10:55 24 August 2017
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    Luftterror: Guernica, Stalingrad,…

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    Am 23. August sind 70 Jahre seit dem barbarischen Bombenangriff der deutschen Luftwaffe auf Stalingrad vergangen, bei dem Zehntausende Einwohner der Stadt getötet worden waren.

    Am 23. August sind 70 Jahre seit dem barbarischen Bombenangriff der deutschen Luftwaffe auf Stalingrad vergangen, bei dem Zehntausende Einwohner der Stadt getötet worden waren.

    Leider war es nicht die erste und auch nicht die letzte Tragödie im Zweiten Weltkrieg, während die kriegführenden Staaten den Tod von vielen Zivilisten als Möglichkeit betrachteten, den Feind unter Druck zu setzen.

    Hölle auf Erden

    Der massive Angriff der Luftflotte 4 der deutschen Luftwaffe begann am 23. August 1942 am Nachmittag. Hunderte Flugzeuge warfen Tausende Tonnen Bomben auf die Stadt ab, die sich innerhalb kürzester Zeit in eine brennende Hölle verwandelte.

    Die Luftwaffe bombte den Weg für die Landstreitkräfte frei: Am selben Tag erreichte das 14. Panzerkorps der Wehrmacht die Wolga nördlich von Stalingrad, nahe des Dorfes Rynok. Damit wurde die sowjetische 62. Armee von den anderen Einheiten der Stalingrad-Front abgeschnitten. In der Stadt brannten Wohnviertel, Öldepots, Schiffe auf der Wolga und sogar die Wolga selbst mit ihren Öl- und Benzinteppichen. Stalingrad stand in hellen Flammen. Die Faschisten hofften, die gesamte Stadt in Asche legen zu können.

    Der damalige Befehlshaber der sowjetischen Südostfront, Andrej Jerjomenko, ein harter und alles andere als sentimentaler Mann, erinnerte sich später, dass seine Erlebnisse an diesem Tag zu den schlimmsten in der gesamten Zeit des Großen Vaterländischen Kriegs gehörten.

    „Auf Straßen und Plätzen rauchte der Asphalt. Telegrafenmaster brannten wie Zündhölzer. Es war wahnsinnig laut, diese Höllenmusik machte die Ohren kaputt. Das Pfeifen der fallenden Bomben vermischte sich mit dem Getöse der Explosionen, mit dem Knirschen der einstürzenden Gebäude, mit dem Knistern des tobenden Feuers. Überall war das Stöhnen von Sterbenden, das Weinen von Frauen und Kindern zu hören“, schrieb Jerjomenko.

    Ljubow Sacharowskaja, die damals elf Jahre jung war, erzählte, dass der Asphalt wegen der vielen Brände kochte, der Boden schmolz, Menschen und Tiere verbrannten. „Die Flugzeuge flogen sehr niedrig, die Deutschen schossen aus Maschinengewehren auf Menschen. In dieser Hölle sind meine Mutter und mein Bruder gestorben. Nur ich und meine 17 Jahre alte Schwester überlebten“, erinnert sie sich.

    Die Stadt glich einer ausgebrannten Ruine (61 Prozent aller Wohnbauten wurden zerstört). 43 000 Zivilisten wurden getötet, mehr als 70 000 verletzt. Zum Gedenken der Todesopfer wurde in Wolgograd ein Denkmal am Wolga-Ufer aufgestellt: Frauen und Kinder erstarren in der Feuerhölle von Stalingrad, über ihnen schwebt eine 500-Kilogramm-Bombe.

    Die große Opferzahl ist auf die langsame Evakuierung der Einwohner zurückzuführen: Das sowjetische Kommando war überzeugt, dass der Feind Stalingrad gar nicht oder erst viel später erreichen würde. Außerdem mussten Hunderttausende Einwohner, darunter Frauen und Kinder, am Befestigungsbau um die Stadt teilnehmen.

