22:10 20 September 2017
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    „Nachtwölfe“: Russische Biker geben Gas für Putin und Patriotismus

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    Die „Nachtwölfe“ sind der erste offizielle Bikerclub in Russland mit einer mehr als 20-jährigen Geschichte.

    Die „Nachtwölfe“ sind der erste offizielle Bikerclub in Russland mit einer mehr als 20-jährigen Geschichte. Unter den etwa 5000 Mitgliedern gibt es eine strenge Hierarchie, die in der Satzung festgeschrieben ist. Über die Entstehungsgeschichte des Motorradclubs, Patriotismus und sein Verhältnis zu Präsident Putin spricht Club-Gründer und -Präsident Alexander Saldostanow alias „der Chirurg“ in einem Interview mit RIA Novosti.

    Frage: Schildern Sie uns bitte, wie Sie Biker geworden sind und warum Sie Ihr Leben dem Motorrad verschrieben haben?


    Antwort: Offenbar ist diese Konstellation im Himmel entstanden. Ich bin gelernter Arzt und arbeite als Chirurg, daher mein Spitzname. Es kam, wie es kommen musste, ich bereue nichts. Meines Erachtens bin ich zum richtigen Zeitpunkt für mein Land und am richtigen Ort gewesen und habe deshalb etwas geschaffen, was auch nach mir bleibt und  nützlich für mein Land sein könnte. Das ist enorm wichtig für mich.


    Ich habe mein erstes Motorrad bereits in Sowjetzeiten gekauft. 1983 war es eine „Jawa“. 1984 verließ ich die Uni. Motorräder dieser Marke waren nicht nur für junge, sondern auch für erwachsene Männer ein Traum.


    Damals waren wir Biker natürlich ganz anders als heute – damals durften wir uns nicht einmal so nennen. Wir wurden die Informellen, Rocker usw. genannt, alles andere als Biker. Auch heute gefällt mir dieser Begriff nicht besonders – er ist zu amerikanisch für mich, etwas, was nicht ganz zu uns passt. „Motorradfahrer“ bzw. „Russische Motorradfahrer“ mag ich eher. Denn diese verkörpern unsere Bewegung wesentlich besser.

    Ich will nicht unfair sein: Wir haben natürlich vieles aus dem Westen übernommen, sind jedoch einen anderen Weg gegangen – unsere Motorräder rollen in eine andere Richtung. Wir haben etwas übernommen, aber auch etwas Eigenes geschaffen, was sehr wichtig für uns ist.


    Natürlich sind wir „Nachtwölfe“ zu einem Phänomen geworden. Wir sind mehr als nur ein Bikerclub, etwas, was selbst Präsidenten und Kirchenvorsteher veranlasst, uns zu besuchen. Das haben wir alles geschaffen und in den vergangenen 23 Jahren durchlebt, seitdem der Bikerclub existiert

    Frage: Warum haben Sie sich „Nachtwölfe“ genannt?

    Antwort: Wir fühlten uns damals wie ein Wolfsrudel. Das ganze Geschehen spielte sich nachts ab. Der Name stammt ja aus den 1980er-Jahren. Damals gehörte uns die Stadt nur in der Nachtzeit. Nur dann fühlten wir uns frei. Damals konnten wir auf 300 bis 500 Motorrädern von Luschniki (Stadtviertel unweit vom Zentrum  Moskaus) bis zum Flughafen Scheremetjewo-2 (nordwestlich von Moskau) ungehindert rasen, manchmal sogar auf der Gegenspur. Deshalb hatten wir nur in der Nacht freie Fahrt. Damals herrschten spezielle Verhältnisse.

    Frage: Was haben sich die „Nachtwölfe“ zum Auftrag gemacht?


    Antwort: Erstens die Bruderschaft, die Zugehörigkeit zu einer speziellen Kaste, wie einem Ritteroden oder Mönchtum. Neben der Bruderschaft sind auch unsere Ansichten wichtig. Diese sind nämlich orthodox. Wir lehnen jegliche satanistische Symbole ab – wir lehnen Provokationen gegen das orthodoxe Christentum ab. Wir wollen, dass sich diese Bewegung gemäß unseren Traditionen weiter entwickelt und dass sie als etwas Russisches wahrgenommen wird.

    Wir wehren uns dagegen, uns als Kriminelle abzustempeln. Wir sind ein Patriotenclub, ein Vorbild für junge Menschen. Damit sie sehen, dass wir etwas für unser Land getan haben, für unsere Heimat, die wir im Grunde verraten haben, als wir Kaugummis und Jeans kauften und zu McDonalds gingen. Das ist unser Leitgedanke bei den „Nachtwölfen“.

    Frage: Wie kann man Mitglied bei den Nachwölfen werden?


    Antwort: Es gibt keine Altersgrenze nach oben. Allerdings können wir keine Kinder aufnehmen. Aber diese Frage ist nicht entscheidend: Das Wichtigste ist jedoch, dass man unser Freund wird. Man muss Motorräder und Reisen lieben sowie unsere Ansichten teilen – das, was wir denken und erleben, sollte nicht als politische Aktivitäten bewertet werden. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt für uns. Wenn alle drei Anforderungen erfüllt werden, dann sind neue Mitglieder bei den „Nachtwölfen“ immer willkommen. Außerdem sollte unser potenzielles Mitglied von einem von uns empfohlen werden. Natürlich gibt es ein „Aufnahmeverfahren“. Aber wie dieses abläuft, wissen nur die Mitglieder des Clubs.


    Frage: Wie ist die Struktur bzw. Disziplin im Club?

