18:42 16 August 2018
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    Russische Trägerrakete: Mit der Angara zum Mond?

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    Die russische Weltraumbehörde Roskosmos hat die Tests der neuen Trägerrakete „Angara“ forciert. Zudem plant sie die Entwicklung einer schweren Rakete für Mondflüge.

    Die russische Weltraumbehörde Roskosmos hat die Tests der neuen Trägerrakete „Angara“ forciert. Zudem plant sie die Entwicklung einer schweren Rakete für Mondflüge.

    Doch der Bau der neuen Rakete kann sich wegen der schärfer werdenden Konkurrenz zwischen den Raumfahrtunternehmen in die Länge ziehen. Um erfolgreich zu sein, müssen die Interessen der privaten Raketenhersteller und die Strategie des Staates zur Entwicklung der Raumfahrt aufeinander abgestimmt werden.

    Tests von Angara in Korea

    Der russische Raketenbauer Chrunitschew-Zentrum hat die erste Stufe der Rakete KSLV-1 zu einem Test nach Südkorea geschickt. Der dritte Teststart soll bis zum Jahresende erfolgen. Die ersten zwei Starts in den Jahren 2009 und 2012 waren fehlgeschlagen.

    Die Trägerrakete KSLV-1, auch bekannt als Naro-1, ist  zwar südkoreanischer Herkunft, aber ihre erste Stufe kommt aus Russland. Dabei handelt es sich um das universelle Raketenmodul URM-1 mit dem Triebwerk RD-151, das auch bei der Angara-Rakete eingebaut werden soll. Die russische Version der Rakete soll das leistungsstärkere Triebwerk RD-191 bekommen.

    Die beiden gescheiterten Tests der südkoreanischen Rakete hängen nicht mit der russischen Raketenstufe zusammen. Beim ersten Start wurde der Satellit auf eine falsche Umlaufbahn gebracht. Das lag daran, dass sich eine der zwei aerodynamischen Verkleidungen an der Spitze der Rakete nicht wie vorgesehen abgelöst hatte. Der zweite Start scheiterte wegen eines Defektes in der zweiten Stufe.

    Die groß angelegten Starttests der Angara-Trägerrakete ziehen sich aber in die Länge. Raumfahrtexperten machen sich bereits lustig über das Chrunischtew-Projekt. Unabhängig davon, in welcher Phase sich das Projekt befand, beteuerten die Raketenbauer stets, dass der erste Start der Raketen in zwei Jahren stattfinden würde. So war es Ende der 1990er-Jahre und Anfang des neuen Jahrtausends gewesen. Erst jetzt ändert sich die Situation. Die Rakete soll 2013 gestartet werden.

    Schwere Trägerrakete

    Am 2. August 2012 hat Roskosmos eine Ausschreibung zur Entwicklung einer auch für Mondflüge (auch bemannte) geeigneten schweren Trägerrakete initiiert. Das Chrunitschew-Zentrum hat bereits eigene Vorschläge für den Bau schwerer Trägerraketen abgegeben. Im Rahmen der Entwicklung der Angara-Familie wurden die Vorprojekte „Amur“ und „Jenissej“ vorgestellt. Es ist möglich, dass das Chrunitschew-Zentrum sich auch in dieser Gewichtsklasse versuchen und seine Marktstellung ausbauen wird. Obwohl es sich nur um Vermutungen handelt, wäre es naheliegend, die Trägerraketen im Rahmen eines Technologiezyklus zu vereinheitlichen.

    Das Angebot des konkurrierenden Raketenbauers Energija ist deutlich konkreter. „Das Unternehmen Energija schlägt vor, die Trägerrakete ‚Sodruschestwo’ (Gemeinschaft) in Kooperation mit der Ukraine und Kasachstan zu entwickeln, bei der Technologien des Programms ‚Energija-Buran‘ verwendet werden“, sagte „Energija“-Chef Vitali Lopota. Diese Rakete könne etwa 60 bis 70 Tonnen Nutzlast ins All bringen.