    Nach Einschätzung des Militärhistorikers Alexej Issajew wurden vor dem 23. August 1942 nur etwa 100 000 Menschen aus Stalingrad evakuiert. Die meisten Einwohner, schätzungsweise 300 000, blieben in der Stadt und mussten neben den Soldaten der Roten Armee die schrecklichen Luftangriffe über sich ergehen lassen - nach dem 23. August gingen die Luftangriffe weiter, wenn auch nicht mehr so massiv.

    Moralischer Terror gegen friedliche Bevölkerung

    Das gezielte Töten von Frauen, Kindern und Greisen war aber keine Erfindung des Zweiten Weltkriegs. Bereits mit Beginn des Ersten Weltkriegs hatte die alte Methode der Kriegsführung ausgedient, bei der sich zwei Armeen gegenüberstanden und die Bevölkerung auf den Ausgang der Schlacht wartete. Schon damals scheuten die Feldherren bei der Wahl der Kampfmittel gegen den Feind vor nichts zurück.

    Neben dem Einsatz von chemischen Kampfstoffen auf dem Schlachtfeld terrorisierten die am Ersten Weltkrieg beteiligten Länder oft die Zivilbevölkerung im Hinterland des Feindes mit Luftangriffen. Dabei wurde die Den Haager Landkriegsordnung vom Jahr 1907 völlig missachtet.

    Laut dieser Konvention war das Töten von Zivilisten untersagt. Zudem war es verboten, Bomben auf ungeschützte Städte und Dörfer abzuwerfen. Wenn man bedenkt, dass an der Frontlinie viel mehr Flugabwehrkanonen als im Hinterland stationiert waren, muss man sich nicht darüber wundern, dass friedliche Städte für die Aeroplan- und Zeppelin-Piloten zu den Lieblingszielen gehörten.

    Kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, am 30. August 1914, unternahm der deutsche Pilot Ferdinand von Hiddessen den ersten Alleinflug nach Paris und warf vier Handgranaten und einen Wimpel mit der Aufschrift ab, die Franzosen sollten aufgeben, die deutsche Armee würde vor den Toren von Paris stehen. Später wurden viele andere französische und britische Städte von deutschen Zeppelinen angegriffen, wobei die Bomben absichtlich auf die Zivilisten abgeworfen wurden. Die Franzosen und Briten erwiderten die deutschen Attacken in ähnlicher Weise.

    Obwohl die Zahl der Todesopfer bei diesen Angriffen ziemlich gering war, musste die Zivilbevölkerung große Leiden ertragen. Am 11. März 1918 ereignete sich in der Pariser U-Bahn eine Tragödie: Bei einem Luftangriff rannten die Stadteinwohner in Panik in die U-Bahn-Station Bolivar. Die Türen öffneten sich aber nach außen statt nach innen. In dem Gedränge kamen 66 Menschen ums Leben.

    Blutige Doktrin

    Während des Ersten Weltkriegs wurde endgültig das Tabu gebrochen, keine Zivilisten zu töten. Die Doktrin des italienischen Generals Giulio Douhet, der zufolge Kriege nur von Ländern mit den schlagkräftigsten Luftstreitkräften gewonnen werden, fand in den 1930er Jahren viele Befürworter.

    Laut Douhet sollten die Kampfpiloten Bomben nicht nur auf Militär- und Industrieobjekte, sondern vor allem auf Städte abwerfen. Dabei sollten dem blutrünstigen General zufolge möglichst viele Zivilisten getötet werden, um Panik zu provozieren und die gegnerischen Soldaten unter Druck zu setzen, die dann nicht an den eigenen Sieg denken, sondern um ihre toten Verwandten trauern müssten.

