17:37 16 Dezember 2017
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    Iran droht das Schicksal der Sowjetunion

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    Obwohl die atheistische Sowjetunion „der kleine Satan“ für die Iraner war (der „große Satan“ waren bekanntlich die USA), haben die beiden Länder mehr gemeinsam als sie zugeben würden.

    Ältere Russen beschleicht manchmal ein eigenartiges Gefühl, wenn sie in den Iran reisen.

    Viele Russen erleben ein Deja-Vu in dem Gottesstaat, in dem der Empfang von BBC-Sendungen mit Störsender behindert wird und die politischen und geistlichen Anführer von riesigen Plakaten grüßen.

    Obwohl die atheistische Sowjetunion „der kleine Satan“ für die Iraner war (der „große Satan“ waren bekanntlich die USA), haben die beiden Länder mehr gemeinsam als sie zugeben würden.

    „Die Parallelen sind in Wahrheit beeindruckend“, so der Orientalist, Wladimir Saschin, einer der profiliertesten Iran-Experten in Russland.

    Einige Aspekte wie beispielsweise das Verhalten gegenüber Ausländern waren offensichtlich. Andere Aspekte hatten viel tiefere Ursachen. „Beide Länder waren stark propagandistisch und hatten im Grunde dieselbe staatliche Ideologie“, so Saschin.

    Die Führung beider Länder lässt sich als autoritär bezeichnen. Dabei handelte es sich um zwei Länder mit einer riesigen Bevölkerungszahl und großem technologischen Potenzial. Zudem galten sie im Westen als Schurkenstaaten, US-Präsidenten nannten sie Bösewichte, während der Großteil ihrer Einwohner sich nach westlichen Werten und Lebensstandards sehnte.

    Weitere Gleichsetzungen sind unangebracht, besonders wenn man die vielen Unterschiede zwischen dem kommunistischen Imperium und der islamischen Republik bedenkt. Viele Iraner finden sie jedoch auffällig.

    Auch frühere Sowjetbürger erkennen viele Gemeinsamkeiten. Experte Saschin erinnert sich an „einen kleinen Skandal“, den sein Bericht auf einer Konferenz in Moskau im Jahr 1982 auslöste, in dem er das politische System in der Sowjetunion und die frischgebackene Theokratie im Iran verglich.

    Großer Bruder gegen Rock’n’Roll

    Eine Gemeinsamkeit, die man sofort bemerkt, sind die vielen Plakate mit den Konterfeis der iranischen Anführer. Das frühere geistliche Oberhaupt, Ajatollah Ruhollah Chomeini, und sein Nachfolger Ali Chamenei sind in Teheran an jeder Ecke, auf jeder Außenwand einer Behörde zu sehen – genauso wie einst Karl Marx, Wladimir Lenin oder auch Leonid Breschnew in der Sowjetunion.

    Reisende aus dem Ausland bemerken sofort die aufmerksamen Blicke der Grenzschützer. Vor allem Journalisten werden peinlich genau geprüft.

    Im Hotel überprüft die Polizei immer wieder ihre Dokumente, die sie an der Rezeption im Tausch gegen den Zimmerschlüssel abgeben müssen.

    Iranische Beamte verhalten sich durchaus freundlich – Gäste müssen sich keine Sorgen machen, wenn sie durch Teheran spazieren. Die iranische Hauptstadt sieht eigentlich wie eine ganz normale Metropole aus. Allerdings dauert es einige Zeit, um sich an die verschleierten Frauen und die vielen Ajatollah-Porträts zu gewöhnen.

    Bleibt man kurz stehen, spürt man sofort die neugierigen Blicke. Auch ausländische Zigarettenmarken sorgen für Neugier. Im Iran gibt es wegen der internationalen Sanktionen keine normalen Zigaretten – wie einst in der Sowjetunion, aber aus anderen Gründen. Die stolzen Iraner bitten zwar nicht um eine Zigarette, aber wenn sie Zigarette angeboten bekommen, greifen sie gerne zu.

    Das scheinbar fehlende Interesse für Ausländer, das eigentlich nur Neugier und Misstrauen verdeckt, entspricht dem Verhalten der Sowjet-Bürger nach 1945.

    Auch der Umgang mit der englischen Sprache erinnert an die alten Lehrbücher aus Sowjetzeiten. Anti-westliche Losungen werden üblicherweise Englisch hinausposaunt – damit Ausländer sie garantiert verstehen. Iranische Dolmetscher haben jedoch Schwierigkeiten, richtig Englisch zu sprechen.

    Das Misstrauen gegenüber westlichen Medien ist groß: Sender wie BBC oder CNN, die früher vom sowjetischen KGB gestört wurden, sind im Iran verboten, genauso wie soziale Netzwerke, die es zu den Sowjetzeiten nicht gab (sonst wären sie wohl auch verboten gewesen).

    In der Sowjetunion gab es in den Armee und in Betrieben spezielle Kommissare, deren Aufgabe es war, für die „richtige“ ideologische Einstellung der Soldaten bzw. Arbeiter zu sorgen. Auch im Iran gibt es Beamte mit ähnlichen Aufgaben. Dem Iran-Experten Saschin zufolge gibt es zudem informelle Mitarbeiter, die die Polizei über oppositionelle Aktivitäten benachrichtigen.

    Westliche Musik ist im Iran verboten. Hollywood-Filme werden einer strengen Zensur unterzogen, bevor das breite Publikum sie sehen darf. So etwas gab es auch in der Sowjetunion, wo die Hard-Rock-Band Kiss wegen „Propaganda des Neofaschismus“ und Tina Turner wegen „Sex-Propaganda“ verboten waren.

    Dennoch können CDs von Modern Talking oder DVDs mit dem Zeichentrickfilm „Ice Age“ problemlos auf den Teheraner Märkten gekauft werden. Auch in der Sowjetunion konnte man leicht auf dem Schwarzmarkt an Schallplatten von Kiss oder Pink Floyd herankommen.

    Selbst die Sittenpolizei hatte es in der Sowjetunion gegeben: In den 1950er-Jahren gab es in Moskau viele Freiwillige, die Jugendliche mit langen Haaren und in „amerikanischer Kleidung“ jagten.

    Der Geist des Politbüros

    Noch offensichtlicher ist die Ähnlichkeit des politischen und wirtschaftlichen Systems beider Länder.

    Die vier islamischen Expertengremien, die im Iran im zweiten Machtbereich angesiedelt und nur dem Ajatollah untergeordnet sind, sind für politische und wirtschaftliche Angelegenheiten zuständig. In der Sowjetunion war dafür das Zentralkomitee (ZK) der Kommunistischen Partei zuständig.

    Im Iran herrscht staatliche Planwirtschaft, obwohl Privatunternehmen im Unterschied zur Sowjetunion erlaubt sind. Der Staat kontrolliert unmittelbar mehr als 40 Prozent des BIP. Laut dem iranischen Sender PressTV werden Fünf-Jahres-Pläne erstellt bzw. erfüllt, obwohl die Islamische Republik laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) seit 2007 ein Schwellenland ist.

    Die Einschränkung der politischen Freiheiten im Iran erinnere an die Verfolgung von Dissidenten in der Sowjetunion, so Viktor Misin, ehemaliger Diplomat und Iran-Experte an der Moskauer Hochschule für internationale Beziehungen.

    Im Iran werde die Opposition verfolgt oder aus politischen Gründen für schuldig erklärt, heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Freedom House. In der Pressefreiheit-Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenzen für 2013 rangiert die Islamische Republik auf Platz 174 von 179 Ländern.

    Gleichzeitig kenne der technische Fortschritt im Iran nahezu keine Grenzen, stellte Experte Misin fest. Die Aktivitäten in der Forschung haben zwischen 1996 und 2008 um das 18-Fache zugelegt. Davon zeugt eine Studie des britischen Fachmagazins „New Scientist“.