    Der Grund dafür, warum Energija sich mit der Entwicklung einer schweren Rakete befassen will, hängt wahrscheinlich mit den Entscheidungen zusammen, die in der Branche im vergangenen Jahr getroffen wurden. Roskosmos-Chef Wladimir Popowkin hatte im Herbst 2011 das Projekt zum Bau der Trägerrakete „Rus-M“ eingefroren, an dem das „ZSKB-Progress“-Konstruktionsbüro in Samara im Rahmen der Kooperation zum Bau des perspektivischen bemannten Transportsystems PPTS (Prospective Piloted Transport System) gearbeitet hatte. Es handelte sich um ein Projekt, das von Energija als bemannter Komplex für den neuen Weltraumbahnhof Wostotschny entwickelt wurde.

    Stattdessen setzte Roskosmos auf eine von mehreren Versionen der Angara-Rakete, um die Ingenieurlösungen zu vereinheitlichen und die Produktionsstätten zusammenzulegen. Zudem wurde vor kurzem beschlossen, dass das Konstruktionsbüro „ZSKB-Progress“ vom Chrunitschew-Zentrum übernommen wird. Energija geht demnach leer aus  - das Unternehmen kann froh sein, wenn es mit der Entwicklung eines bemannten Raumschiffs für die künftige schwere Angara-Trägerrakete beauftragt wird.

    Die Teilnahme von Energija an der Ausschreibung für die Mondrakete ist auch ein Versuch, langfristige Finanzmittel für ein staatliches Projekt zu bekommen. Das Angebot ruft aber viele Fragen hervor.

    Eurasische Kooperation

    Erstens ist die Kooperation mit der Ukraine und Kasachstan fragwürdig. Es ist bislang kaum verständlich, wie dabei die Fristen, die Kosten und die gemeinsame Vision des Projektes bestimmt werden sollen. Die russischen Flugzeugbauer haben bereits negative Erfahrungen bei solchen Kooperationen im postsowjetischen Raum gesammelt.

    Es muss zugegeben werden, dass das ukrainische Werk „Juschmasch“ (Dnepropetrowsk) eng mit den russischen Raketenbauern kooperiert. Die Ingenieure des ehemaligen Werks beim Jangel-Konstruktionsbüro warten regelmäßig die Interkontinentalraketen R-36M2/MUTTH, die in Russlands strategischen Raketentruppen noch in Dienst stehen. Die ukrainische „Zenit“-Trägerrakete wird für die Beförderung von kommerziellen Frachten vom Weltraumbahnhof Baikonur und der Startrampe Sea Launch im Pazifik eingesetzt.

    Doch die Kooperation bei einer prinzipiell neuen Trägerrakete ist im Prinzip eine andere Frage. Unter den jetzigen Bedingungen müssen die Risiken sehr sorgfältig abgewogen werden. Zudem ist nicht klar, ob das Endergebnis positiv ausfallen wird.

    Die wichtigste Frage ist, wo die Trägerrakete gestartet werden soll. Im technischen Auftrag der Ausschreibung steht geschrieben, dass die Rakete vom Weltraumbahnhof Wostotschny gestartet wird. Das ist naheliegend. Der neue Weltraumbahnhof wird gerade für Starts (darunter bemannte) von schweren Raketen gebaut. Dieser Bahnhof soll den Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan ersetzen.

    Das Energija-Unternehmen schlug eine Rückkehr nach Baikonur vor, um von dort die Raketen in den ferneren Weltraum zu starten. Damit würde dem russisch-kasachischen Projekt Baiterek (ein neuer Startkomplex in Baikonur) neues Leben eingehaucht.

    Ursprünglich hatte der Startkomplex Baiterek für Starts der Angara-Raketen dienen sollen. Nachdem man sich jedoch für Wostotschny entschieden hatte, verlor das Projekt seinen Sinn. Jetzt will Energija offenbar davon profitieren.

    Auch wenn alle Schwierigkeiten beim Aufbau der „eurasischen“ Raumfahrt-Kooperation zur Entwicklung einer neuen Rakete außer Acht gelassen werden, bleibt eine Frage: Für wen wurde der technische Auftrag der Ausschreibung verfasst? Warum musste der Weltraumbahnhof Wostotschny für Starts von schweren Trägerraketen errichtet werden, wenn diese wieder in Kasachstan erfolgen sollen? Dies kann den Staat Milliarden kosten.

    Nicht alles, was gut für die Unternehmen ist, ist gut für Russland.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen

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