    Eines der ersten Opfer der Douhet-Doktrin war die spanische Kleinstadt Guernica, die am 26. April 1937 von der Legion Condor der deutschen Luftwaffe, die im spanischen Bürgerkrieg an der Seite Francos kämpfte, bombardiert wurde. Drei Stunden nach dem Beginn des Angriffs war das Städtchen fast völlig zerstört. Dabei wurden verschiedenen Quellen zufolge 120 bis 2000 Menschen getötet. An der Stabsspitze der Legion Condor stand übrigens der künftige Frauen- und Kindermörder von Stalingrad, Wolfram von Richthofen.

    Der spanische Maler Pablo Picasso widmete dieser Tragödie das Bild „Guernica“, das als eines seiner besten gilt.

    Die Japaner nahmen sich die deutschen Verbündeten zum Vorbild und flogen zwischen 1937 und 1943 mehr als 5000 Luftangriffe auf chinesische Städte. Wie ein britischer Diplomat später sagte, war das Hauptziel dieser Bombenangriffe, dem Feind „einen höllischen Schreck durch den Massenmord an der Zivilbevölkerung einzujagen“.

    Ihren traurigen Höhepunkt erreichte die Jagd nach Zivilisten während des Zweiten Weltkriegs. Im Krieg gegen Großbritannien griff die deutsche Luftwaffe London und viele andere Städte an. Wegen des Ausmaßes der Zerstörung und den vielen Toten ist die Erinnerung an die elfstündigen Bombenangriffe auf Coventry am 14. November 1940 noch heute hellwach.

    Die Briten konnten diese Tragödie nicht vergessen und begannen nach dem Eintritt der USA in den Weltkrieg gemeinsame strategische Bombardements, deren Ziele nicht nur Militärobjekte, sondern auch deutsche Städte waren.

    Ein überzeugter Anhänger dieser Kriegsmethode war der Befehlshaber der britischen Luftstreitkräfte Arthur Harris. Er wollte Deutschland „ausbomben“, indem die Alliierten die Moral der Zivilbevölkerung brechen sollten.

    Mit Feuer und Schwert

    Viele deutsche Städte wurden großflächig bombardiert. Ende Juli bzw. Anfang August 1943 starben mehr als 50 000 Einwohner Hamburgs in den Flammen, etwa 200 000 weitere wurden verletzt. Der britisch-amerikanische Luftangriff auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945 kostete Zehntausende Menschen das Leben.

    Historiker aus verschiedenen Ländern können sich immer noch nicht über die Gesamtzahl der Todesopfer dieses Angriffs einigen. Laut einer Studie von deutschen Historikern von 2008 sind dabei schätzungsweise 25 000 Zivilisten umgekommen.

    Die Nazis hatten die so genannte Vergeltungswaffe 2 (V2) entwickelt, die sie ausschließlich gegen die friedlichen Einwohner Londons einsetzten.

    Die Amerikaner attackierten während des Zweiten Weltkriegs nicht nur deutsche, sondern auch japanische Städte. Am 10. März 1945 wurden beispielsweise rund 100 000 Einwohner Tokios mit mehreren Tonnen Brandbomben getötet. Im August warfen die USA zwei Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki ab.

    Der Zweite Weltkrieg und viele andere Konflikte haben aber letztendlich die Douhet-Doktrin widerlegt: Die großflächige Bombardierung von friedlichen Städten konnte meistenteils den Sieg nicht näher bringen.

    Im Gegenteil: Diese barbarischen Kriegsmethoden führten nur dazu, dass die betroffene Seite sich noch stärker wehrte. So wurde das fast komplett zerstörte Stalingrad zum Mittelpunkt einer viele Monate dauernden Schlacht, die zum Wendepunkt des Großen Vaterländischen Krieges wurde. Die Ruinen der Stadt dienten dabei als guter Schutz für die Rotarmisten.

    Der Krieg wurde aber wegen der Offensive der Landstreitkräfte gewonnen, die rechtzeitig die Unterstützung anderer Waffengattungen bekamen. Dennoch mussten Millionen Menschen in verschiedenen Ländern den Luftterror der Generäle mit ihrem Leben bezahlen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

     

     

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