15:27 17 Februar 2019
SNA Radio
    Meinungen

    Irans Atomprogramm: Nervenkrieg geht weiter

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    Atomstreit mit Iran (1447)
    0 10

    Die Überschrift ist kennzeichnend für das zurückliegende Jahr und könnte auch das neue Jahr prägen: Das Thema Iran steht immerhin seit mehreren Wochen im Vordergrund

    In der jüngsten Ausgabe der US-Zeitschrift „Foreign Affairs“ fängt der Artikel mit der Überschrift „Time to Attack Iran: Why a Strike Is the Least Bad Option“ („Höchste Zeit für einen Angriff auf Iran: Warum ein Angriff das geringste Übel wäre“).

    Die Überschrift ist kennzeichnend für das zurückliegende Jahr und könnte auch das neue Jahr prägen: Das Thema Iran steht immerhin seit mehreren Wochen im Vordergrund. Der Westen überlegt sich  neue Sanktionen gegen die Islamische Republik. Teheran drohte seinerseits mit der Blockade der Straße von Hormus, durch die der Ölexport aus der Golfregion erfolgt. Washingtons Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Falls die Iraner den Seeweg sperren, müssen sie sich auf eine Militäraktion der Amerikaner gefasst machen. Der freie Schiffsverkehr ist eine der Stützen der Dominanz der Amerikaner, die sie mit allen Mitteln verteidigen.

    Washington und Teheran führen einen psychologischen Krieg, bei dem jede Seite ihre Bereitschaft zeigt, alles für den Sieg zu geben – allerdings in der Hoffnung, dass es doch nicht zum Krieg kommt.

    Warum kam es ausgerechnet jetzt zu Spannungen? Hat Iran große Fortschritte bei der Umsetzung seines Atomprogramms gemacht? Wohl kaum. Teheran kündigte provokativ die Inbetriebnahme einer neuen Urananreicherungsanlage an. Aber sogar der US-Verteidigungsminister Leon Panetta räumte ein, dass die Entwicklung von Atomwaffen in Iran bislang nicht bewerstelligt werden könnte. Nach der vorjährigen Intervention in Libyen wollen die Amerikaner offenbar wieder keine erneute Militäraktion. Ein Beweis dafür ist die Äußerung des Pentagon-Chefs, der  Wirtschaftssanktionen gegen Teheran forderte.

    Die Eskalation hängt damit zusammen, dass sich erstmals in der jahrelangen Debatte um Irans Ansprüche als Atommacht zwei Aspekte verflechtet haben: der globale (Nichtverbreitung von Atomwaffen) und der regionale (die Konflikte zwischen Sunniten in den meisten Golfstaaten und Schiiten in Iran, die sich nach dem arabischen Frühling  im Vorjahr zugespitzt haben).

    Die USA befassen sich vor allem mit globalen Fragen. Sollte der Iran seine eigenen Atomwaffen bauen, wäre das schädlich für das internationale Image Washingtons. Für Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate usw. geht es vor allem um die regionale Dominanz. Nach dem Machtsturz Saddam Husseins im Irak hatte Iran an Bedeutung gewonnen. Der arabische Frühling war eine Art Revanche dafür: Der syrische Präsident  Baschar al-Assad, bekanntlich der wichtigste Verbündete Teherans in der Region, steht auf der Kippe. Sollte er seine Macht verlieren, wäre das eine Wende des regionalen Kräfteverhältnisses.

    Für die Amerikaner ist die aktuelle Situation ambivalent: Einerseits ist eine Art „Koalition der Freiwilligen“ aus den arabischen Monarchien, Israel und den USA entstanden, wie der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu sagen pflegte. Und zwar aus verschiedenen Gründen, aber alle sind daran interessiert, dass die Iran-Frage endlich vom Tisch geräumt wird. Andererseits riskiert Washington, sich in ein ohnehin kompliziertes Spiel mit dem Iran verwickeln zu lassen, das von den ölreichen Monarchien geprägt wird. Nicht zu vergessen werden darf auch, dass US-Präsident Barack Obama erst kürzlich das Ende des „kriegerischen Jahrzehnts“ verkündet hat. Ein neuer Militäreinsatz wäre deshalb eher unangebracht.

    Wie verhält sich Russland in dieser Situation? Moskau lehnt wie immer zu harten Druck auf souveräne Staaten geschweige denn Kriegshandlungen ab. (Nur einmal verletzte es dieses Prinzip  – bei der Abstimmung über die Libyen-Resolution im UN-Sicherheitsrat im März 2011.) Zumal der Vorwand und die wahren Ziele der Militärkampagnen oft unterschiedlich sind, was die Einsätze im Irak und Libyen beweisen.

    Wenn man den Stil der iranischen Diplomatie bedenkt, könnte man vermuten, dass der jetzigen Entschlossenheit ein neuer „friedlicher Angriff“ mit gewissen Angeboten an die Weltgemeinschaft folgen sollte. Dabei sollten sie vor allem an Moskau und Peking gerichtet werden – so etwas ist schon häufig passiert. Man sollte aber nicht denken, dass Russland um jeden Preis Iran beschützen würde. Zeichenhaft war die gereizte Reaktion des russischen Außenministeriums auf die Inbetriebnahme des neuen Urananreicherungswerkes: Die Meinung der Weltgemeinschaft sollte nun einmal nicht so arrogant ignoriert werden.

