18:54 19 August 2017
SNA Radio
    Meinungen

    Fantastisch, Mr. Fox: Russland sieht rot

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 38 0 0

    Sie hassen und sie lieben ihn. Er schleicht sich in Promi-Fotos, gefährdet die Jugend und gehört verboten. Schon wieder dieser seltsame Fuchs! Die rote Bedrohung zeigt Russland ihr verzerrtes Antlitz.

    Sie hassen und sie lieben ihn. Er schleicht sich in Promi-Fotos, gefährdet die Jugend und gehört verboten. Schon wieder dieser seltsame Fuchs! Die rote Bedrohung zeigt Russland ihr verzerrtes Antlitz.

    Oktober 2012. A Star is Born. Ein präparierter Rotfuchs wechselt seinen Besitzer. Das kleine Kerlchen ist dabei von Anfang an kein gewöhnlicher Vulpus Vulpus. „Ungewöhnlich, menschenähnlich, ausgestopft“ – mit diesen Attributen hatte die junge Taxidermistin Adele Morse ihr, wie sie später zugab, etwas verpfuschtes Werk für die Internet-Auktion angepriesen.  

    Verhunzt, verkauft, vervielfältigt

    Eine Verkettung von Anfängerinnenfehlern – zuvor hatte sie es nur mit kleineren Lebewesen zu tun gehabt – verlieh dem Füchslein jenen unvergleichbaren Gesichtsausdruck, dank dem seine Schöpferin es nicht übers Herz brachte, das Tierpräparat zu entsorgen. Stattdessen bietet sie ihn auf Ebay feil: „Er ist nicht perfekt, aber hat viel Charakter. Er kann auf einem Schrank, einem Stuhl oder einem Regal sitzen.“

    330 Pfund – zum  Ersten, zum Zweiten und zum Dritten. Hätte Morse zu diesem Zeitpunkt geahnt, was für Talente in ihrem Chef d'Œuvre stecken, wäre  Mike aus Manchester vielleicht nicht so billig davongekommen.

    Stuhl, Schrank, Regal? Pah! Die Ebay-Versteigerung ist noch in vollem Gange, als sich der besagte Fuchs originellere Sitzgelegenheiten sucht. Da wäre z.B. eine Parkbank, auf ihr hockt ein verloren wirkender Keanu Reeves. Unser Freund der Fuchs lümmelt daneben, stiert mit dem depressiven Mimen lebensverneinend ins Leere und lauscht geduldig und fernab von jeder Hoffnung dem Wachsen der Bartstoppel. Später wird das marode Fellknäuel in Felix Baumgartners Space-Kapsel gesehen, im Cabrio hinter Johnny Depp und Benicio del Toro auf dem Weg nach Las Vegas, auf dem Knie des russischen Präsidenten während dem Kranichflug, im Arm adliger Damen oder in Schischkins Wald, auf dem Bettrand neben einer verweinten Braut, auf Stalins Schoß. Überall dieser Fuchs.

    Die Russen, der Rausch

    In der herzerbärmlichen Physiognomie und dem markanten Blick aus Plastik-Kulleraugen ist etwas ganz Besonderes. In Russland hängt ihm sofort der Ruf eines notorischen Drogenkonsumenten nach. Als „bekiffter Fuchs“ mausert er sich in Affentempo zu einem der aktivsten lokalen Internet-Phänomene.

    Er steckt in Gagarins Raumanzug, knotzt auf Freuds Couch und fläzt neben Lenin auf einem Baumstamm. Tierfreunde aus aller Herren Länder (mit unübersehbarem Russland-Schwerpunkt) gehen ihm mit verzückter Miene an den stumpfen Pelz, während er, der Ewiggleiche, zur universellen Metapher mutiert, in hundertfacher Ausführung mit glasigen Augen sichtlich „not amused“ auf den morbiden Starruhm rund um seine Person blickt.

    Als Adele Morse nach Abschluss der Auktion wieder einmal ihren Ebay-Account checkt, erwartet sie eine Fanpost-Lawine aus Russland. Warum gerade dort ihr präparierter Fuchs zum Internet-Mem wurde, ist der Künstlerin selbst ein Rätsel. Ein Russe, mit dem sie in Email-Kontakt tritt, erklärt ihr, der Fuchs sieht etwas traurig und betrunken aus – und so fühlen sich die Russen auch.

    Etwa zur selben Zeit torkelt im bombastischen Fehlschlag einer humorvollen Anti-Alkohol-Kampagne des russischen Gesundheitsministeriums das „höllische Eichhörnchen“ über die Computerbildschirme des Landes. Jegliche Ähnlichkeit mit dem berauschten Fuchs – rote Augen, verfilztes, schütteres Fellkleid, unfreiwillig komisches Delirium, fünf Millionen Klicks – sind reiner Zufall.

