04:31 22 September 2017
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    Ölgewinnung (Symbolbild)

    Sorge um Russlands Wirtschaft: Öl kein Allheilmittel mehr

    © RIA Novosti. Alexander Gushin
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    Russland könnte von der Eskalation im Nahen Osten profitieren, weil die Ölpreise dadurch stark anziehen könnten.

    IWF-Experten sind der Ansicht, dass die russischen Behörden dank der günstigen internationalen Konjunktur die heimische Wirtschaft stärken und reformieren können. Dennoch sind sie sich einig, dass dieser geopolitische Effekt ziemlich kurzfristig sein könnte, zumal sich das russische Wirtschaftswachstum trotz der hohen Ölpreise verlangsamt: Selbst teureres Öl allein kann die Wirtschaftsstabilität nicht garantieren.

    Hilfe aus dem Iran

    „Dank den hohen Ölpreisen eröffnet sich für Russland ein „Fenster von Möglichkeiten“ für Maßnahmen zur Festigung und Verteidigung seiner Wirtschaft“, sagte der Leiter der ständigen IWF-Vertretung in Russland, Odd Per Brekk, am vergangenen Donnerstag auf einer Pressekonferenz bei RIA Novosti. Um diese Chance zu nutzen, müssten die russischen Behörden ein Reformpaket  für die Wirtschaft beschließen: Die Inflationsrate zwischen drei und fünf Prozent halten, die Haushaltsausgaben reduzieren, den heimischen Finanzsektor sanieren und ein günstiges Investitionsklima schaffen, um die Wirtschaft unabhängiger vom Rohstoffexport zu machen. Die russische Führung spricht seit Jahren von einem radikalen Umbau der Wirtschaft, die mit den Einnahmen aus den Öl- und Gasexport finanziert werden soll.

    Die Konjunktur auf den Außenmärkten könnte sich als Vorteil für Russland erweisen: Laut Experten könnte die Einstellung der iranischen Öllieferungen nach Europa als Reaktion auf die US- und EU-Sanktionen einen Preisanstieg von 20 bis 30 Prozent verursachen. Falls Teheran sich dazu entschließen sollte, die Ölhandelsroute über die Straße von Hormus zu blockieren, könnten die Preise noch rasanter nach oben schnellen.

    Russische Experten zeigen sich jedoch eher skeptisch in Bezug auf den Umbau der heimischen Wirtschaft.

    Erstens wird bereits seit den frühen 2000er Jahren vergeblich nach neuen Möglichkeiten für den Umbau der Wirtschaft gesucht, allerdings fehlt es an den notwendigen Reformen.

    Zweitens wird es konjunkturelle Schwankungen geben. Der Ölpreis hänge von vielen Faktoren ab, stellte Vitali Buschujew, der Generaldirektor des Instituts für energetischen Strategien, fest. Es gehe dabei um den Ölbedarf der Weltwirtschaft, den Zustand des Finanzmarktes und die geopolitische Situation. Derzeit sprechen zwei von diesen drei Faktoren (Konditionen der Weltwirtschaft und des Finanzwesens) für einen Rückgang der Ölpreise, warnte der Experte.

    „Die Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums basiert auf die zurückgehende Nachfrage nach Energieträgern“, betonte FBK-Chefanalyst Igor Nikolajew. Zugleich verwies er auf die korrigierte IWF-Prognose, der zufolge die Weltwirtschaft dieses Jahr um 3,3 Prozent (gegenüber 3,8 Prozent 2011) wachsen wird.

    In Bezug auf den Finanzsektor gehen die Meinungen der Experten auseinander. Buschujew ist überzeugt, dass die Börsenhändler keine freien Mittel haben, um die Ölfutures nach oben zu treiben. Dieser Auffassung ist auch Boris Kagarlizki vom Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen: „Falls der aktuelle Wert konstant bleibt, dann werden die Ölpreise bei höchstens 80 Dollar liegen.“

    Vitali Krjukow (IFD Kapital) glaubt dagegen an einen Preisanstieg wegen der zusätzlichen Geldemissionen, die zur Unterstützung der europäischen Wirtschaft erforderlich seien. Letztendlich werde auch das Öl teurer, findet er.

