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    Boris Jelzin: Zeit noch nicht reif für objektives Urteil

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    Fünf Jahre sind mittlerweile seit dem Tod des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin vergangen.

    Fünf Jahre sind mittlerweile seit dem Tod des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin vergangen. Vor zwölf Jahren war er von der politischen Bühne abgetreten. Bis seine Rolle im Leben Russlands objektiv bewertet werden kann, muss jedoch wohl noch viel Zeit vergehen.

    Der Grund dafür mag darin bestehen, dass die Jelzin-Ära immer noch andauert - egal ob aus emotionaler oder aus politischer Sicht: Denn das Präsidentenamt wird in weniger als zwei Wochen wieder jener Mann bekleiden, der seine erste Wahl im Jahr 2000 ausgerechnet Jelzin zu verdanken hat. Letzterer verkörpert den schweren und tragischen Übergang Russlands in den 1990er Jahren in einen neuen Zustand. Dieser Übergang ist im Grunde immer noch nicht abgeschlossen worden und kann noch lange dauern.

    In der Jelzin-Zeit hat Russland einmalige Erfahrungen bei der dramatischen und schmerzhaften Transformation einer Großmacht gemacht, die ihren Status erhalten  konnte. Seinem ersten Präsidenten hat Russland nicht nur seine neue Staatlichkeit zu verdanken, sondern auch den weiteren Status als Großmacht, die eine Erschütterung bestanden hat, die fatal hätte enden können.

    Die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts kennt nur zwei Personen, die ähnliche Aufgaben lösen mussten - General Charles de Gaulle und den ersten Kanzler Deutschlands, Konrad Adenauer. Beide sorgten zu ihren Lebzeiten mit ihren umstrittenen Entscheidungen heftige und oft negative Reaktion sowohl in der Heimat als auch im Ausland. Beide übernahmen die Verantwortung, als ihre Länder eine Talfahrt erlebten. Beide mussten Entscheidungen treffen, die den Bürgern unmöglich gefallen konnten. Und beide haben es letztendlich geschafft, ihren Nationen ihre Selbstidentität wiederzufinden und ihre führenden Rollen ihrer Länder in der Weltpolitik zurückzugewinnen.

    De Gaulle pflegte zu sagen, die Franzosen wären vom Zweiten Weltkrieg mehr als die anderen Völker Europas betroffen gewesen: Viele seien von Hitler-Deutschland okkupiert gewesen, aber Frankreich hätte seine Seele verraten, als es mit den Besatzern Abkommen treffen musste. Nur dank Unnachgiebigkeit und Beharrlichkeit Generals hat sich sein Land den Alliierten angeschlossen.

    In den späten 1950er Jahren war Frankreich wegen des Verhaltens seiner Bürger zu den afrikanischen Kolonien gespalten und verlor weltweit erneut an Einfluss. Dem General gelang der Aufbau eines neuen Staatssystems. Er stoppte den Algerien-Krieg und konnte dank seiner bisweilen unberechenbaren Außenpolitik den angeschlagenen Nationalstolz der Franzosen wieder aufrichten.

    Was Adenauer angeht, so übernahm er die Geschicke eines Landes, das als Teil Deutschlands nach der Nazi-Zeit übrig geblieben war. Am Ende seiner 14-jährigen Amtszeit war die Bundesrepublik Deutschland ein politisch wichtiger und selbstgenügsamer Staat, was nach der Aufteilung des Landes 1949 kaum vorstellbar gewesen war. De Gaulle und Adenauer wurden häufig von massiver Kritik ihrer politischen Gegner überhäuft.

    Seine Opponenten warfen De Gaulle Nationalismus und gleichzeitig den Verrat der nationalen Interessen vor, mangelnde Flexibilität und übersteigerten Ehrgeiz bei der Lösung von politischen und wirtschaftlichen Fragen, einen autoritären Führungsstil und die Gewohnheit, seinen Umfeld Bösartigkeit anzulasten. Die Gattin von Winston Churchill, seines treuen Verbündeten, soll de Gaulle einmal gefragt haben: „General, warum hassen Sie Ihre Freunde mehr als Ihre Feinde?!" Dabei verhielt de Gaulle immer mit diplomatischer Raffinesse. Er wusste immer genau, wann er mit Faust auf den Tisch hauen und wann er Kompromisse akzeptieren musste.

