bedingungslos akzeptiert.

     

    Er hat es versucht…

    Das war aber vor allem für Kim Sung-il typisch. Wie verhielt sich sein Sohn? Nicht vergessen werden darf, dass sich Kim Jong-il immer in einem grauen Kittel in der Öffentlichkeit sehen ließ. Diese Kleidung war Mitte des 20. Jahrhunderts in vielen von Kriegen und Revolutionen erfassten Ländern Mode. Der höchste Staatsposten in Nordkorea heißt übrigens der Vorsitzende des Verteidigungskomitees.

    Wie kann es sein, dass sich die nachwachsenen Generationen mit einem Land zufrieden geben, in dem offenbar die Zeit stehen geblieben ist?

    Was hinderte Kim Jong-il daran, etwas zu erreichen wie China oder Vietnam, die auch Revolutionen und Kriege erlebten? Denn dort wurde ab einem gewissen Zeitpunkt ein ziviler Lebensstil gepflegt, der zu Erfolgen des technischen Fortschritts führte– noch stärker als in Europa.

    Was den Charakter Kim Jong-ils angeht, so war er ganz anders als sein Vater. Er soll sogar sechs Opern geschrieben haben - das behaupten jedenfalls offizielle Quellen in Pjöngjang. Außerdem wusste er guten Wein, Zigarren, schöne Schauspielerinnen und das Internet zu schätzen. Außerdem war Kim Jong-il ständig auf dem Laufenden, was an den Grenzen seines Landes passierte.

    An Nordkorea grenzen immerhin Länder, die sich sehr dynamisch entwickeln. Südkorea, mit dessen früherer Regierung er sich mehrmals traf. China, das Kim Jong-il ziemlich häufig besuchte. Auch Russland, wo er noch im Sommer mit Zug unterwegs war. Natürlich wusste er alles über sein Land und auch, was Reformen sind. 

    Das Gleiche kann man auch über die gesamte Elite Nordkoreas sagen. Ich habe  Nordkorea mehrere Male bereist; just in einer Zeit, als Kim Jong-il fast als Reformer angesehen wurde. Ich muss sagen, dass ich in Pjöngjang mit ganz normalen Menschen sprach, die alles verstanden, was im Land vor sich ging.

    Kim Jong-il galt damals tatsächlich als Reformer. Die Reformen begannen langsam um die Jahrhundertwende und wurden von Russland und China befürwortet. Reformen wie Experimente mit Privatwirtschaft und Marktpreise waren zwar mit denen aus Chruschtschow-Zeiten vergleichbar, aber sie brachten auch gewisse Erfolge. Damals überlegten Südkoreaner, wie viel Zeit für die Reformen im Norden nötig ist und wie viel Geld abspringen könnte. 50 Jahre wurden berechnet, also zwei Generationen. Viele dachten an eine rosige Zukunft. Warum scheiterten die guten Absichten?

    Dafür gab es zwei wichtige Gründe: Erstens wurde in den 1990er Jahren die Hilfe aus der Sowjetunion eingestellt, weil es dieses Land nicht mehr gab. In Nordkorea brach eine Hungersnot aus. Reformen kamen nicht mehr infrage - die Staatsführung glaubte, dass nur die totale Mobilmachung das Land retten könnte.

    Zweitens zählte der US-Präsident George W. Bush im Jahr 2002 Nordkorea auf einmal zu der so genannten „Achse des Bösen“. Dem Regime in Pjöngjang wurde der geheime Bau von Atomwaffen vorgeworfen (das wurde übrigens immer noch nicht bewiesen). Den Vorwürfen folgte ein längjähriger diplomatischer Konflikt.

    Schließlich kehrte Nordkorea zu seinem alten Militarismus zurück. Eine eigene Atombombe wurde entwickelt. 2006 wurde sie erstmals getestet.

    Damit haben in Nordkorea wieder die Krieger das Sagen. Ausgerechnet mit ihnen muss sich der Sohn von Kim Jong-il jetzt auseinandersetzen.

     

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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