    Antwort: Es gibt bei uns mehrere Stufen, die neue Mitglieder durchlaufen müssen, um eine Weste mit unserem Wappen zu bekommen. Zunächst tragen sie Westen mit kleinen Abzeichen, aber ohne das große Wappen in der Mitte. Dann bekommen sie den so genannten „Rocker mit Stadt“ und erst mehrere Jahre später das komplette Emblem des Clubs.

    Frage: Bevorzugen Sie bestimmte Motorradmarken?


    Antwort:
    Nein, so etwas gibt es nicht, dass wir uns für eine bestimmte Marke wie Harley-Davidson oder sonst etwas entschieden hätten. Zurzeit mögen wir eher BMW und nicht Harley-Davidson. Die BMW ist ein Motorrad für lange Reisen, und die Marke positioniert sich als Marke für Reisende. In diesem Sinne sind wir mit den Deutschen solidarisch und befreundet.

    Frage: Soviel wir wissen, mögen die Deutschen alte Motorräder mit Beiwagen. Hat man Sie irgendwann gebeten, Ihr Motorrad zu verkaufen bzw. gegen ein anderes zu tauschen?

    Antwort: Das Interesse für alles Russische ist groß, und zwar nicht nur in der Motorradwelt. Die Deutschen interessieren sich tatsächlich für russische Oldtimer. Vielleicht deshalb, weil sie den BMW-Motorrädern aus den 1940er Jahren ähnlich sind oder weil sie eine Ausstrahlung haben, die nur russischen Motorrädern eigen ist?

    Frage: Erzählen Sie etwas über Ihr Motorrad, das Sie naheliegend „Wolf“ getauft haben.

    Antwort: Eigentlich will ich in meinem Land ein russisches Motorrad fahren, das seine eigene Legende hat. Diese Maschine wurde im Motorradwerk Ural in der Stadt Irbit (Gebiet Swerdlowsk) hergestellt und ist wirklich gut. Mein „Wolf“ sieht toll aus, hat einen 45-PS-Motor und kostete 3000 US-Dollar. Genauso wie die japanischen Modelle ist dieses Motorrad für lange Strecken geeignet. „Wolf“ kommt locker auf 140 km/h. Der Motor wurde aufgemotzt.

    Mein Motorrad war nicht besonders stark, hatte aber ein tolles Design – in den späten 1990er- bzw. frühen 2000er-Jahren war das eine Art Durchbruch.

    Der Betrieb in Irbit wurde wegen der fehlenden Nachfrage geschlossen. Eine Testabteilung ist zwar erhalten geblieben, doch neue Motorräder können nicht mehr in Serie gebaut werden. Ich möchte jedoch alles dafür tun, dass wieder russische Motorräder produziert werden.

    Frage: Stimmt es, dass andere Bikerclubs Sie für ihr enges Verhältnis zu Präsident Wladimir Putin kritisieren? Erhalten sie mit seiner Hilfe Zuwendungen vom Staat oder Sponsoren?

    Antwort: Nein, wir sind absolut unabhängig und machen, was wir wollen. Niemand zwingt mich zu etwas, wenn ich das nicht tun will. Was das Verhältnis anderer zu uns angeht, so sind wir kein 100-Rubel- bzw. 100-Dollar-Schein, um allen zu gefallen. Wir sehen es ganz gelassen, wenn jemand uns nicht besonders mag. Was Putin angeht, so verrate ich meine Freunde nicht. Ich weiß die Taten anderer Personen mir gegenüber zu schätzen. Putin ist auch nur ein Mensch. Ich wurde von einigen Durchschnittsbeamten übersehen. Das Staatsoberhaupt hat mich bemerkt. Das zeugt von seiner Intelligenz und seinem Charakter, denn er hat uns mehr als nur bemerkt. Im Grunde ist es uns auch egal, wenn uns jemand nicht bemerkt. Wie engste Freunde helfen wir uns gegenseitig. Das war schon immer so. Alles, was wir gebraucht haben, haben wir uns selbst erschaffen.


    Ich kann nur eines sagen: Auch wenn alle um mich herum brüllen würden, man sollte ihn ans Kreuz schlagen, werde ich ihm zur Seite stehen. Denn wir verraten unsere Freunde nicht. In Putin sehe ich eine Person, die dieselben Lebensansichten hat wie ich. Als Politiker darf er natürlich keine Dinge sagen, die ich als Durchschnittsbürger sagen darf. Ich sage immer direkt, was ich denke, und kann mir so etwas leisten, weil ich kein Politiker bin und keine Lust habe, Politik zu machen. Aber ich denke, dass wir eine ähnliche Weltsicht haben. Putin halte ich für eine Persönlichkeit und nicht nur für einen Beamten. Er ist ein Mensch, der etwas riskiert. Er kann riskieren und gewinnen. An ihm gibt es etwas Russisches, etwas von einem Motorradfahrer, von einem „Nachtwolf“. Das imponiert mir. Ich kenne keine Taten von ihm, für die ich mich schämen würde, die andere Präsidenten und Generalsekretäre (des ZK der KPdSU) begangen haben. Sie haben das Land aufgegeben, was dazu geführt hat, dass das Land zerfallen ist und dann aufgeteilt wurde. Das waren keine anständigen Menschen. Putin will etwas anderes – das erkenne ich.


    Frage: Ist Putin Mitglied Ihres Clubs?

    Antwort: Ach, das verstehen Sie doch wohl selbst! Natürlich ist er kein Mitglied. Er hat nur ein paar Mal unsere Veranstaltungen besucht: Ich hatte selbst die Gelegenheit, mit ihm persönlich zu sprechen, und hatte viel Spaß dabei. Aber selbst die Tatsache, dass er uns besucht hat, war eine Freude.

    Andrey Gusew, Irina Grechuhina

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