00:21 21 November 2019
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    Gehen wir Pilze sammeln!

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    Abenteuer einer Deutschen in Russland (5)
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    Pilze?!!? An alles habe ich gedacht, aber Pilzesammeln, das war ungefähr so weit weg, wie ein Nüchterner vom Oktoberfest.

    Christine Auerbach, Journalistin vom Bayrischen Rundfunk, hat RIA Novosti netterweise Einblick in ihre Tagebuch-Notizen gewährt. Hier eine kleine Serie von Texten zu ihren Russland-Erlebnissen.

    Ich hatte mir vieles vorgestellt, was ich hier in Moskau machen würde: Ins Bolshoi-Theater gehen; mich in der Rush-Hour mit Platzangst in die überfüllte Metro quetschen; undefinierbares Essen bekommen, weil meine Russischkenntnisse nicht ausreichen, um die Speisekarte zu verstehen; heiße politische Diskussionen zwischen Putin-Gegnern und Putin-Fans verfolgen; alleine vor den angesagtesten Clubs stehen, weil meine Schuhe einfach nicht hoch und die Kleidung einfach nicht schick genug ist; Konzerte, Museen, Ausstellungen -  Alles was man sich eben so ausmalt, wenn man seinen Koffer packt und in die größte Metropole des Kontinents zieht.

    Und dann das hier: Pilze.

    Ich schaue meine Mitbewohnerin an und denke mir, ich habe mich verhört. „Willst du mit Pilze sammeln kommen?“ fragt sie.

    Pilze?!!? An alles habe ich gedacht, aber Pilzesammeln, das war ungefähr so weit weg, wie ein Nüchterner vom Oktoberfest.

    Doch meine Mitbewohnerin meint es ernst, und wir fahren los. Sobald wir ein bisschen aus Moskau draußen sind, wird mir klar, dass man bei Moskau im Herbst auf jeden Fall an Pilze hätte denken sollen. Denn wir sind nicht die einzigen, die mit Messer, Tüte und Korb losgezogen sind. Überall an der Straße parken Autos und Pilzsammler klettern die steile Böschung hoch, um im Wald zu verschwinden.

    In München lebe ich nahe an den Bergen, auch dort gibt es Pilze im Herbst und die Leute gehen sammeln – aber so viele Sammler wie hier, habe ich noch nie gesehen. Als ich die Ausbeute in den Körben der Leute sehe, weiß ich warum: Es lohnt sich! Bergeweise Steinpilze, der König unter den Pilzen. Riesige Exemplare!

    Uns packt das Sammel-Fieber.

    Dabei wird schnell klar – ich habe von der Sache keine Ahnung. Einen Steinpilz kann ich noch erkennen, und einen Pfifferling. Aber sonst... Nicht so die Leute um mich herum. Mit so viel Eifer, Ehrgeiz – und auch Können - sammeln alle, dass ich das Gefühl bekomme, Pilzesammeln ist ein russischer Nationalsport. Egal ob Großstädter oder Landkind, in Russland geht man in die Pilze sobald man Laufen gelernt hat, oder? Muss man, wenn man ein echter Russe sein will, mindestens fünf Sorten an ihrem Stil erkennen? Wird Pilzesammeln olympisch werden in Sotschi? (Diese Goldmedaille wäre jedenfalls sicher!)

    Meine Mitbewohnerin findet sofort einen Steinpilz. Er ist perfekt, ohne Wurm und ohne Fehler. Danach wandert noch eine Reihe anderer Pilze in unsere Tüte. Alle von ihr – keiner von mir. Warum sind die Dinger nie da, wo ich bin?!?! (Ich gebe es zu: Heimlich überlege ich, ob ich nicht zurück an die Straße gehe und den Leuten dort ein paar Pilze abkaufe, um sie in unsere Tüte zu schmuggeln. Aber das fällt wahrscheinlich unter Doping. Und ich wäre für die nächsten vier Herbste vom Sammeln gesperrt. Viel zu riskant. Und irgendwo muss er sich doch verstecken, dieser verdammte Pilz!)


    Die russischsprachige Variante der Texte finden Sie unter: http://www.echo.msk.ru/blog/auerbakh/

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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