02:26 20 Januar 2018
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    Tadschikistan: Machtkampf im Pamir-Gebirge

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    Die am frühen Dienstagmorgen begonnene Sonderoperation zur Wiederherstellung der Kontrolle über die Autonomie Berg-Badachschan im Pamir-Gebirge erinnert an eine koloniale Invasion zur Zähmung von widerspenstigen Eingeborenen.

    Die am frühen Dienstagmorgen begonnene Sonderoperation zur Wiederherstellung der Kontrolle über die Autonomie Berg-Badachschan im Pamir-Gebirge erinnert an eine koloniale Invasion zur Zähmung von widerspenstigen Eingeborenen.

    Die Einwohner von Berg-Badachschan, das die Hälfte des Territoriums Tadschikistans abdeckt, sind zwar arme, aber sehr stolze Menschen. Diesen Vergleich werden sie übel nehmen - zu recht. Zumindest aus dem Grund, dass das restliche Tadschikistan gar nicht als Zentrum des Landes bezeichnet werden kann. Die dortigen Tadschiken bekommen etwas mehr von dem Kuchen. Für den Rest im Pamir-Gebirge bleiben nur die Krümel übrig.

    Berg-Badachschan wird seit Sowjetzeiten subventioniert. Zu Sowjetzeiten verteilte Moskau die Güter, heute ist es Duschanbe.

    Die Menschen im Pamir-Gebirge sind argwöhnisch gegenüber der Zentralmacht in Duschanbe. Die Regierung in der tadschikischen Hauptstadt gilt als korrupt und ungerecht.

    In der Autonomie Berg-Badachschan haben lokale Mafia-Bosse und Politiker das Sagen. Sie regieren die Provinzen in dem seit 20 Jahren unruhigen Tadschikistan wie Lokalfürsten. Die Einheimischen vertrauen ihnen mehr als den Behörden in Duschanbe. Sie bekommen kleine finanzielle Zuwendungen, um in ihrem krisengeschüttelten Land überhaupt überleben zu können. Ihre Existenz sichern sie sich mit dem Schmuggel von Tabak, Drogen und Edelsteinen aus dem benachbarten Afghanistan.

    Tolib Ajombekow, Kommandeur eines Stützpunktes im Grenzort Ischkaschim wird vorgeworfen, im Schmuggelgeschäft seine Finger im Spiel zu haben. Das Dorf wird vom Grenzfluss Pjandsch geteilt.

    Duschanbe stellte den Kommandeur an den Pranger, als ein Anlass zur Sonderoperation in Chorugh gebraucht wurde . Die Behörden der Zentralmacht wussten schon seit länger Zeit von seinen kriminellen Geschäften.

    Ein weiterer Anlass war die Weigerung Ajombekows, einen seiner Unterstellten, der des Mordes an einem hochrangigen Sicherheitsbeamten verdächtigt wird, an die Behörden auszuliefern. Der 56-jährige Sicherheitsbeamte Abdullo Nasarow war am 21. Juli unter unbekannten Umständen einige Kilometer von Chorugh tot aufgefunden worden. Die offizielle Version zum Tatvorgang klingt seltsam: Sein Auto soll von Unbekannten angehalten worden sein, als er von einer Dienstreise nach Chorugh zurückfuhr. Der General wurde aus dem Auto gezerrt und erhielt mehrere Messerstiche. Die Behörden haben bis heute keine Erklärung abgegeben, warum seine beiden Leibwächter keinen Widerstand geleistet haben.

    Ajombekow will seinen Mitstreiter nicht an die Behörden übergeben, weil er von ihnen einen unfairen Prozess erwartet. Ihm zufolge war der General sehr betrunken gewesen und hat Polizisten auf der Straße beleidigt. Nach dem Unfall mit einem anderen Auto, sei er aus seinem Auto gestiegen, doch niemand konnte ihn erkennen, weil er einen Sportanzug mit Kapuze getragen hatte. Nasarow habe begonnen zu schimpfen, worauf die Polizisten ihn gestoßen hätten, sagte der ehemalige Kommandeur. Der General sei mit dem Kopf auf einen Stein geschlagen.