    Es bestehe aber die Gefahr, dass die Ölpreise wegen der Entwertung des Geldes ansteigen werden. „Ein Barrel könnte 200 oder 300 Dollar kosten. Dann wäre aber der Dollar so viel wert wie einen Bonbonpapier“, so Experte Kagarlizki.

    Öl nicht mehr der Rettungsanker für Russlands Wirschaft?

    Der einzige für den Ölpreisanstieg positive Faktor ist die geopolitische Lage in der Welt. „Wenn es die bekannten Ereignisse in Libyen und die jüngste Eskalation um den Iran nicht gegeben hätte, dann wären die Ölpreise völlig anders“, sagte Igor Nikolajew.

    Neben Libyen und dem Iran treibt auch die Situation im Irak die Ölpreise nach oben. „Die US-Truppen haben den Irak verlassen, doch die dortige Situation ist weiter labil. Viele Unternehmen, die einst in den Irak gekommen sind, wollen aus ihren Projekten aussteigen“, erläuterte Vitali Krjukow.

    Doch die Bedeutung der Geopolitik für die Ölpreise sollte nicht überschätzt werden. IWF-Experten, die vom 30-prozentigen Preisanstieg wegen der Sanktionen gegen den Iran sprechen, warnen, dass er allmählich durch Öllieferungen von anderen Märkten ausgeglichen wird.

    Russische Experte halten einen zehn- bzw. 15-prozentigen Preisanstieg für möglich. „Als die Europäer für den Öl-Boykott gegen den Iran stimmten, haben sie bereits an neue Ölquellen gedacht“, so Experte Buschujew. „Einen Teil davon könnte Saudi-Arabien liefern, das über gewisse Reserven verfügt. Demnächst fließt auch wieder Öl aus Libyen. Auch in anderen Regionen Afrikas gibt es Ölvorkommen. Dadurch könnten bis zu 1,5 Millionen Barrel täglich ausgeglichen werden, die Italien und Griechenland derzeit aus dem Iran erhalten.“ Was die mögliche Blockade der Straße von Hormus angehe, so habe der Markt sich bereits darauf eingestellt, ergänzte Buschujew.

    Deshalb ist ein starker Anstieg der Ölpreise kaum zu erwarten. Aber auch dann werden sie akzeptabel für die Abnehmer sein, damit sich die russische Wirtschaft mittelfristig stabilisiert.

    Laut den Experten hängt das Fehlen von Wirtschaftsreformen nicht mit dem  Mangel an Geld, sondern am politische Willen der russischen Regierung zusammen. „Russland hatte schon seit zehn Jahren Chancen dafür, denn der Ölpreis ist seitdem konstant hoch“, so Vitali Krjukow. „Alles kommt auf den politischen Willen an. Es ist doch offensichtlich, dass uns die enorme Ölabhängigkeit irgendwann in den Abgrund treiben kann.“

    Aber auch trotz des Mangels an Reformen wird die russische Wirtschaft voraussichtlich wachsen, auch wenn nicht so intensiv wie zuvor erwartet: Der IWF  rechnet mit 3,3 Prozent in diesem Jahr.

    Igor Nikolajew verwies jedoch auf die beunruhigende Tatsache, dass Russlands Wirtschaftswachstum trotz der hohen Ölpreise von Jahr zu Jahr geringer wird. „Bei Ölpreisen von 70 bis 75 Dollar pro Barrel lag das Wirtschaftswachstum bei sieben bzw. acht Prozent. Jetzt sind die Preise deutlich höher, aber das Wachstumstempo verliert an Intensität.“

    Zugleich erinnerte der Experte daran, dass die Behörden vor einem Jahr von einem BIP-Zuwachs von vier Prozent bei einem Ölpreis von 75 Dollar gesprochen hatten. Das sei aber erst bei einem Preis von 109 Dollar eingetreten. Die Gründe dafür seien die großen sozialen Verpflichtungen des Staates, der enorme Anstieg der Militärausgaben und Großprojekte wie Winterolympia 2014, die Fußball-WM 2018 usw..

    Darüber hinaus mangele es in vielen Bereichen, darunter im Brennstoff-Energie-Komplex, an einer eiffizienten staatlichen Verwaltung, ergänzte Boris Kagarlizki.

    „Teures Öl reicht nicht mehr aus. Wir stehen am Rande einer Situation, in der uns eine relativ ruhige Entwicklung nicht garantiert ist“, resümierte Igor Nikolajew.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.