    Wenn man sich von ideologischen Aspekten wie auch von eigenen Sympathien und Antipathien absieht, dann kann festgestellt werden, dass Russland von einer Militäraktion gegen Iran profitieren könnte. Denn sie würde vor allem die Entwicklung der iranischen Atomwaffen bremsen. Genau wie alle anderen Staaten will Russland nicht, dass der Iran zur Atommacht aufsteigt. Außerdem würde ein Konflikt um den Iran die Ölpreise hochtreiben, was ebenfalls günstig für Moskau wäre, obwohl nur kurzfristig. Und schließlich hätten die USA weniger Möglichkeiten für ihre Aktivitäten im postsowjetischen Raum, wenn sie sich mit Teheran anlegen würden. Besonders wenn man bedenkt, dass die Amerikaner immer von Russland abhängen, wenn sie auf Probleme in Zentralasien stoßen. Die Situation um Afghanistan ist Beweis genug. Im Falle eines Angriffes auf den Iran würde dasselbe passieren.

    Aber vorerst scheinen Washington und Teheran zu begreifen, dass es eine rote Linie gibt, die nicht überschritten werden darf. Da aber in der ganzen Welt vieles unklar ist, kann die weitere Entwicklung der Situation kaum vorhergesagt werden.

    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs"

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

     

    Arabischer Frühling als Abbild der Welt

    Russland-USA: Schaden minimieren

    Zu Vaclav Havels Tod: Europa fehlen neue Köpfe

    Russland-EU-Gipfel: Klar ist, dass nichts klar ist

    Destruktive Sehnsucht nach Sowjetzeiten

    Raketenabwehr: Fixe Idee des Kremls

    Südossetien-Krieg als Wendepunkt

    Russland und Europa: Gute Freunde und Interessen

    Nord Stream und Asien-Politik

    Russland: WTO-Beitritt markiert Ende der Postsowjet-Ära

    Libyen nach Gaddafi: Fragen ohne Ende

    Ukraine: Wie Unglaubliches wahr wird

    Kiew setzt alles auf ein Spiel ohne Regeln

    Östliche Partnerschaft: Alibi-Annäherung der EU

    Machtwechsel im Kreml: Putin 3.0

    Sehnsucht nach der Sowjetunion: Schluss mit dem Minderwertigkeitskomplex!

    EU: Schicksalsgemeinschaft wider Willen

    Russland und USA: Vertane Chance nach 9/11

    China: Das Schweigen des erwachenden Riesen

    Russland schlägt neues Korea-Modell vor

    Vor 20 Jahren: UdSSR-Zerfall bringt USA aus dem Gleichgewicht

    Ukraine: Timoschenko-Prozess bringt Janukowitsch in Bedrängnis

    Drei Jahre nach Kaukasus-Krieg: Russland verharrt in Lethargie

    Massaker in Norwegen: Bedrohliche Vorboten

    Westen: Gefährlich verantwortungslos

    Armenien-Aserbaidschan: Trügerische Ruhe im Südkaukasus?

    Hochsaison für Verschwörungstheorien

    Russlands Außenpolitik: Auf Ausgleich bedacht

    Vor 20 Jahren: Erster Akt im Balkan-Drama

    Shanghai-Organisation: Suche nach Gleichgewicht

    Raketenabwehr: Russland und USA finden keinen Nenner

    Russlands Rolle in der Weltpolitik: Zeit zum Nachdenken

    Völkermord-Vorwurf: Georgien provoziert Russland

    Strauss-Kahn-Affäre bringt Europa in die Bredouille

    Pakistan und der Teufelskreis

    Osama Bin Laden: Blutige Episode für neue Weltordnung

    Arabischer Frühling: Ernüchterung nach der Euphorie

    BRICS-Gipfel: Schwellenländer wollen mehr Einfluss

    Post-Sowjet-Ära neigt sich dem Ende zu

    Das Problem des deutschen Pazifismus

    Libyen-Konflikt entzweit Russlands Machttandem

    Libyen-Krise: Demaskierung der EU-Außenpolitik

    Biden in Moskau: Weiterer Schritt der Annäherung?

    Ukraine: Janukowitsch muss endlich Farbe bekennen

    Zwischen Libyen und Singapur

    Russland kann EU aus dem Schattendasein holen

    Kurilen-Inseln: Russland und Japan im Dauerclinch

    Revolutionswelle in Nordafrika: Europa schaut nur zu

    Tief verwurzelter Terror

    Demokratie im Orient und Okzident

    Lukaschenko – Intrigenschmied aus Minsk

    Politik und Wirtschaft im Clinch

    Geometrie im Wandel

    Turbulentes Jahr im postsowjetischen Raum

    Wozu braucht Russland die Nato?

    Lukaschenko: Polit-Pionier aus der Kolchose

    Lieber über das Wetter reden

    Unverheilte Wunden: Vergangenheit holt Asien ein

    Russland und USA drehen sich im Kreis

    Russland und Japan bleibt nur die Statistenrolle in Asien

    Russland: Déjà-vu in Afghanistan?

    Trotz Risiken: Russlands Zukunft liegt in Asien

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    Atomstreit mit Iran (1447)