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    Syrien-Krise: Ein weiteres Jahr mit Assad

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    Das neue Jahr beginnt wie das vergangene mit Diskussionen über den Syrien-Krieg. Nach wie vor wird eine Wende erwartet.

    Das neue Jahr beginnt wie das vergangene mit Diskussionen über den Syrien-Krieg. Nach wie vor wird eine Wende erwartet.

    Mittlerweile sind sich viele jedoch nicht mehr sicher, dass die Tage des syrischen Diktators gezählt sind. Im vergangenen Jahr hieß es mindestens drei Mal, dass eine Lösung des Konfliktes bevorstehe. Assad verlor hochrangige Mitstreiter, die zum Gegenlager überliefen. Damaskus wurde von Bombenanschlägen erschüttert, bei denen auch Vertreter der syrischen Regierungselite getötet wurden. Die Aufständischen verkündeten, den größten Teil des Landes zu kontrollieren. Die Oppositionellen wurden von führenden westlichen Ländern als legitime Repräsentanten des syrischen Volkes anerkannt. Doch es kam zu keinem Ergebnis. Kurz nach dem Jahreswechsel richtete sich Assad mit einer Botschaft an das Volk. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass er kaum gewillt ist, zu kapitulieren. Eher genau das Gegenteil.

    Das Interesse an Syrien hängt nicht nur mit dem Bürgerkrieg zusammen. Der Syrien-Konflikt legt die Probleme in der Weltpolitik offen. In Syrien verflechten sich Prozesse mit großem zerstörerischen Potential.

    Die jahrzehntelang regierenden autoritären Regimes haben ausgedient. Die Gesellschaften wehren sich gegen die Unterdrückung – trotz mitunter gutem Lebensstandard und Fortschritten. Die Diskussionen in Russland muten seltsam an, dass die Wandlungen im Nahen Osten das Machwerk äußerer Kräfte sind. Es gibt zwar tatsächlich eine Demokratisierung, deren Ergebnisse unterscheiden sich jedoch bisweilen stark von den westlichen Vorstellungen.

    Ein weiterer Trend ist der Ausbruch von religiösen Kontroversen. Die Syrien-Krise begann als Protest des demokratisch gestimmten Teils der Bevölkerung gegen die Autokraten. Doch die Proteste verwandelten sich schnell in eine Konfrontation zwischen der regierenden schiitischen Minderheit und der lange Zeit diskriminierten sunnitischen Mehrheit. Syrien wurde zum Schauplatz der Nahost-Konflikte, die in den 1970er-Jahren ihren Anfang nahmen. In den vergangenen zehn Jahren wurden sie zum wichtigsten Aspekt der regionalen Politik. Die Wut und Hartnäckigkeit sind der Grund dafür, dass die sich bekämpfenden Lager keine Kompromisse in dem religiösen Krieg eingehen. Sie kämpfen ums Überleben. Nach Bosnien und Kosovo in den 1990er-Jahren ist es der nächste große Konflikt, bei dem es vor allem um die Findung der eigenen Identität geht. Syrien wird wohl nicht das letzte Beispiel dafür sein.

    Der dritte Trend ist der Kampf der regionalen Mächte um Einfluss. Der Iran und Saudi-Arabien stehen sich dabei gegenüber. Sie ringen um Religion, Energie, Geopolitik, ethnische Zugehörigkeit. Jeder hat in Syrien und außerhalb seine Verbündeten. Wegen des Konfliktverlaufs hat sich das Gleichgewicht im Nahen Osten noch nicht verändert.

    Beim vierten Trend geht es nicht nur um den Kampf der Großmächte um Präsenz und Interessen, sondern auch um die Dominanz ihrer Strategien. Daraus ergibt sich Moskaus harte Position, die von vielen Experten mit unwichtigen Faktoren oder Sympathie gegenüber Diktatoren erklärt wird. Das stimmt zwar teilweise, ist jedoch nicht der Hauptgrund. Russland will eine Wiederholung der Libyen-Krise als Vorbild für die Lösung von lokalen Krisen verhindern. In Libyen hatten sich äußere Kräfte mit militärischer Unterstützung eingemischt. Moskaus Gegenschritte hängen also nur indirekt mit den Nahost- und Syrien-Fragen zusammen. Es handelt sich um ein Funktionsprinzip in den internationalen Beziehungen.

    Die Syrien-Frage dominiert derzeit in der Weltpolitik. Die verworrene Verflechtung verschiedener Prozesse macht das Szenario unberechenbar. Die Wahl der Strategie wird zu einer Lotterie.

    Deswegen gibt es keine einfache Lösung - davon hat Moskau von Anfang an gesprochen. Hätte Assads Rücktritt die Lösung des Syrien-Konfliktes bedeutet, wäre es schon längst dazu gekommen. Weil es nicht so ist, könnte Assad auch im nächsten Jahr noch syrischer Präsident sein.

    Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen

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