04:33 25 Juni 2018
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    Zu Vaclav Havels Tod: Europa fehlen neue Köpfe

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    Tschechien und ganz Europa verabschieden sich vom früheren Präsidenten Vaclav Havel. Der Schriftsteller und Politiker verkörperte nicht nur die neue demokratische Tschechoslowakei bzw. Tschechien, sondern den Intellektuellen an der Macht.

    Tschechien und ganz Europa verabschieden sich vom früheren Präsidenten Vaclav Havel. Der Schriftsteller und Politiker verkörperte nicht nur die neue demokratische Tschechoslowakei bzw. Tschechien, sondern den Intellektuellen an der Macht.

    Man muss sagen, dass so etwas ziemlich selten vorkommt. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa hatte das damalige Establishment keine Zukunft mehr. Plötzlich rückten die früheren Dissidenten an die Machtspitze, die damit eigentlich gar nicht gerechnet hatten - bis zu den späten 1980er Jahren konnte niemand erwarten, dass die Machtübergabe reibungslos verläuft.

    Die einzige Ausnahme war Polen, wo die Widerstandsbewegung Solidarnosc bereits 1980 entstanden war und ursprünglich eine unabhängige Gewerkschaft war. Das war möglicherweise einer der Gründe, warum der Machtwechsel in Polen leichter und schneller verlief. Obwohl der Fall der Berliner Mauer als Symbol des Scheiterns des Kommunismus gilt, hatte die Wende in Polen ein halbes Jahr früher stattgefunden. Die Macht übernahmen ausgerechnet die einstigen Solidarnosc-Führer - Elektriker Lech Walesa als Präsident und Wissenschaftler Tadeusz Mazowiecki als Premier.

    Auch in anderen Ländern hatten ab sofort die Intellektuellen das Sagen: der Schriftsteller und Übersetzer Arpad Göncz in Ungarn, der Philosoph Schelju Schelew in Bulgarien und der Schriftsteller Vaclav Havel in der Tschechoslowakei. Letzterer hielt sich am längsten an der Macht und war der bekannteste unter den neuen Gesichtern in der osteuropäischen Politik.

    Die ursprüngliche Funktion der Intellektuellen an der Machtspitze in den neuen demokratischen Staaten in Mittel- und Osteuropa war, ihre weitere liberale Entwicklung zu garantieren. Mit anderen Worten: Sie sollten verhindern, dass ihre Länder nach dem Scheitern der Kommunisten sich in Richtung Nationalpopulismus entwickeln. Denn überall blühten allerlei Ideologien auf, die bisher unterdrückt worden waren. Die politischen Traditionen Osteuropas vor der Festigung der sowjetischen Ordnung in den 1950er bzw. 1960er Jahren waren unterschiedlich und nicht gerade demokratisch.

    Natürlich waren die Intellektuellen nicht die einzige Stütze der neuen Ordnung in Osteuropa. Der Westen bot sofort seine Hilfe an, während Moskau damals als die Inkarnation des Teufels galt. Um ein für allemal Moskaus Einfluss loszuwerden, wollten sich die Osteuropäer schnellstmöglich dem Westen anschließen. Aber selbst unter solchen Voraussetzungen mussten sie einen langen und kurvigen Weg zu ihrem Ziel gehen.

    Vaclav Havel hatte keine großen Vollmachten - Tschechien ist eine Parlamentsrepublik. Aber dank seines großen Ansehens spielte er eine wichtige stabilisierende Rolle, scheute sich dabei nicht vor politischen Kämpfen. Über seine Eigenschaften als politischer Praktiker gibt es Kontroversen - in seiner Amtszeit passierten viele dramatische Ereignisse vom Zerfall der einheitlichen Tschechoslowakei bis zu den harten Wirtschaftsreformen und der Privatisierung. Aber in die Geschichte ist Havel als standfester Liberaler eingegangen, der alles für die Verteidigung der europäischen Werte in seiner Heimat und der ganzen Welt gab.

    Havel konnte den Erfolg seiner Ideen miterleben - den Zusammenbruch des Kommunismus, den UdSSR-Zerfall und Tschechiens EU- und Nato-Beitritt. Sein Abschied von der politischen Szene passierte in einer Zeit, in der die Erfolge des späten 20. Jahrhunderts infrage gestellt wurden. Die Integrationskrise Europas, die Erosion der europäischen Institutionen, das Durcheinander in der Nordatlantischen Allianz – die Bedingungen verändern sich. Das Gebilde, an das sich die Osteuropäer in den vergangenen 20 Jahren gewöhnt haben, fällt allmählich auseinander. In einigen Ländern erhalten die Rechtspopulisten großen Zulauf. Das Beispiel Ungarns, wo vieles in der Politik gegen die EU-Richtlinien verstößt, zeigt, dass die Gefahren der Übergangszeit immer noch sehr akut sind.