    Adenauer galt als strenger Konservativer; ihm wurde häufig übertriebene Loyalität in den Hitler-Jahren sowie Prinzipienlosigkeit und sogar Unwillen vorgeworfen, die Nazi-Verbrechen mit aller Schärfe zu verurteilen. Noch mehr als das: Er wurde des Verrats der nationalen Idee beschuldigt, weil er von Anfang an zur Spaltung Deutschlands neigte, obwohl viele Deutsche sowohl im Osten als auch im Westen in den 1950er Jahren immer noch an eine Wiedervereinigung glaubten.

    Die beiden verließen die politische Bühne, als die Wähler ihres Führungsstils überdrüssig waren und dringend ein frisches Gesicht an der Machtspitze brauchten. Die Geschichte hat aber ihr Urteil gefällt: Charles de Gaulle und Konrad Adenauer haben ihren Nachfolgern zwei Großmächte hinterlassen, die sie aus den Trümmern wiederaufgebaut hatten, die ihre Geschichte nicht vergessen haben, dabei aber neu und modern waren.

    Boris Jelzin steht für die Russen für den Zerfall der Sowjetunion. Nur wenige halten das für seinen Verdienst. Die meisten sehen darin ein Verbrechen. Natürlich hatte er maßgeblich zur Auflösung der Sowjetunion beigetragen, indem er seiner Machtgier folgte. Der Umstand, dass Jelzin das Land zerfallen ließ, um Michail Gorbatschow, seinen Gegner an der Machtspitze, loszuwerden, wird dem ersten Präsidenten des souveränen Russlands wohl nie gutgeschrieben.

    Dass die einstige Größe der Sowjetunion nicht mehr zu retten war, werden die Menschen erst dann begreifen, wenn sie Russland nicht als Scherbe des auseinandergefallenen Imperiums, sondern als eigenständige Großmacht betrachten. Erst dann verstehen sie, was für eine schwere Aufgabe es war, Russland unter den Bedingungen der 1990er Jahre als Großmacht zu erhalten. Möglicherweise sehen die Russen dann ein, dass die entscheidende Rolle dafür die damalige Staatsführung um Jelzin gespielt hat.

    Die russische Diplomatie war unter Jelzin ein gutes Beispiel dafür, wie man in einem sehr begrenzten Handlungsspielraum und mit sehr wenigen Instrumenten erfolgreich manövrieren kann. Moskau hing objektiv von ausländischen Finanzspritzen ab, konnte aber seine Interessen verteidigen und hatte in vielerlei Hinsicht Erfolg. Diplomaten erinnern sich an die 1990er Jahre mit Schaudern. Aber die Basis des heutigen Status Russlands in der Weltgemeinschaft wurde damals gelegt.

    Man sollte Boris Jelzin nicht idealisieren, was seine Anhänger oft tun. Er war ein politisches Alphatier, beging häufig schwere, bisweilen fast fatale Fehler und wurde am Ende seiner Amtszeit zu einem großen Problem für die weitere Entwicklung Russlands. Dennoch hatte er den Mut, freiwillig zurückzutreten, was für russische Politiker nie typisch war.

    Wenn Russland seine Übergangzeit abgeschlossen hat und sich als feste Stütze der künftigen Weltordnung etabliert hat, wird das unter anderem auch deswegen möglich sei, weil Jelzin einst - möglicherweise sogar unbewusst - der Versuchung des Revanchismus widerstehen konnte. Wer glaubt, dass Russland von den Nachbarländern seine historischen Territorien hätte einfordern sollen anstatt die territoriale Einheit dieser Staaten anzuerkennen, der sollte sich einmal vorstellen, wie solche Versuche zur Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit" in den frühen 1990ern hätte enden können. Was wäre denn in diesem Fall von Russland geblieben? Russland wird seine psychologischen Komplexe erst dann überwinden, wenn das Jahr 1991 nicht als Ergebnis einer historischen Niederlage, sondern als Neugeburt Russlands wahrgenommen wird. Dann wird Boris Jelzin seinen Platz neben Charles de Gaulle und Konrad Adenauer finden, die ebenso umstritten waren wie er.

    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs"

    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs"

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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