    (Anti-)Russische Seele

    Die Onlinezeitung Lenta.ru gesteht der 26-jährigen Britin überhaupt zu, mit ihrer Arbeit auf wundersame Weise ein Stück „russischer Seele“ eingefangen zu haben. Der Fuchs habe die Russen im Innersten berührt, da „alle möglichen schief geratenen und unnützen Dinge bei uns nicht nur Mitgefühl auslösen, sondern auch unbändiges Verzücken vor dem unfassbaren Ausmaß ihrer absurden Macht“. Jede Russin und jeder Russe kann sich auf eigene Weise mit dem zugedröhnten Fuchs identifizieren, so das Blatt.

    Wie die Taxidermistin in einem Interview mit der Daily Mail ausführt, taugt ihr Fuchs dem russischen Volk als eine Art Nationalsymbol. Mittlerweile gibt es ihn dort sogar als Plüschtier.

    Eine Privatgalerie in Sankt Petersburg gibt der Fangemeinde des legendären Ausstopf-Malheurs nun die Gelegenheit, ihrem Idol und seiner Schöpferin von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Von 3. bis 5. April soll das psychedelische Präparat inmitten der besten Foto-Collagen ausgestellt werden. Morse plant zugleich Filmaufnahmen des Events und will die begehrte Dermoplastik danach auch nach  Moskau bringen.

    Die phantastische Reise des vollgehypten Fuchs-Stars rief jedoch bereits im Vorfeld einige Gegner auf den Plan. Für Sergej Malinkowitsch von den „Kommunisten Russlands“ ist der bekiffte Fuchs eher Staatsfeind denn Nationalheld.

    Lenin und die rote Gefahr

    Das „hässliche“ Ding sei eine ernsthafte Gefahr für die russische Jugend, heißt es in seinem Schreiben an den Gouverneur von Sankt Petersburg und den russischen Inlandsgeheimdienst, in dem er wegen eines angeblich negativen politischen Kontexts ein Verbot der Ausstellung fordert.

    „Diese Künstlerin verbreitet ein Bild, wo irgendein Fuchs neben Lenin sitzt, es gibt auch Bilder mit dem jetzigen Staatschef und dieser umstrittenen Gestalt. Das ist eine Verunglimpfung des Landes“, so Malinkowitsch.

    Unterstützung erhält er vom einschlägig bekannten Abgeordneten Vitali Milonow – dem Autor des Gesetzes gegen „Homosexuellen-Propaganda“. Auch die Ausstellung mit dem Fuchs sei Propaganda, twitterte der Politiker. Diesmal geht es Milonow um den Kampf gegen „Propaganda für Tierquälerei“ – obwohl die junge Britin in zahlreichen Interviews darauf hinweist, dass ihr Schützling eines natürlichen Todes gestorben und jegliches Tierleid ihr als überzeugter  Vegetarierin ein Gräuel ist.

    „Petersburg, ich komme!“

    Der Aufruf des Abgeordneten an die Petersburger Hundebesitzer, mit ihren Vierbeinern vor dem Eingang der Galerie zu protestieren, zwingt die Ausstellungsmacher zu erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, so  Xenia Schalak, eine der Organisatorinnen, zu RIA Novosti.

    „Wir sind wegen der erschwerten Situation gezwungen, während der Ausstellung mehr Security aufzustellen, damit alle Interessenten sich mit dem berühmten Fuchs fotografieren lassen und mit seiner Schöpferin unterhalten können“, so die PR-Direktorin des geplanten Ausstellungsorts.

    Ihr zufolge wollen die Gegner der Ausstellung mit ihrer angedrohten Klage hauptsächlich Eigen-PR betreiben. Der unbestreitbare Nebeneffekt: Kostenlose Zusatz-PR für den Kult um den zerfledderten Balg, dem Adele Morse und seine russischen Fans so viel Leben eingehaucht haben.

    Inmitten dieser Gefühlswallungen sitzt der zugedröhnte Fuchs wie ein Fels in der Brandung. Konserviert, um ringsum allem zu trotzen. Ihm ist egal, was die Leute von ihm halten. Gleichgültig, wer diesmal neben ihm sitzt, ihn knuddelt oder entsetzt ansieht, ihn ablehnt oder mit ihm abtanzt – in seinem Blick die immer gleiche Mischung aus Schwermut, Spott und Stoizismus vor allen großen Fragen der Menschheit, für die die einen ihn lieben, die anderen ihn eben hassen. Egal. Stabilität ist sein Markenzeichen, Russland seine Marktlücke. Schon thront er im Damensitz auf dem ehernen Reiter: „Sankt Petersburg, ich komme.“

    Die Meinung der Autorin muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren