10:21 16 Oktober 2018
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    Europa zwischen Ölembargo gegen Iran und Rezession

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    Experten zufolge würden die Europäer mehrere Wochen brauchen, um den Engpass im Falle eines Öllieferstopps des Iran auszugleichen.

    Experten zufolge würden die Europäer mehrere Wochen brauchen, um den Engpass im Falle eines Öllieferstopps des Iran auszugleichen.

    Für Großbritannien und Frankreich, die seit dem 19. Februar iranisches Öl nicht mehr erhalten, ist das halb so schlimm. Für das finanziell schwer gebeutelte  Griechenland würde der Lieferstopp das endgültige Aus bedeuten. Das Land müsste sich insolvent erklären, warnen Experten.

    Am vergangenen Sonntag hat Teheran seine Öllieferungen an britische und französische Versorger eingestellt. Bereits am 15. Februar hatten die Iraner eine Antwort auf die EU-Sanktionen angekündigt. Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und die Niederlande müssen damit rechnen, dass bald kein iranisches Öl mehr fließt. Der für Westeuropa Zuständige im iranischen Außenministerium, Hassan Tajik, unterstrich bei einem Treffen mit den Botschaftern der oben genannten Länder, dass dies „aus humanitären Gründen wegen der Kälte in Europa noch nicht getan wurde.“

    Die vollständige Einstellung der Öllieferungen wäre Irans Antwort auf das am 23. Januar von der EU beschlossene Öl-Embargo, das am 1. Juli in Kraft tritt.

    Etwa 68 Prozent des iranischen Ölexports nach Europa entfallen auf Griechenland, Italien und Spanien. Ausgerechnet diese Länder plagen derzeit massive Finanzprobleme. Griechenland bezieht sogar 35 Prozent des gesamten gelieferten Öls nach Europa.

    Im vergangenen Jahr kauften die EU-Länder durchschnittlich 600 000 Barrel iranisches Öl pro Tag.

     

    Saudi-Arabien - die einzige Hoffnung

    Falls Teheran seiner Drohung demnächst Taten folgen lässt, dann müssen die Europäer auf die Schnelle nach neuen Öllieferanten suchen. Das ist dringend angebracht angesichts der sibirischen Kälte in Europa.

    „Die Europäer haben gewisse Brennstoffreserven, mit denen das iranische Öldefizit kurzfristig gedeckt werden kann“, so der Analyst Vitali Krjukow vom Investmenthaus Kapital. „Das würde aber nicht gelöst, sie müssten nach neuen Ölquellen suchen.“

    Zumal die Brennstoffreserven in Europa ungleichmäßig verteilt seien und deshalb noch einmal über den Kontinent gepumpt werden müssten, warnte der Direktor der Stiftung für nationale Energiesicherheit, Konstantin Simonow. Es könnten logistische  Probleme entstehen.

    Derzeit verhandeln die Europäer mit Saudi-Arabien, das nach eigenen Angaben seine Fördermenge kurzfristig erhöhen kann. „Kurzfristig“ bedeute „mehrere Wochen“, präzisierte Valeri Nesterow (Investmenthaus Troika Dialog).

    „Saudi-Arabiens zusätzliche Kapazitäten übertreffen zwei Millionen Barrel täglich“, so Valeri Krjukow. „Im Prinzip könnte Saudi-Arabien dieses Öldefizit decken.“

    „Die Europäer könnten allerdings auf technische Probleme stoßen, denn jede Raffinerie ist technologisch auf eine konkrete Ölsorte eingestellt“, warnte Experte Nesterow.

     

    Keine Alternative

    Die Europäer haben keine Alternative zu den Öllieferungen aus Saudi-Arabien, sind sich Branchenkenner einig. „Theoretisch käme auch Libyen in Frage, wo die Ölförderung nahezu den Vorkriegsstand erreicht hat“, so Krjukow weiter. „Das Land fördere derzeit 1,3 Millionen Barrel täglich. Vor dem Krieg hatte es nur 0,3 Millionen Barrel mehr gefördert.“ Im Sommer könnte Libyen auch das Vorkriegsniveau im Export erreichen, vermutete er. Das Problem könnte aber sein, dass die Libyer langfristige Verträge haben, so dass ihr Öl möglicherweise für andere Länder bestimmt sei. Deshalb sollte man sich nicht auf  Öllieferungen aus Nordafrika verlassen, schlussfolgerte Krjukow. „In Frage kämen nur geringe Mengen.“

    Auch das russische Öl sei theoretisch keine Alternative für den iranischen Brennstoff, fuhr Experte Simonow fort. „Den russischen Ölkonzernen eröffnen sich hervorragende Perspektiven, aber sie sind nicht imstande, diese Möglichkeiten zu nutzen“, stellte er fest.