    Aus Duschanbe hieß es dagegen, dass Nasarow von den illegalen Machenschaften des Kommandeurs gewusst habe. Er sei in das Grenzdorf gefahren, um die Situation mit den beschlagnahmten Schmuggelzigaretten zu regeln. Seine Leibwächter blieben im Auto, weil er sie nicht als Zeugen dabei haben wollte. Das Gespräch mit den Schmugglern verlief angespannt. Als der General seine Hand gegen seinen Gesprächspartner erhob, wurde er mit einem Messer ins Herz gestochen. Ajombekows Bruder soll der Täter gewesen sein

    Wenn man zynisch ist, könnte man den Eindruck haben, dass ein Anlass für die Sonderoperation in dem  tadschikischen Autonomiegebiet erfunden werden könnte, wenn es den Mord an dem General nicht gegeben hätte. Einigen Angaben zufolge wurde die Operation bereits seit vielen Wochen geplant.

    Im Pamir-Gebirge haben sich unterschiedlichen Angaben zufolge bis zu 300 Extremisten verschanzt. Es handelt sich um die zweite Generation der tadschikischen Oppositionellen. Die Verfolgung ihrer Väter sowie die Fehden der regionalen Clans machten sie zu gefährlichsten Feinden des Regimes von Präsident Emomalii Rahmon.

    Im kommenden Jahr will Rahmon erneut um das Präsidentenamt kämpfen. Er hat keine politischen Gegner, weil sie entweder tot sind, ins Gefängnis gesteckt oder ins Exil getrieben wurden.

    Wenn die Schmuggelmafia im Pamir-Gebirge vor den Wahlen nicht eliminiert wird, könnte sie sich in den Nukleus aller tadschikischen Protestkräfte verwandeln. Auch abseits des Pamir-Gebirges gibt es genügend Protestkräfte. Die Unzufriedenheit gegenüber dem Regime in Duschanbe wächst kontinuierlich. Gemäßigte Muslime werden unter dem Vorwand des Kampfes gegen religiösen Extremismus unterdrückt.

    Mit der Sonderoperation soll die aufständische Pamir-Region wieder unter Kontrolle gebracht werden. Doch das kann sich als Pyrrhussieg erweisen. Die Regierung in Duschanbe wird bei einem erneuten Bürgerkrieg, dessen Vorzeichen am 24. Juli in Chorugh zu erkennen waren, an Vertrauen verlieren und den Zusammenbruch des Rahmon-Regimes beschleunigen.

    Der Widerstand gegenüber dem Rahmon-Regime wird parallel zum begonnenen Truppenabzug aus Afghanistan und dem 2014 zu erwartenden Rücktritt von Hamid Karsai wachsen. Die afghanischen Tadschiken mit dem Gouverneur der Provinz Balch Atta Mohammad Noor an der Spitze, der das Präsidentenamt in Kabul anstrebt, wollen die Rückkehr der Taliban an die Macht und die Dominanz der Paschtunen verhindern. Die Extremisten in Tadschikistan bekommen dadurch Zulauf, was vor allem Rahmon Kopfschmerzen bereiten wird.

    Die Sonderoperation in Chorugh sieht wie das logische Finale der 20-jährigen Amtszeit von Emomalii Rahmon aus, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wird.

    Im November 1992 war ich Zeuge des Beginns seiner Karriere. Unter der Protektion des tadschikischen Robin Hood, Sangak Safarow, wurde der frühere Kolchos-Vorsitzende nach Absprache mit Moskau und Taschkent „ans Steuer“ gestellt. Damals begann gerade der Bürgerkrieg. Ein paar Wochen später zogen die Sieger in Duschanbe ein, das von den tadschikischen Oppositionellen kontrolliert wurde. Es begann die aktive Phase des Bürgerkriegs. Alle, die zu den Oppositionellen gezählt wurden (darunter gab es auch Pamir-Einwohner), wurden an die afghanische Grenze vertrieben. Tausende Tadschiken kamen ums Leben. Weitere Dutzende wurden zu Flüchtlingen und kamen in Afghanistan ums Leben.

    20 Jahre später regiert Rahmon immer noch wie ein Feldkommandeur.

    *Zum Verfasser: Arkadi Dubnow ist Journalist der Zeitung “Moskowskije Nowosti”


    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen