21:23 21 September 2017
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    Der „Russenmarsch“: Nationalisten wollen sich politisch etablieren

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    Vor 20 Jahren war es noch nicht vorstellbar, vor zehn Jahren wirkte es wie eine verrückte Ausnahme, heute ist es Realität: Im heutigen Russland treibt die Neonazi-Ideologie und -Praxis üppige Früchte.

    Vor 20 Jahren war es noch nicht vorstellbar, vor zehn Jahren wirkte es wie eine verrückte Ausnahme, heute ist es Realität: Im heutigen Russland treibt die Neonazi-Ideologie und -Praxis üppige Früchte.

    Zigtausende Enkelkinder von Sowjet-Veteranen des Zweiten Weltkrieges heben heute den rechten Arm zum Hitlergruß, den sie mit dem Aufschrei „Slawa Rossii!“ (Es lebe Russland!) begleiten, und jagen die „Schwarzen“, mit denen Zentralasiaten und Kaukasier gemeint sind.

    „Jagen“ ist buchstäblich zu verstehen: Nach Angaben des Moskauer Forschungszentrums SOWA, das sich mit den Problemen Xenophobie und Rassismus beschäftigt, haben die Rechtsradikalen in Russland in den zurückliegenden sieben Jahren ca. 500 Menschen bei dieser „Jagd“ getötet und über 3000 verletzt.

    Jahrzehntelang haben die Behörden diesem Unfug nahezu untätig zugeschaut. Waren es die „patriotischen“ Paroli, die über die Untaten der Neonazis hinweggetäuscht haben? Oder war die Polizei, wie so viele Russinnen und Russen auch, davon überzeugt, dass die russische Jugend auf immer und ewig gegen die braune Pest geimpft ist? Oder aber – diese Vermutung wird leider von Statistik zunehmend bestätigt – sympathisierten so manche in der Polizeibehörde für die „Kämpfer für die Sauberkeit der Nation“?

    Fremdenhass liegt in der Luft

    Laut Umfragen und Expertenschätzungen trägt gut die Hälfte der russischen Bevölkerung xenophobe Stimmungen in diesem oder jenem Umfang mit, stellt SOWA-Expertin Vera Alperowitsch fest. Dies bedeute natürlich nicht, dass diese Hälfte der Bevölkerung bereit wäre, mit Baseball-Schlägern auf die Immigranten loszudreschen, räumt sie ein. Abschreckend für viele seien auch das bedrohliche Outfit der russischen Neonazis und deren „Kokettieren“ mit der für die meisten doch absolut negativ besetzten Nazi-Symbolik.

    „Seit etwa 2008 kämpfen die Behörden recht konsequent gegen die Nationalisten, weil die Zahl der Gewaltverbrechen, die diese begangen hatten, langsam untragbar wurde“, so Alperowitsch. „Zwischen 2009 und 2011 wurden die meisten Nationalistengruppen zerschlagen, die Morde auf dem Gewissen hatten.“

    Verboten wurden auch die zahlenmäßig stärksten Organisationen – die „Slawische Union“ von Dmitri Demuschkin und die Bewegung gegen illegale Immigration (russische Abkürzung DPNI) von Alexander Below. Begründet wurde das Verbot mit der gesetzwidrigen „extremistischen Propaganda“, die die beiden Gruppen betrieben haben sollen. Wenn man aber „Slavic Union“ auf der YouTube-Seite eingibt und sich die zahlreichen Videos von den Trainingslagern der Organisation anschaut, kommen Zweifel auf, dass sich die Jungs tatsächlich auf verbale Aktivitäten beschränkt haben.

    Mittlerweile schlossen sich die „Slawische Union“ und die DPNI sowie einige Dutzend weitere nationalistische Gruppen zur landesweiten Bewegung Russkije („Russen“) zusammen, auf deren Basis eine landesweite Nationalisten-Partei gegründet werden soll.

    „Salonfähige“ Nationaliste

    „Die heutigen russischen Nationalisten stehen am Scheideweg: Sie sollen sich entweder für ein Neonazi-Format und damit für illegale Aktivitäten entschließen - oder sich moderat präsentieren und von den weit verbreiteten xenophoben Stimmungen der russischen Spießer profitieren“, meint die Expertin. „Die Bewegung Russkije neigt anscheinend dazu, den letzteren Weg einzuschlagen, um am legalen politischen Kampf teilnehmen zu können. Demuschkin von heute und der vor drei Jahren wirken wie zwei verschiedene Menschen. Heute gebraucht er gerne Vokabeln wie 'Menschenrechte', 'Freiheit' und 'Demokratie'.“

    Am Scheideweg steht anscheinend auch der Kreml: Sollen die Nationalisten für salonfähig erklärt und in die offizielle innenpolitische Arena zugelassen werden – oder soll man sie weiter ausgrenzen?

    Russlands Staatsführung hat bereits gewisse Erfahrung damit: Die in der Kreml-Retorte gezüchtete moderat nationalistische Partei Rodina („Heimat“) kam bei der Staatsduma-Wahl 2003 auf beachtliche neun Prozent. Wohl aus Angst vor der rapide wachsenden Popularität der Partei von Dmitri Rogosin und Sergej Glasjew (im Unterschied zu Figuren wie Demuschkin und Below hatten diese soliden Yuppies natürlich niemals mit Nazi-Symbolik gespielt) trat der Kreml kurz darauf auf die Bremse. Rogosin und Glasjew bekamen gute Ämter im Regierungsapparat, die Reste der Partei lösten sich in einem neuen Kreml-Konstrukt auf – der quasi sozialdemokratischen Partei Gerechtes Russland.

