02:04 26 September 2017
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    Christen und Muslime: Wie viel Meinungsfreiheit verträgt die Welt?

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    Die pakistanische Außenministerin Hina Rabbani Khar hat in einem CNN-Interview den Umgang mit der Meinungs- und Redefreiheit in Frage gestellt.

    Die pakistanische Außenministerin Hina Rabbani Khar hat in einem CNN-Interview den Umgang mit der Meinungs- und Redefreiheit in Frage gestellt.

    „Es genügt nicht, zu sagen: „Das ist Pressefreiheit, und deshalb sollte sie erlaubt werden.“ Wenn gewisse Handlungen weltweit anti-amerikanische Proteste auslösen, dann sollte man wohl darüber nachdenken, wie viel Pressefreiheit eigentlich nötig ist“, betonte Pakistans Chefdiplomatin.

    Hina Rabbani Khar wehrt sich zudem gegen die Vorstellung von Muslimen als hinterwäldlerische Traditionalisten: Die stets modisch und stilsicher gekleidete 34-Jährige war im vergangenen Jahr als erste Frau an die Spitze des Außenministeriums ernannt worden.

    Der anti-islamische Film „Unschuld der Muslime“ wurde völlig unerwartet zu einem weltweiten religiösen und politischen Faktor.

    Wer diese Parodie ins Arabische übersetzt und den Muslimen geraten hat, diese sich ausgerechnet kurz vor dem elften Jahrestag der 9/11-Anschlägen in den USA anzuschauen, ist eine andere Frage. Viel wichtiger ist: Dieses amateurhafte Video hat dank seiner mangelhaften Qualität die Frage nach der Einschränkung der Pressefreiheit in der heutigen Welt aufgeworfen, wo jeder Unsinn im Internet sofort allgemein zugänglich wird.

    Liberale Ideale ad absurdum geführt


    Dass gläubige Menschen gewisse Kunstwerke als negativ und beleidigend bewerten, ist bekannt. Auch der Film „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese, in dem Jesus als normaler Mensch mit Schwächen und Stärken dargestellt wurde, verursachte eine große Protestwelle, und zwar in der christlichen Welt. Damals kam es in einigen Ländern sogar zu Brandanschlägen auf Kinos.

    Der indische Schriftsteller Salman Rushdie wurde wegen seines Romanes „Die satanischen Verse“ vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei mit dem Tode bedroht, weil er sich respektlos über Mohammed geäußert hatte. Der niederländische Filmregisseur Theo van Gogh, Nachkomme des Malers Vincent van Gogh, wurde 2004 in Amsterdam von einem islamischen Fanatiker getötet. Der Niederländer hatte den Film „Submission“ über die Unterdrückung der Frauen in arabischen Ländern gedreht.

    Auch der Chefredakteur der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“, in der Mohammed-Karikaturen veröffentlicht worden waren, erhielt Morddrohungen. Zudem wurden dänische Botschaften in mehreren Ländern von wütenden Muslimen angegriffen.

    Egal was man von solchen Artikeln und den entsprechenden Reaktionen hält: In diesen Fällen geht es um Kunst, die aus künstlerischer Sicht einen gewissen Wert hatten. Deshalb reagierten die westlichen Regierungen auf die Proteste der Fundamentalisten mit Äußerungen wie: „Wir teilen diese Ansichten nicht, aber wir verteidigen das Recht der Künstler auf Meinungsäußerung, weil das zu unseren wichtigsten Werten gehört.“

    Ganz anders verhält es sich aber bei dem Film „Unschuld der Muslime“ – er ist eine taktlose Provokation, deren Ziel offenbar das Schüren von religiösen Konflikten ist. Ähnliche Ziele verfolgte auch Pastor Terry Jones im US-Bundesstaat Florida, der öffentlich Ausgaben des Koran verbrannte.

    Liberale Ideale werden geschickt ad absurdum geführt. Der französische Schriftsteller und Philosoph Voltaire hatte einst die Prinzipien der Presse- und Meinungsfreiheit so definiert: „Ich stimme Ihrer Meinung nicht zu, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.“

    Heute müssen ganz andere Menschen ihr Leben geben, weil diese Brandstifter auf ihr Recht auf freien künstlerischen Selbstausdruck pochen. Zum Opfer werden dabei entweder Passanten, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort auftauchen, oder Beamte wie der ermordete US-Botschafter in Libyen.

    Dabei können die Regierungen nichts tun, um die Sicherheit der einfachen Menschen zu garantieren: Terry Jones, die Autoren des Schmähvideos usw. werden von der US-Verfassung geschützt. Auch die europäischen Behörden verweisen auf die Unantastbarkeit der Meiungsfreiheit.

    Wer leistet dem radikalen Islam Widerstand?


    Vor fast 20 Jahren sorgte der US-amerikanische Wissenschaftler Samuel Huntington mit einem Artikel und etwas später seinem Buch „Clash of Civilizations“ für Ärger, in denen er vor einem Kampf der Kulturen warnte. Damals befand sich der Westen im Siegestaumel nach dem Ende des Kalten Krieges, und alle Hindernisse und Gefahren auf dem Weg zu einem liberalen Leben schienen überwunden zu sein. Deshalb wurde der Professor als Panikmacher abgestempelt, obwohl seine Werke zu den meistgelesenen Büchern zu diesem Thema gehörten.

    Nicht alles, was Huntington damals prophezeit hatte, ist in Erfüllung gegangen, doch der Kampf der Kulturen wird zunehmend akuter.

    Dieser Konflikt entwickelt sich jedoch in eine andere Richtung, als der Autor erwartet hatte. Dem auferstehenden radikalen Islam leistet nicht das Christentum, sondern eine Art liberale Religion Widerstand, die zwar säkular, aber zugleich genauso dogmatisch und radikal ist und ihre Werte genauso stur verteidigt.

    Ein religiöser Krieg ist zum Glück vorerst nicht in Sicht, lässt sich aber bereits erahnen. Wenn offensichtliche Provokateure nicht aufgehalten werden, dann werden diejenigen, die von ihren Taten beleidigt werden, sie ins Visier nehmen. Das wird eine Radikalisierung der „Freiheitskrieger“ zur Folge haben, die offen gegen den Islam vorgehen werden. Die Zahl der Islam-Hasser wird in den nächsten Jahren sicherlich wachsen.

    In der heutigen Welt, in der selbst arme afrikanische Dörfer Internetanschluss haben, sollte die Verantwortung nicht nur für Taten, sondern auch für Worte viel größer als früher sein. Das Gleichgewicht zwischen Freiheit und Verantwortung wird damit lebenswichtig für eine friedliche und stabile Zukunft sein.

    Fundamentalismus, egal ob religiös oder säkular, löst immer Reaktionen aus. Die Aufgabe der Regierungen in aller Welt ist, jegliche Formen von Fundamentalismus unter Kontrolle zu halten.

    Davon sprach die pakistanische Außenministerin Hina Rabbani Khar, als sie nicht an die Gefühle der Menschen, sondern an deren Vernunft appellierte. Allerdings machte ihr Kabinettskollege und Eisenbahnminister Ghulam Ahmed Bilour ihren Aufruf kurz danach zunichte: Er setzte 100 000 Dollar auf den Kopf des Schmähvideo-Machers aus .

    In vielen Ländern mit demokratischen Prozeduren und Populismus geht es der Politik nur um die Wählerstimmen. Mit der Verantwortung ist es dabei nicht allzu weit her.

    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift "Russia in Global Affairs".

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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