00:00 22 Februar 2018
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    Wasser-Experte: Je reicher, desto durstiger

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    Am 22. März feiert die UNO den Weltwassertag. Paradoxerweise ist die Wasserkrise Realität und Utopie zugleich: Zwar gibt es genügend Süßwasservorräte, doch nach UN-Angaben mangelt es weltweit zwei Milliarden Menschen an Wasser.

    Am 22. März feiert die UNO den Weltwassertag. Paradoxerweise ist die Wasserkrise Realität und Utopie zugleich: Zwar gibt es genügend Süßwasservorräte, doch nach UN-Angaben mangelt es weltweit zwei Milliarden Menschen an Wasser. Es ist kein Geheimnis, dass eine ineffiziente Wirtschaft und technologische Rückständigkeit den Wassermangel verursachen. Über die Gefahren der globalen Wasserkrise hat RIA Novosti den stellvertretenden Direktor des russischen Instituts für Wasserprobleme, Alexander Gelfan, befragt.

    RIA Novosti: Weltweit sprechen die Politiker immer häufiger von der Wasserkrise. Ist die Gefahr des Wassermangels wirklich so groß?

    Alexander Gelfan: Auf der Erde gibt es genug Wasser, um den Gesamtbedarf der Menschheit zu decken. Die meisten Länder verfügen über genügend Wasservorräte. Dass es zu Engpässen kommt, ist eher eine Ausnahme.

    Das Wasser in den Flüssen und Seen machen ein Tausendstel der weltweiten Süßwasservorräte auf, dennoch handelt es sich um große Mengen. Jeder Erdbewohner verbraucht jährlich etwa 5000 bis 7000 Kubikmeter Wasser (aus verfügbaren Vorräten), der Weltgesundheitsorganisation zufolge sind 2000 Kubikmeter Wasser der Durchschnitt. Aber das Wasser ist ungleich verteilt, so dass die Bewohner von großen Gebieten Wasserstress oder Wasserdefizit ausgesetzt sind.

    Die meisten Wasservorräte haben Brasilien, Russland und Kanada, die wenigsten haben die Länder des Nahen Ostens und Afrikas.

    RIA Novosti: Sie haben die Begriffe „Wasserdefizit“ und „Wasserstress“ erwähnt. Was bedeuten sie? Wer lebt unter diesen Bedingungen?

    Alexander Gelfan: Diese Begriffe haben eine quantitative Bedeutung: Unter Wasserdefizit wird gelitten, wenn jährlich nur 500 bis 1000 Kubikmeter Wasser verbraucht wird, unter Wasserstress bis 1700 Kubikmeter.

    Der Syrien-Beauftragte der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga, Kofi Annan, sagte 2003, auf der Erde würden etwa mehr als zwei Milliarden Menschen unter Wassernot leiden, seitdem ist diese Zahl im Umlauf. Die Weltbank führte neulich genauere Zahlen an: etwa eine Milliarde Menschen leidet unter Wassernot und weitere 700 Millionen unter Wasserstress. Auf jeden Fall sind das alarmierende Zahlen.

    RIA Novosti: Ist die ungleiche Wasserverteilung also der Grund? Oder gibt es neben den Naturfaktoren auch andere Faktoren?

    Alexander Gelfan: Eine große, wenn nicht bestimmende Bedeutung hat der demografische Faktor. In den meisten unter Wasserstress leidenden Ländern ist ein Bevölkerungszuwachs erkennbar. Die Wasserversorgung schrumpft.

    Dabei ist der Wasserverbrauch höher als der Bevölkerungszuwachs. Wenn in den vergangenen 100 Jahren die Bevölkerungszahl etwa um das Vierfache gestiegen ist, lag der Wasserverbrauch um etwa um das Siebenfache höher. Je reicher die Welt wird, desto durstiger ist sie. Wenn Anfang des 20. Jahrhunderts die Industrie etwa sechs Prozent der weltweiten Wasservorräte verbraucht hat, ist der Verbrauch heute viermal größer.

    Der Wasserverbrauch in der Industrie und Landwirtschaft ist enorm: Wasser wird in der Welt zehnmal mehr verbraucht als alle anderen Ressourcen zusammen. Für die Produktion von einer Tonne Gußeisen wird etwa 100 bis 200 Kubikmeter Süßwasser, bei Herstellung einer Tonne eines chemischen Erzeugnisses (Kunstfaser, Gummi) werden Tausende Kubikmeter benötigt. Die Landwirtschaft verbraucht bis zu 80 Prozent des Wassers: Für einen Hamburger werden 11.000 Liter Wasser benötigt. Um eine vierköpfige Familie zu ernähern, wird eine Wassermenge gebraucht, mit der man ein Schwimmbecken füllen könnte – etwa 1000 Kubikmeter. Aber das Hauptproblem besteht darin, dass das Wasser unvernünftig verbraucht wird.

    RIA Novosti: Können Sie das bitte genauer erklären.