    Neben seinem umstrittenen Atomprogramm entwickelt Teheran eigene ballistische Raketen und befasst sich mit der Raumfahrt. Erst vor kurzem hatte die Islamische Republik einen Affen ins Weltall geschickt, der erfolgreich auf die Erde zurückkehrte. Das ist mit der Sowjetunion durchaus vergleichbar: Das 1922 entstandene Agrarland war nur 40 Jahre später das erste in der Welt, das einen Menschen in den Weltraum geschickt hat.

    „In beiden Ländern war das Establishment ursprünglich archaisch und unaufgeklärt. Aber die iranischen Wissenschaftler, Diplomaten und Militärs sind sehr gut ausgebildet“, stellte Misin fest.

    Warten auf iranischen „Gorbatschow“

    Einer der Unterschiede zwischen der Sowjetunion und dem Iran bestehe darin, dass es in der Islamischen Republik mehr Freiheiten gebe, so Experte Saschin.

    Die meisten Iraner dürfen ins Ausland reisen – anders als die Sowjetbürger, für die Auslandsreisen ein kaum vorstellbarer Luxus waren. Nur wenige, die ihre Loyalität zum „Regime“ bewiesen hatten, durften ihre Heimat verlassen und für ein paar Wochen in das sozialistische Bulgarien reisen.

    Zudem regierten in der Sowjetunion nur die Kommunisten. Im Iran dagegen gibt es mehr als 200 Parteien, wobei das Parlament vor allem bei der Regierungsbildung ein gewichtiges Wort mitredet.

    Dennoch sind die politischen Freiheiten eher begrenzt – der Reformhunger der gebildeten Bevölkerungsschichten im Iran könnte zu einer weiteren Parallele zur Sowjetunion werden, falls die Machthaber schwächer werden, wie geschehen mit den Kommunisten in den späten 1980er-Jahren.

    „Im Iran beginnt bald eine Art Perestroika“, prognostizierte Misin. „In jedem Fall wird der Klerus schrittweise schwächer – dieser Prozess geht weiter voran.“

    Der iranische Präsident Mohammad Chatami, der von 1997 bis 2005 regierte, wurde im Westen für seine liberale Politik tatsächlich als „iranischer Gorbatschow“ bezeichnet. Er wurde jedoch von Hardliner Mahmud Ahmadinedschad abgelöst. Chatamis Regierungszeit ähnelt der „Tauwetter“-Periode der 1960er-Jahre unter dem damaligen sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow. Unter seinem Nachfolger Leonid Breschnew begann die Stagnation. Erst Mitte der 1980er-Jahre begann Gorbatschows Perestroika.

    Immer mehr Iraner begrüßen Veränderungen, vor allem die Großstädter, die dem Westen gegenüber positiv eingestellt sind und die eine Demokratie statt der geistlichen Aufsicht des Ajatollahs bevorzugen.

    Die mutmaßlichen Manipulationen bei der Präsidentschaftswahl 2009, zu deren Sieger Ahmadinedschad ernannt wurde, löste im Iran die größte Protestwelle nach der islamischen Revolution von 1979 aus. Die Massenproteste wurden zwar niedergeschlagen, aber die Iraner, die damals auf die Straße gegangen waren, haben das Land nicht verlassen.

    Die Unzufriedenheit über die aktuelle Staatsführung wächst– nicht zuletzt wegen der vielen Wirtschaftsprobleme. Auch das erinnert an die Sowjetunion, wo die Kommunisten die Unterstützung des Volkes verloren, nachdem die Ölpreise auf dem Weltmarkt in den späten 1980er-Jahren dramatisch geschrumpft waren. Viele Iraner sind verärgert über die westlichen Sanktionen und die unvollendeten innenpolitischen Reformen der Regierung.

    „Der Reformprozess hat im Iran bereits begonnen. Jetzt lässt er sich kaum noch stoppen“, so Experte Misin. „Die Iraner haben vorerst keinen eigenen Boris Jelzin, der das Establishment herausfordern könnte“, erinnert er an jene Person, die die Sowjetunion im Grunde auflöste und zum ersten russischen Präsidenten wurde.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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