    Kürzlich jedoch machte sich die Partei Rodina wieder selbständig – einerseits wohl, um die beim Kreml in Ungnade gefallene Partei Gerechtes Russland zu schwächen, andererseits aber – vermutlich – um mitmischen zu können, wenn es zur Stimmenverteilung auf dem Nationalistenflügel kommen sollte.

    Die „wahren Helden“ und die „Marionetten“

    „Selbstverständlich muss man zwischen den Neonazis und den Nationalisten unterscheiden“, betont Alperowitsch. „Die echten Neonazis werden sich wohl kaum jemals politisch etablieren wollen. In Demuschkin und Below sehen sie Verräter und Kreml-Marionetten, ihre echten Helden sind die sogenannten 'Weißen Kriegsgefangenen', die alle noch lange hinter Gitter bleiben müssen.“

    Einer dieser „Helden“ ist Nikolai Koroljow, der zusammen mit seinen „Kampfgefährten“ im August 2006 einen Sprengsatz auf dem Moskauer Tscherkisowski-Markt gezündet hat. Die dortigen Händler stammten hauptsächlich aus Zentralasien, dem Kaukasus sowie aus Vietnam und China. Es gab 14 Tote und über 60 Verletzte. Koroljow wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

    „Dieser Kerl trägt seinen Rassenhass unverhüllt zur Schau“, sagt die SOWA-Expertin. „So erklärte er beim Prozess, die Anklage gegen ihn solle nicht 'Totschlag' lauten, sondern 'Tierquälerei‘.“

    In Neonazi-Kreisen habe sich inzwischen das Gerücht verbreitet, Koroljow habe bereits Kontakt zum norwegischen Massenmörder Anders Breivik aufgenommen. Die „Weißen Kriegsgefangenen“ betrachten sich als ein Kettenglied einer internationalen Struktur, die sich um Breivik herum herausbilde.

    „Zugleich gehören der Vereinigung Russkije auch radikalere Aktivisten an wie etwa Grigori Borowikow, der die Reste der seinerzeit einflussreichen ‚nationalpatriotischen‘ Organisation Pamjat leitet, und Dmitri Schulz-Bobrow, dessen Gruppe schlicht und einfach Nationalsozialistische Initiative heißt“, betont Alperowitsch. „Die beiden vertreten eindeutig die Neonazi-Ideologie und haben auch entsprechende Nachfolger, mit denen sie Sommerlager mit Nahkampf- und Schießtrainings organisieren.“

    Ihren Weg aus der Illegalität zur „Salonfähigkeit“ bahnen sich indessen die Nationalisten um Demuschkin und Below mit der Teilnahme an den jüngsten Oppositionsmärschen in Moskau und anderen Städten. Eine der markantesten Spitzenfiguren der Anti-Putin-Proteste, Alexej Nawalny, ist laut Alperowitsch als „gemäßigter Nationalist“ einzustufen. Seinerzeit habe er regelmäßig an DPNI-Veranstaltungen teilgenommen. Bekannt sei  auch seine aktuelle Forderung „Hört auf, den Kaukasus zu füttern!“ – d. h. der Kreml soll mit den maßlosen Subventionen aufhören, mit denen er die Loyalität des Kaukasus erkaufen will.

    Der Russenmarsch

    Demuschkin, Below, Nawalny – sie alle waren beim jüngsten „Russenmarsch“ am 4. November 2011 in Moskau dabei. Der „Russenmarsch“ ist seit ein paar Jahren das größte Fest und der bedeutendste „Bereitschaftsappell“ der russischen Nationalisten, der  bereits in dutzenden russischen Städten stattfindet und immer bedrohlichere Dimensionen annimmt. Letztes Mal sprachen die Behörden von 7000 Russenmarsch-Teilnehmern in Moskau, die Veranstalter selbst gaben die Teilnehmerzahl aber mit 25 000 an. Nun steht der 4. November 2012 bereits vor der Tür.

    „Das Haupt-‚Problem‘ der russischen Nationalisten heute ist das Fehlen eines von allen anerkannten echt charismatischen Anführers“, äußert die SOWA-Expertin. „Die meisten, die bei den Russenmärschen an die Massen appellieren, werden von diesen als Kompromissfiguren aufgenommen und nicht als echte Volkstribune, denen man gerne in die Schlacht folgen würde.“

    Neuauflage der Weimarer Republik?

    Die Parallele, die man zwischen der Weimarer Republik und dem postsowjetischen Russland zieht, ist mittlerweile fast banal geworden: Sowjet-Russland habe Anfang der 90er-Jahre genau wie Deutschland 1918 einen großen (wenn auch Kalten) Krieg verloren und große Territorien sowie an geopolitischem Einfluss eingebüßt. Die Nation fühle sich deprimiert. Die krampfhafte Suche nach einer neuen Ideologie, die das Volk zusammenschließen und mobilisieren würde, wie auch das Abdriften zum Autoritarismus seien weitere Bestätigungen für diese Parallele.

    Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum von Anfang Oktober: Hätte es heute bereits eine Nationalisten-Partei gegeben, wäre ihre Fraktion im Moskauer Stadtparlament die zweitstärkste hinter der Kreml-Partei Geeintes Russland geworden.

    Als das Interview zu Ende ist, gesteht Vera Alperowitsch, dies sei nicht ihr richtiger Name. Ihren richtigen möchte sie nicht in der Presse abgedruckt sehen. Ihre jetzige Tätigkeit – das Studium von Xenophobie und Extremismus in Russland – zwinge sie dazu: Trotz des Pseudonyms bekomme sie hin und wieder Drohanrufe. Aus demselben Grund möchte sie auch nicht, dass ihr Foto in den Medien erscheint.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA-Novosti-Redaktion übereinstimmen.

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