    Im Unterschied zu den frühen 1990ern gibt es heutzutage aber keine angesehenen Politiker, die ihre Länder zu demokratischen und liberalen Idealen führen könnten. Zumal das gesamteuropäische Projekt offenbar in eine Sackgasse geraten ist. Damit es weiter umgesetzt werden kann, sind politischer Wille und Entscheidungen erforderlich, die aber den meisten Bürgern nicht gefallen würden. Sollten diese Entscheidungen ohne Rücksicht auf die öffentliche Meinung getroffen werden, dann wäre das undemokratisch und damit illegitim.

    In den späten 1980er bzw. frühen 1990er Jahren gab es trotz vieler Schwierigkeiten beim Übergang vom Kommunismus zur neuen Weltordnung ein klares Koordinatensystem, auf das Vaclav Havel verwies. Heutzutage ist die Situation viel schwieriger. Angesichts fast verschwundener ideologischer Grenzen und des moralischen Relativismus stellt sich die Frage, ob in Europa überhaupt neue moralische Führungspersonen entstehen können. Wo könnten sie herkommen? Die moralische Legitimierung Havels stützte sich auf seinen Ruf als überzeugter Anti-Kommunist, der für seine Ansichten verfolgt worden war.

    Die moralische Autorität entsteht üblicherweise aus der Widerstandsbewegung. Wenn das aber so ist, dann besteht wohl die Gefahr, dass eine neue Führungskraft in Europa auf einer Protestwelle gegen die aktuelle Ordnung entstehen könnte, die sich überholt hat und erneuert werden sollte. Es könnte aber sein, dass die neuen Führer die Ideale negieren werden, um die Vaclav Havel kämpfte - das einheitliche und liberale Europa. Ob das ein Intellektueller wie Havel oder eine charismatische Person aus dem Volk wie Walesa wäre, ist unklar: Derzeit haben in Europa die Beamten das Sagen. Eines ist aber klar: Ein solcher Politiker müsste sich auf einen noch härteren Konflikt als am Ende der sozialistischen Epoche gefasst machen. Denn das damalige osteuropäische System hatte sich schon vor längerer Zeit diskreditiert, während das jetzige immer noch als Vorbild gilt, obwohl die größer werdende Krise vom Gegenteil zeugt.

    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs"

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.Tschechien und ganz Europa verabschieden sich vom früheren Präsidenten Vaclav Havel. Der Schriftsteller und Politiker verkörperte nicht nur die neue demokratische Tschechoslowakei bzw. Tschechien, sondern den Intellektuellen an der Macht.

    Man muss sagen, dass so etwas ziemlich selten vorkommt. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa hatte das damalige Establishment keine Zukunft mehr. Plötzlich rückten die früheren Dissidenten an die Machtspitze, die damit eigentlich gar nicht gerechnet hatten - bis zu den späten 1980er Jahren konnte niemand erwarten, dass die Machtübergabe reibungslos verläuft.

    Die einzige Ausnahme war Polen, wo die Widerstandsbewegung Solidarnosc bereits 1980 entstanden war und ursprünglich eine unabhängige Gewerkschaft war. Das war möglicherweise einer der Gründe, warum der Machtwechsel in Polen leichter und schneller verlief. Obwohl der Fall der Berliner Mauer als Symbol des Scheiterns des Kommunismus gilt, hatte die Wende in Polen ein halbes Jahr früher stattgefunden. Die Macht übernahmen ausgerechnet die einstigen Solidarnosc-Führer - Elektriker Lech Walesa als Präsident und Wissenschaftler Tadeusz Mazowiecki als Premier.

    Auch in anderen Ländern hatten ab sofort die Intellektuellen das Sagen: der Schriftsteller und Übersetzer Arpad Göncz in Ungarn, der Philosoph Schelju Schelew in Bulgarien und der Schriftsteller Vaclav Havel in der Tschechoslowakei. Letzterer hielt sich am längsten an der Macht und war der bekannteste unter den neuen Gesichtern in der osteuropäischen Politik.

    Die ursprüngliche Funktion der Intellektuellen an der Machtspitze in den neuen demokratischen Staaten in Mittel- und Osteuropa war, ihre weitere liberale Entwicklung zu garantieren. Mit anderen Worten: Sie sollten verhindern, dass ihre Länder nach dem Scheitern der Kommunisten sich in Richtung Nationalpopulismus entwickeln. Denn überall blühten allerlei Ideologien auf, die bisher unterdrückt worden waren. Die politischen Traditionen Osteuropas vor der Festigung der sowjetischen Ordnung in den 1950er bzw. 1960er Jahren waren unterschiedlich und nicht gerade demokratisch.

