21:25 18 Februar 2018
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    Radar in Aserbaidschan: Wichtig für Russlands Raketenabwehr?

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    Russland verhandelt mit Aserbaidschan über eine dort stationierte Radaranlage, die eines der wichtigsten Elemente seines Raketenabwehrsystems ist.

    Russland verhandelt mit Aserbaidschan über eine dort stationierte Radaranlage, die eines der wichtigsten Elemente seines Raketenabwehrsystems ist.

    Wenn die Verhandlungen scheitern, wird das Radar aus dem System ausgeschlossen und durch eine neue Anlage in Russland ersetzt. Das entspricht den neuen Vorstellungen des Kreml vom Aufbau der Raketenabwehr.

     

    Appetit wird immer größer

    Es handelt sich um eine Radaranlage des Typs Darjal, die sich in der Nähe  der  aserbaidschanischen Stadt Gabala befindet. Es handelt sich um eine strategisch wichtige Position für die Überwachung der südlichen Grenzen Russlands. Die Station wird derzeit modernisiert und könnte deshalb eine wichtigere Rolle für das russische Militär spielen.

    „Die Verhandlungen über den Radar in Gabala gehen weiter. Ihre erste Runde war sehr konstruktiv“, teilte der russische Vize-Verteidigungsminister Anatoli Antonow am Dienstag in einem Interview für RIA Novosti mit. Demnächst soll nach seinen Worten eine Entscheidung über die Fortsetzung der Verhandlungen getroffen werden.

    Die russische Zeitung "Kommersant" schrieb am Mittwoch unter Berufung auf ihre Quellen im Verteidigungsministerium, dass Baku die Miete für die Radarstation von den jetzigen sieben auf 300 Millionen Dollar pro Jahr erhöhen wolle. (Erst im Herbst 2011 kamen „nur“ 15 Millionen Dollar infrage.)

    „Diese Summe ist unbegründet hoch“, sagte ein Sprecher der Militärbehörde. „Wir werden auf eine deutliche Reduzierung bestehen und hoffen immer noch auf eine Einigung.“ Eine andere Quelle verriet, dass Russland den Radar aus Aserbaidschan bringen könnte, „wenn Baku seinen Appetit auf Geld nicht mäßigen sollte.“

    Der Radar in Gabala spielt derzeit eine wichtige Rolle. Erstens überwacht er den Raum südlich von Russland bis zum Indischen Ozean. Zweitens, was in der aktuellen geopolitischen Situation umso wichtiger ist, liegt der Iran in der Nähe.

    Sollte es zum Abzug der Radarstation aus Gabala kommen (vorerst ist das allerdings rein theoretisch möglich), müsste sich Russland um eine forcierte Aufstellung eines neuen Luftabwehrsystems in Armawir (Region Krasnodar) bemühen.

     

    Lückenhaftes Netz als sowjetisches Erbe

    Wie ist überhaupt die Situation möglich geworden, in der die Zuverlässigkeit des russischen Raketenabwehrsystems vom Verhalten eines anderen Staates abhängt?

    Die Aufstellung von Luftabwehranlagen in der Sowjetunion hatte eine Besonderheit: Im Sinne des ABM-Vertrags von 1972 verpflichteten sich Moskau und Washington, ihre Anlagen nur nahe den Staatsgrenzen zu stationieren. Deshalb befanden sich die sowjetischen Radare unter anderem in Mukatschowo und Sewastopol (Ukrainische Sowjetrepublik), Gabala (Aserbaidschanische Sowjetrepublik) und Skrunda (Lettische Sowjetrepublik). Außerdem wurde ein Luftabwehr-Übungsgelände am Balchaschsee (Kasachische Sowjetrepublik) genutzt.

    Damit hat Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 nahezu alle seine Radarstationen verloren. Nur die Stationen auf der Halbinsel Kola und in Petschora lagen innerhalb des Landes. Es sollen noch zwei Anlagen in Mischelewka (Gebiet Irkutsk) und Abalakowo (Region Krasnojarsk) gebaut werden. Diese Pläne sind aber gescheitert. (Letztere wurde übrigens trotz der Vereinbarungen mit Washington gebaut und war damals der Gegenstand von langjährigen Auseinandersetzungen mit den Amerikanern.)

