12:46 20 November 2018
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    Russlands Marine kippt U-Boot-Projekt

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    Die russische Flotte verzichtet auf den Bau der U-Boote Lada. Das teilte der Befehlshaber der Marine, Wladimir Wyssozki, in einem Exklusivinterview für RIA Novosti mit.

    Die russische Flotte verzichtet auf den Bau der U-Boote Lada. Das teilte der Befehlshaber der Marine, Wladimir Wyssozki, in einem Exklusivinterview für RIA Novosti mit.

    Damit neigt sich die langjährige Geschichte um die Entwicklung eines nicht-atomgetriebenen U-Boots für die Küstengewässer ihrem Ende zu: Statt dieses U-Boots kauft die Flotte andere Typen, die bis zuletzt nur für ausländische Kunden gebaut wurden.

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    Es handelt sich um das Projekt 677 Lada, eine verbesserte Modifikation des Diesel-Elektro-U-Boots 877 Paltus. Das erste 677-U-Boot („St. Petersburg“) wurde zwar 2010 gebaut, aber bis dato nicht in Dienst gestellt. Die Reaktion der Militärs zeigt, dass es triftige Gründe dafür gibt.

    Admiral Wyssozki sagte, dass bei den Tests der „St. Petersburg“ etliche Mängel aufgedeckt worden seien. Davon ist am meisten das Haupttriebwerk betroffen. „In dem aktuellen Zustand ist die Lada nutzlos für die russischen Seestreitkräfte“, stellte er fest.

    Dass die Marine das Projekt 677 zu den Akten legt, hatten die russischen Medien bereits Ende des vergangenen Jahres berichtet. Auch die Militärs machten kein Hehl daraus. Wyssozki zufolge lässt der technische Zustand des neuen Modells zu wünschen übrig.

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    Der Bau der „St. Petersburg“ verlief schleppend und mühselig. Die Bauarbeiten  begannen 1997. Der Stapellauf erfolgte erst 2004, aber die Übergabe an die Marine musste immer wieder verschoben werden. Den Verantwortlichen der Marinen riss langsam der  Geduldsfaden.  

    Ursprünglich sollte die „St. Petersburg“ das erste nicht-atombetriebene U-Boot der russischen Seestreitkräfte werden. Als solche werden in Russland U-Boote mit kombinierten luftunabhängigen Betrieb mit Kraftwerken bezeichnet, damit sie von den klassischen Diesel-Elektro-U-Booten unterschieden werden können, die Luft für die Dieselmotoren brauchen und unter Wasser von Batterien angetrieben werden.

    Letztendlich konnte eine solche Anlage nicht rechtzeitig entwickelt werden. Aus der „St. Petersburg“ wurde eine Art Testgerät für Neuentwicklungen (Quellen zufolge erreicht der Anteil moderner Technik an Bord des U-Boots 70 Prozent). Sie wird ständig von neuen „Kinderkrankheiten“ geplagt.

    Jahrelang blieben etliche Probleme um die Kraftwerksanlage ungelöst, die ihre angekündigte maximale Effizienz nie erreichen konnte und auch nie absolut zuverlässig war. Auch die Ergonomie an Bord ist alles andere als gut.

    Viele Probleme sind auch mit dem Sonar verbunden, weil diese Anlage von einem neuen Auftragnehmer entwickelt bzw. gebaut wurde. Laut neuesten Informationen wurde ihre Zuverlässigkeit letztendlich deutlich gesteigert.

    Im Frühjahr 2010 fand endlich der Stapellauf der „St. Petersburg“ statt, aber die Marine akzeptierte nur einen Testbetrieb. Die bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, dass die vollständige Inbetriebnahme erst später möglich wäre, aber auch dafür es keine
    Garantie gibt. Die Militärs scheinen allerdings die Geduld verloren zu haben und halten die „St. Petersburg“ eher für ein Test-, aber nicht ein Kriegsschiff.

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    Admiral Wyssozki zufolge wird ein U-Boot des Projekts 677 wahrscheinlich doch mit einem luftunabhängigen Betrieb gebaut. Er präzisierte allerdings nicht, um welche Konstruktion des Kraftwerkes es sich dabei handelt, aber es gibt indirekte Hinweise auf ein Interesse an deutschen Technologien mit elektrochemischen Generatoren, mit denen die deutschen U-Boote des Projekts 212 ausgerüstet sind.

    Viel bessere Chancen scheint aber eine andere Technologie zu haben, und zwar jene auf Basis des so genannten Stirlingmotors. Nach diesem Prinzip wurden beispielsweise die U-Boote Gotland (Schweden) und Soryu (Japan) gebaut. Diese Technologien erweckten großes Interesse der deutschen Schiffbauer. Ähnliche U-Boote werden derzeit in China gebaut.

    Ob die von den führenden Ländern abgelehnte Technologie nützlich für Russland wäre, ist fraglich. Andererseits hat die russische Marine nicht einmal solch eine Technik, sondern nur die „guten alten“ Diesel-U-Boote.

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    Angesichts der zahlreichen Probleme müssen die Militärs zu den Methoden greifen, die im Kriegsschiffbau und vielen anderen Bereichen längst erprobt worden sind. Es geht um eine leichte Modernisierung der für ausländische Auftraggeber entwickelten Rüstungen.

    Die russische Marine hatte bereits Fregatten des Typs 1135.7 bestellt, die im Grunde eine Version des im Auftrag Indiens entwickelten Modells 135.6 (Talwar) ist. Dasselbe galt auch für den Mehrzweck-Kampfjets Su-30M2 (auf der Basis der Su-30MK2) und die Su-30SM (auf der Basis des Exportmodells Su-30MKI).

    Auch in vielen anderen Fällen wurde die Technik für den Bedarf der russischen Streitkräfte dank der Exportaufträge verbessert. So stehen den Luftabwehrkräften inzwischen die Flugabwehrraketen des Typs Panzyr-S1 mit geringer Reichweite zur Verfügung, die ursprünglich für die Vereinigten Arabischen Emirate entwickelt worden war. Alle S300P-Abwehrraketen wurden laut dem russischen Verteidigungsministerium anhand des Exportprojekts S-300PMU-2 modernisiert.

    Auch beim U-Boot-Bau werden die Militärs offenbar denselben Weg gehen: Als Basis gilt das Modell 636 (modernisiertes Projekt 877 Paltus). In den frühen 1990er Jahren hatten China, Algerien und Vietnam die 636er U-Boote gekauft - als eine Art „Anhang“ an das Modell 877E/EKM, das auch für China, Indien, Polen, Rumänien und den Iran bestimmt gewesen war.

    2010 und 2011 hatten die russischen Seestreitkräfte mehrere U-Boote des neu aufgelegten Projekts 636.3 bestellt. Drei von ihnen sollen 2014, ein weiteres 2015 und weitere zwei 2016 fertig gestellt werden. Bis 2020 rechnet die Flotte mit acht bis neun neuen Diesel-U-Booten.

    Ob diese Technologien selbst in fünf Jahren noch gewünscht sind, ist eine andere Frage. Tatsache ist aber, dass die Seestreitkräfte schnellstens eine große Lücke in ihrem Schiffsbestand schließen müssen. Etwas Besseres als die auf dem Weltmarkt erfolgreichen Projekte 877 und 636 (Nato-Bezeichnung: Kilo-class) haben die russische Schiffbauer nicht. Offenbar müssen sie etwas komplett Neues erfinden.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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