    Natürlich waren die Intellektuellen nicht die einzige Stütze der neuen Ordnung in Osteuropa. Der Westen bot sofort seine Hilfe an, während Moskau damals als die Inkarnation des Teufels galt. Um ein für allemal Moskaus Einfluss loszuwerden, wollten sich die Osteuropäer schnellstmöglich dem Westen anschließen. Aber selbst unter solchen Voraussetzungen mussten sie einen langen und kurvigen Weg zu ihrem Ziel gehen.

    Vaclav Havel hatte keine großen Vollmachten - Tschechien ist eine Parlamentsrepublik. Aber dank seines großen Ansehens spielte er eine wichtige stabilisierende Rolle, scheute sich dabei nicht vor politischen Kämpfen. Über seine Eigenschaften als politischer Praktiker gibt es Kontroversen - in seiner Amtszeit passierten viele dramatische Ereignisse vom Zerfall der einheitlichen Tschechoslowakei bis zu den harten Wirtschaftsreformen und der Privatisierung. Aber in die Geschichte ist Havel als standfester Liberaler eingegangen, der alles für die Verteidigung der europäischen Werte in seiner Heimat und der ganzen Welt gab.

    Havel konnte den Erfolg seiner Ideen miterleben - den Zusammenbruch des Kommunismus, den UdSSR-Zerfall und Tschechiens EU- und Nato-Beitritt. Sein Abschied von der politischen Szene passierte in einer Zeit, in der die Erfolge des späten 20. Jahrhunderts infrage gestellt wurden. Die Integrationskrise Europas, die Erosion der europäischen Institutionen, das Durcheinander in der Nordatlantischen Allianz – die Bedingungen verändern sich. Das Gebilde, an das sich die Osteuropäer in den vergangenen 20 Jahren gewöhnt haben, fällt allmählich auseinander. In einigen Ländern erhalten die Rechtspopulisten großen Zulauf. Das Beispiel Ungarns, wo vieles in der Politik gegen die EU-Richtlinien verstößt, zeigt, dass die Gefahren der Übergangszeit immer noch sehr akut sind.

    Im Unterschied zu den frühen 1990ern gibt es heutzutage aber keine angesehenen Politiker, die ihre Länder zu demokratischen und liberalen Idealen führen könnten. Zumal das gesamteuropäische Projekt offenbar in eine Sackgasse geraten ist. Damit es weiter umgesetzt werden kann, sind politischer Wille und Entscheidungen erforderlich, die aber den meisten Bürgern nicht gefallen würden. Sollten diese Entscheidungen ohne Rücksicht auf die öffentliche Meinung getroffen werden, dann wäre das undemokratisch und damit illegitim.

    In den späten 1980er bzw. frühen 1990er Jahren gab es trotz vieler Schwierigkeiten beim Übergang vom Kommunismus zur neuen Weltordnung ein klares Koordinatensystem, auf das Vaclav Havel verwies. Heutzutage ist die Situation viel schwieriger. Angesichts fast verschwundener ideologischer Grenzen und des moralischen Relativismus stellt sich die Frage, ob in Europa überhaupt neue moralische Führungspersonen entstehen können. Wo könnten sie herkommen? Die moralische Legitimierung Havels stützte sich auf seinen Ruf als überzeugter Anti-Kommunist, der für seine Ansichten verfolgt worden war.

    Die moralische Autorität entsteht üblicherweise aus der Widerstandsbewegung. Wenn das aber so ist, dann besteht wohl die Gefahr, dass eine neue Führungskraft in Europa auf einer Protestwelle gegen die aktuelle Ordnung entstehen könnte, die sich überholt hat und erneuert werden sollte. Es könnte aber sein, dass die neuen Führer die Ideale negieren werden, um die Vaclav Havel kämpfte - das einheitliche und liberale Europa. Ob das ein Intellektueller wie Havel oder eine charismatische Person aus dem Volk wie Walesa wäre, ist unklar: Derzeit haben in Europa die Beamten das Sagen. Eines ist aber klar: Ein solcher Politiker müsste sich auf einen noch härteren Konflikt als am Ende der sozialistischen Epoche gefasst machen. Denn das damalige osteuropäische System hatte sich schon vor längerer Zeit diskreditiert, während das jetzige immer noch als Vorbild gilt, obwohl die größer werdende Krise vom Gegenteil zeugt.

    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs"

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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