    Um die westliche Grenze abzudecken, wurde die Radarstation im weißrussischen Baranowitschi unverzüglich geschlossen, an der seit 1981 wegen der in Europa stationierten Pershing-II-Raketen gebaut worden war. (Nach dem Abschluss des INF-Vertrags im Jahr 1987 war diese Anlage nicht mehr so wichtig, und ihr Bau wurde auf Eis gelegt.) Nach 1998 wurde sie fertiggestellt und 2000 in Dienst gestellt.

     

    Woronesch löst Darjal ab

    Die russische Militärführung war schon immer darüber besorgt, dass nur die nördliche bzw. nordwestliche Richtung zuverlässig geschützt ist, während die für den Schutz der südlichen und westlichen Richtung zuständigen Stationen außerhalb des Landes liegen und gepachtet werden müssen.

    Trotz des beendeten Kalten Kriegs und der Anknüpfung von Partnerbeziehungen mit den Nato-Staaten hatte man im Kreml keine Illusionen in Bezug auf die eigene Sicherheit und befasste sich mit der Lösung des Radar-Problems, sobald dies möglich war. 

    Damals waren die Radarstationen im Grunde nur Baustellen ohne Anlagen, die  extra montiert werden mussten. Die Bauarbeiten nahmen viel Zeit in Anspruch, wie auch die Probeläufe. Eine Umstellung der Station auf einen anderen Sektor geschweige denn ihre Verlegung an einen anderen Ort war unmöglich. Es war leichter, das Objekt abzureißen und ein neues zu bauen.

    Inzwischen wurde die neue Konzeption der so genannten „hohen Betriebsfertigkeit“ entwickelt, der zufolge Radaranlagen aus einfach aufzubauenden Konstruktionen errichtet werden können, in die große radiotechnische Module montiert werden.

    Durch die Entwicklung der ersten Station dieses Typs (77Ja6 Woronesch) wurden gleich drei Ziele erreicht.

    Erstens nehmen die Bauarbeiten nicht mehr so viel Zeit und Geldmittel in Anspruch. Der Bau der Woronesch-Station kostete 2005 schätzungsweise 1,5 Milliarden Rubel. Die Station besteht aus 23 Elementen und wird binnen zwölf bis 16 Monaten errichtet.

    Zum Vergleich: Die Station des Typs Darjal (solche liegt in Gabala) besteht aus  fast 4000 Elementen. Ihr Bau würde umgerechnet 19,8 Milliarden Rubel kosten, während die Bauzeit bestenfalls fünf bis sechs Jahre dauern würde.

    Zweitens ermöglicht die neue Bau- bzw. Montageweise eine leichte Modifizierung der Radarstation.

    Letztendlich ist aus denselben Gründen auch eine relativ leichte Verlegung der Radaranlage möglich.

     

    Hohe und vollständige Betriebsbereitschaft

    In Russland sind derzeit drei Radarstationen des Typs Woronesch in Betrieb. Sie befinden sich in Armawir, bei St. Petersburg und seit Ende 2011 auch im Gebiet Leningrad. (Letztere soll 2014 vollwertig in Betrieb gehen.) Im Gebiet Irkutsk, wo die alte Darjal-Station abgerissen wurde, wird derzeit die vierte Woronesch-Anlage errichtet.

    Die fünfte wird in Wahrheit die zweite Baureihe der Station in Armawir sein. Mit ihr ist die größte Hoffnung der russischen Militärs im Falle des Verzichts auf die Anlage in Gabala verbunden.

    Gleichzeitig wechselt die „hohe Betriebsbereitschaft“ allmählich in eine „vollständige“, damit die Radaranlagen maximal flexibel sind. Es geht um das bereits annoncierte Projekt Mars (Abkürzung für: Multifunktionale adaptive Radarstation).

    Diese Anlage wird von Anfang an als mobiles und universales entwickelt. Darüber hinaus sollte sie mit Raketenwarn- und anderen Benachrichtigungssystemen (Weltraumkontroll- und Weltraumabwehrsystemen und nichtstrategischer Luftabwehr) leicht kompatibel sein.

    Angesichts dessen ist und bleibt die Radarstation in Gabala zwar wichtig für die russische Raketenabwehr, wird aber in der Perspektive ihre Bedeutung allmählich verlieren.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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