06:11 25 September 2017
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    Abenteuer einer Deutschen in Russland (5)
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    Gut 250 Kilometer und damit gut 3 Stunden Zugfahrt liegen vor mir, denn ich will von Moskau nach Jaroslawl. Es gibt auf der Strecke einen Expresszug, der schneller fährt als alle anderen Züge, dabei aber weniger kostet....

    Christine Auerbach, Journalistin vom Bayrischen Rundfunk, hat RIA Novosti netterweise Einblick in ihre Tagebuch-Notizen gewährt. Hier eine kleine Serie von Texten zu ihren Russland-Erlebnissen.

    Gut 250 Kilometer und damit gut 3 Stunden Zugfahrt liegen vor mir, denn ich will von Moskau nach Jaroslawl. Es gibt auf der Strecke einen Expresszug, der schneller fährt als alle anderen Züge, dabei aber weniger kostet....
    Die Logik dahinter verstehe ich zwar nicht, aber egal. Los geht’s.

    Ich kenne bisher nur die russischen Langstreckenzüge und bin ein großer Fan der Platzkart-Abteile. Die meisten meiner russischen Freunde schauen mich immer entgeistert an, wenn ich das sage, aber: hey! Nirgends ist es spannender als dort!

    Am ersten Tag erfährt man alles über die Familien der Mitreisenden, am zweiten weiß man alles über die Region, woher der andere kommt und am dritten ist es fast schon schade, dass man aussteigen muss, weil man sich doch gerade erst kennen gelernt hat.
    Außerdem waren die Zugreisenden, die ich bisher getroffen habe, immer bestens ausgestattet mit Proviant, den sie bereitwillig geteilt haben, als sie meine mageren „Butterbrote“ gesehen haben. „Butterbrot“ ist zwar ein deutsches Wort, aber in der Kunst des Zug-Proviant-Packens, seid ihr uns einen großen kulinarischen Schritt voraus! (Einmal hatte eine Mitreisende ein 5-Kilo-Glas eingelegte Gurken aus der Datscha dabei, und hat damit den halben Zug versorgt! Das muss man in Deutschland erst einmal finden...)

    Was sonst noch extrem wichtig ist, bevor man in einen Zug hier steigt: Tapatschki (Hausschuhe) einpacken! Tapatschki sind für mich sowieso das Russischste, was es gibt. Ohne Tapatschki geht gar nichts. Weder zu Hause noch im Zug. Mit ihnen wird das Abteil dann schon fast zum Wohnzimmer...

    Im Zug nach Jaroslawl gibt es keine Tapatschki. Er fährt ja auch nicht drei Tage sondern nur drei Stunden. Außerdem wäre gar kein Platz gewesen, um sie anzuziehen. Denn wir sitzen, um es vorsichtig zu sagen – eng. Meine Nebenfrau ist so füllig, dass sie auch die Hälfte meines Sitzplatzes braucht, und mein Gegenüber will seinen Rucksack nicht in die Gepäckablage legen, sondern zwischen seinen Füßen behalten. Besser gesagt zwischen unseren Füßen, denn meine müssen da ja auch noch irgendwo hin...

    Auch in unseren Regionalzügen ist es eng, aber eine vollbesetzte Elektritschka, express oder nicht, hat schon andere Ausmaße: sechs Leute pro Abteil, dann ein kurzer Gang und wieder sechs Leute, das Ganze dann acht Mal hintereinander –  macht gut 96 Leute pro Waggon.
    Ich glaube, als sich die Ingenieure überlegt haben, wie man am besten einen Zug baut, haben sie zuerst gerechnet, wie viele Leute man auf einem Quadratmeter unterbringen kann. Dann haben sie diese Zahl ordentlich aufgerundet und tataaaa  - fertig war die Elektritschka.

    Warum die Fahrt trotzdem gut war? Wegen der „Butterbrote“ natürlich. Auch wenn es keinen Platz für Tapatschki gibt, Platz für Butterbrote gibt es immer. Und die beiden Damen rechts von mir haben eine ordentliche Auswahl dabei: Salami, Käse, Gurken, Tomaten, Brot. Als ich meine Kekse auspacke, schauen sie mich nur mitleidig an. Dann erfahre ich alles über ihre Familien, danach alles über den Ort aus dem sie kommen, und am Ende habe ich so viele Butterbrote verspeist, dass ich kaum mehr aussteigen kann. Jaroslawl kann kommen!


    Die russischsprachige Variante der Texte finden Sie unter: http://www.echo.msk.ru/blog/auerbakh/

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