    Alexander Gelfan: Die Wasserkapazität eines Produktes ist hier der Indikator für einen vernünftigen Wasserverbrauch. Für die Produktion von einem Bruttoprodukt für 1000 Rubel sind mehr als vier Kubikmeter Wasser, in den USA etwas mehr als ein Kubikmeter, in Deutschland 1,5 Kubikmeter Wasser nötig. Noch ein Beispiel: In den USA wird ein Kubikmeter Wasser für die Produktion von einer 1,5 Tonnen Weizen, in Pakistan 0,75 Tonnen benötigt. In Frankreich wird für die Produktion von einer Tonne Mais etwa die Hälfte der Wassermenge verbraucht, die in China verbraucht wird.

    Außerdem verschmutzt sich das Wasser wegen der Industrie und Landwirtschaft – dieser Prozess ruft Sorgen in der Weltgemeinschaft hervor. Wenn über Wassermangel gesprochen wird, ist nicht nur der allgemeine Wasserverlust, sondern auch Süßwasserverlust wegen der Verschmutzung gemeint.

    RIA Novosti: Heißt das, dass Wassermangel ein wirtschaftlicher Begriff ist und das Problem nicht der Wassermangel selbst, sondern sein unvernünftiger Verbrauch ist?

    Alexander Gelfan: Diese Annahme hat ihren Grund. Das Hauptproblem ist der unvernünftige Wasserverbrauch und nicht der Wassermangel selbst. Die Folgen des Wassermangels sind auf den unbedachten Verbrauch zurückzuführen. Den Menschen ist es egal, ob dieser Mangel virtuell oder real ist. Dieser Mangel ist wirklich enorm.

    Es lässt sich auch eine umgekehrte Abhängigkeit zurückverfolgen –die Wasserversorgung ist eng mit der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung verbunden. Wasserverlust, die schlechter werdende Qualität und der wachsende Mangel wirken sich kaum auf die Bevölkerung aus, haben jedoch Wirtschaftswachstum und Wohlstand zur Folge. Im Endeffekt ergeben sich weniger Möglichkeiten für die Lösung des Wasserproblems. Da die Bevölkerung wächst und der Wunsch nach einem hohen Lebensstandard steigt, werden kurzfristige Strategien angewendet, die auf einen geringeren Wasserverbrauch gerichtet sind. Im Ergebnis korrelieren Süßwassermangel und Armut.

    RIA Novosti: Man kann also doch von einer weltweiten Wasserkrise reden?

    Alexander Gelfan: Experten zufolge können bis 2025 tendenziell mehr als drei Milliarden Menschen unter Wasserstress leiden. Wasserstress droht Afrika südlich der Sahara, die Wasserprobleme im Nahen Osten und Nordafrika werden noch drastischer. Länder mit einem rasanten Wachtum und vielen Einwohnern wie China und Indien werden in den kommenden Jahrzehnten auch unter Wasserstress leiden.

    RIA Novosti: Die Umverteilung der Ressourcen führt zu Kriegen. Konflikte um Rohstoffe sind keine Seltenheit. Sind Wasserkriege nur eine Frage der Zeit?

    Alexander Gelfan: In der Zeit der Rohstoffkriege stieg Erdöl zum Marktprodukt auf, aber Wasserkriege gab es seit Menschheit. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren es 500 Wasser-Konflikte, etwa 40 von ihnen führten zu blutigen Auseinandersetzungen.

    Konflikte treten meistens auf, wenn sich mehrere Länder die Wasservorräte teilen müssen – es geht dabei um Wasserquellen in Anrainerländern. In der Welt gibt es mehr als 200 Gebiete mit Wasserquellen, mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung leben in diesen Gebieten.

    In einer günstigeren Lage sind Länder, die sich flußaufwärts befinden. Sie können die flußabwärts liegenden Nachbarländern in Sachen Wasserverbrauch ihre Bedingungen diktieren. In solchen Situationen entstehen Wasserkriege. Israel bezieht Wasser von den Anrainern, in Bangladesh stammt fast das gesamte Wasser aus Indien und in Ägypten aus den südlicheren Nachbarländern.

    Als gutes Beispiel kann der indisch-pakistanische Konflikt um die Region Kaschmir herhalten, wo sich die Quellen fast aller durch Pakistan fließenden Flüsse befinden, oder der Konflikt zwischen den Palästinensern und Israelis. Der Konflikt zwischen Israel und Syrien im Jahr 1964 wurde als Wasser-Krieg bezeichnet, weil die Syrer einen Umleitungskanal, der Wasser von den Flüssen der Golanhöhen abzwackte, gebaut hatten. Es gibt zur Zeit heftige Probleme zwischen der Türkei, dem Iran und Syrien wegen der Wasserkraftwerke an den Flüssen Tigris und Euphrat.

    Außerdem dürfen die ökologischen Konflikte nicht vergessen werden. Zum Glück haben sie noch nicht zu Kriegen geführt, aber das ist ein sehr ernstzunehmendes Problem, das Spannungen zwischen den Ländern zur Folge hat.

    Wasser-Konflikte werden Realität, wenn die Politik keine neue Regelung für den weltweiten Wasserverbrauch findet.

    Das Interview führte Wlad Grinkewitsch.