    Die Russen können ihre Fördermengen nicht ausbauen, erläuterte Simonow. Aber selbst wenn Russland etwas Öl übrig hätte, dann könnte es nicht in den Süden Europas geliefert werden, weil das Pipeline-Projekt Burgas-Alexandroupolis, an dem sich Russland beteiligt hat, offenbar gescheitert sei.

     

    Europa muss Griechenland opfern

    Der Ölhandelskrieg mit Teheran könnte Europa teuer zu stehen kommen. „Die Sanktionen werden höhere Ölpreise zur Folge haben, was einen Preisanstieg bei den Waren in Europa und der ganzen Welt zur Folge hat“, sagte der iranische Innenminister Mostafa Mohammad Nadschar.

    Experten haben jedoch unterschiedliche Ansichten zur Entwicklung der Ölpreise. Konstantin Simonow erwartet einen Preisanstieg, während Valeri Nesterow  mit keinen großen Preisschwankungen rechnet.“ „Der iranische Faktor ist bereits im aktuellen Preis enthalten“, betonte er. „Noch mehr als das: Europas Wirtschaftsprobleme führen zu einer Preissenkung, weil der Ölbedarf geringer wird.“

    Höhere Ölpreise wären für viele Länder ein Problem. Für die größten Abnehmer des iranischen Öls wäre es aber dramatisch.

    „Die Wirtschaftslage in Griechenland ist miserabel bis zum Geht-nicht-mehr. Öl-Engpässe wären für das Land ein schlimmer Rückschlag“, konstatierte Simonow. „Das arme Griechenland würde sie nicht verkraften.“ Die Griechen würden dann keine andere Wahl haben als die Eurozone zu verlassen, vermutete er. „Die Griechen müssten Öl auf dem Markt suchen und einen höheren Preis dafür bieten. Griechenlands Wirtschaft würde aber noch teurere Energieträger nicht ertragen. Die griechische Regierung müsste die Haushaltsausgaben weiter kürzen, was neue Proteste auslösen würde. Faktisch kommt nur eine Insolvenz Griechenlands in Frage.“

    Das bedeutet, dass die starken EU-Länder entweder das arme Griechenland weiter unter die Arme greifen oder dessen Austritt aus der Eurozone hinnehmen müssen. Durch Letzteres gerät aber die Existenz des Euro-Raums in Gefahr.

     

    Iran ist selbst eine Geisel

    Andererseits würde Iran wegen des Öllieferstopps größere Verluste als die EU-Länder forttragen, weil seine Wirtschaft vom Ölexport abhänge, stellte Experte Nesterow fest.

    Die Verluste würden sich auf Dutzende Millionen Dollar täglich belaufen, präzisierte er. „Der Anteil der Ölprodukte an den Haushaltseinnahmen beträgt 70 bis 80 Prozent - die iranische Wirtschaft ist noch weniger diversifiziert als die russische.“

    Darüber hinaus müsste sich Teheran um den Absatz des für Europa bestimmten Öls nach China und Indien bemühen. Möglicherweise müsste es dabei deutlich niedrigere Preise akzeptieren.

    Lachender Dritte zwischen Europa und Iran könnte China werden. „Die Iraner hatten damit gerechnet, dass China, ihr größter Ölimporteur, und auch Indien das „überflüssige“ Öl kaufen würden“, erläuterte Konstantin Simonow. „Sie erwarteten, dass China nicht nur seinen Bedarf decken, sondern auch langfristige Reserven auffüllen würde. Trotz dieser Erwartungen hat die Volksrepublik ihren Ölimport aus dem Iran jedoch um die Hälfte reduziert und dafür den Kauf des saudi-arabischen Öls vergrößert.“

    „China verfolgt zwei Ziele: Es spielt gegen Europa, das nicht genügend saudi-arabisches Öl erhält, und zwingt den Iran zu einer Senkung seiner Ölpreise“, so Simonow weiter. „Im Grunde ist Teheran in eine Falle geraten: Das Land, mit dem es seine Hoffnungen verband, ist ihm in den Rücken gefallen. Man kann  zum politischen Regime im Iran eine unterschiedliche Haltung einnehmen, aber Chinas Aktion war sehr perfide.“

    Damit sieht die Sache für die Iraner und Europäer gleichermaßen mies aus. Im Fall des Embargos müssten sich beide Seiten auf große Verluste gefasst machen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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